ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2012Medienabhängigkeit: Eigenständige psychische Krankheit

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Medienabhängigkeit: Eigenständige psychische Krankheit

PP 11, Ausgabe September 2012, Seite 391

Bühring, Petra

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Vier Prozent der 14- bis 16-Jährigen in Deutschland sind medienabhängig. Foto: picture alliance
Vier Prozent der 14- bis 16-Jährigen in Deutschland sind medienabhängig. Foto: picture alliance

Der übermäßige Umgang mit digitalen Medien soll nicht nur Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns haben. Unterschätzt wird auch das Ausmaß der Medienabhängigkeit.

Eine achte Klasse auf Wandertag in der Berliner S-Bahn: Die Mädchen schnattern vergnügt mit der Freundin; die Jungs sind fast alle über Spiele-Apps auf ihren Smartphones gebeugt – die Kommunikation auf Comicsprache beschränkt. Werden diese Jungen später frühzeitig dement, wie der Hirnforscher Prof. Dr. Manfred Spitzer prophezeit? Einige von ihnen vielleicht pathologisch mediensüchtig?

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Psychiater Spitzer ist zurzeit wegen seines neuen Buches „Digitale Demenz – wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ in vielen Publikumsmedien präsent. Mit Leidenschaft verteidigt er dort seine These, dass die geistige Leistungsfähigkeit abnimmt, wenn man zu häufig digitale Medien benutzt. Passiere weniger im Gehirn, weil das Denken dem Computer überlassen werde, bildeten sich weniger Gehirnwindungen aus. Den Begriff „digitale Demenz“ habe er von koreanischen Kollegen übernommen, erklärt Spitzer, die damit bereits 2007 ein Phänomen beschrieben haben: junge Erwachsene, die sich nicht mehr konzentrieren können, Probleme mit dem Lesen von Texten haben, müde, motivationslos und emotional abgestumpft sind. Sie alle nutzten Smartphones, Tablets und PCs exzessiv. Heute seien etwa zwölf Prozent der jungen Koreaner internetsüchtig.

Spiel, Cybersex, Facebook

In Deutschland sind es noch nicht ganz so viele: Einer breit angelegten Studie zufolge, die das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium in Auftrag gegeben hat (Rumpf et al., 2011), gelten 1,5 Prozent der Bevölkerung (14 bis 64 Jahre) als internetabhängig. Bei den 14- bis 16-Jährigen sind es sogar vier Prozent. Nach Angaben des Fachverbands Mediensucht e.V. sind die meisten abhängig von Spielen, gefolgt von Cybersex und sozialen Netzwerken.

Wann gilt jemand als medienabhängig? „Wer dauernd am Tropf des Internets hängt und Computerspiele spielt, ist suchtgefährdet. Wer darüber hinaus das Gefühl hat, ohne das Internet nicht mehr leben zu können und Entzugserscheinungen bei Abstinenz zeigt, ist der Sucht verfallen und benötigt konkret Hilfe“, erklärt der Vorsitzende des Fachverbands, Priv.-Doz. Dr. med. Bert te Wildt, Bochum.

Damit die Betroffenen in den Strukturen des Suchthilfesystems beraten und behandelt werden können, fordert der Fachverband aktuell, Medienabhängigkeit als eigenständige psychische Erkrankung anzuerkennen. Dafür spreche nicht nur die hohe Prävalenz über das Teenageralter hinaus. Abhängiger Medienkonsum sei den Studien zufolge mit erheblichen psychischen, physischen und sozialen Beeinträchtigungen verbunden. Als stoffungebundene Abhängigkeitserkrankung sollte Medienabhängigkeit deshalb in die Klassifikationssysteme DSM-IV und ICD-10 aufgenommen werden, fordert der Fachverband. Die Chancen dafür ständen nicht schlecht: Inzwischen sei bekannt geworden, dass im neuen DSM-V eine Kategorie „substance and addictive disorders“ eingerichtet werde. Dabei werde das pathologische Glücksspiel, das bisher unter den Impulskontrollstörungen verortet war, der neuen Kategorie zugeordnet. „Internet addiction“ soll zusätzlich als psychische Erkrankung aufgelistet werden.

Spezifische Versorgung

Erst wenn Medienabhängigkeit im deutschen Gesundheitssystem anerkannt sei, könnten spezifische Versorgungsstrukturen etabliert werden. Bislang fehlten den Beratungsstellen und Ambulanzen im Suchtbereich die juristische und finanzielle Grundlage für ihre Arbeit, erklärt der Fachverband. Empfehlungen für die Versorgung von Medienabhängigen hat der Fachverband aktuell erarbeitet.

Manfred Spitzers’ Tipp zur Prävention von digitaler Demenz, nämlich „längstmögliches Fernhalten, um ein Vorwissen von Fakten und Erfahrungen aufzubauen, das außerhalb der Medien entstand“, erreicht die computerspielenden Berliner Schüler wohl nicht mehr. Aber womöglich regen seine Thesen ein grundsätzliches Umdenken zum Umgang mit Computern, Playstations oder Smartphones bei Kindern an.

Petra Bühring

@Empfehlungen des Fachverbandes im Internet: www.aerzteblatt.de/pp/12391

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