ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2012Gewalt gegen Frauen: Kein Schutz für alle

POLITIK

Gewalt gegen Frauen: Kein Schutz für alle

PP 11, Ausgabe September 2012, Seite 397

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Ein Gutachten im Auftrag des Familienministeriums legt erstmals Zahlen über die Anzahl von Frauenhäusern vor. Ein Ergebnis: Im Jahr 2011 konnten 9 000 Frauen nicht aufgenommen werden. Die Regierung will nun ein Hilfetelefon einrichten.

Zum ersten Mal haben Wissenschaftler die Zahl aller deutschen Frauenhäuser und Fachberatungsstellen erfasst. Einem im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) erstellten Gutachten zufolge gibt es in Deutschland 353 Frauenhäuser sowie mindestens 41 weitere Schutz- beziehungsweise Zufluchtswohnungen mit insgesamt etwa 6 000 Plätzen für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder. In ihnen finden jährlich 15 000 bis 17 000 Frauen mit ihren Kindern Zuflucht. Hinzu kommen 750 Fachberatungsstellen für Gewalt gegen Frauen (Kasten).

Charakteristisch für die meisten Angebote sowohl von Zufluchtseinrichtungen als auch von Fachberatungsstellen sei ein hoher Auslastungsgrad mit temporären Über- und Unterauslastungen, heißt es in der Stellungnahme der Bundesregierung zu dem Gutachten, das in dem vom Bundeskabinett beschlossenen „Bericht der Bundesregierung zur Situation der Frauenhäuser, Fachberatungsstellen und anderer Unterstützungsangebote für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder“ enthalten ist. Fachberatungsstellen verzeichneten in der Regel eine hohe Inanspruchnahme bei dünner Personaldecke. Dies schlage sich zum Teil in Wartezeiten nieder: Ein Viertel aller Einrichtungen habe für Klientinnen je nach aktueller Situation Wartezeiten von zwei bis fünf Wochen. In den auf Gewalt gegen Frauen allgemein spezialisierten Beratungsstellen erhielten die Klientinnen jedoch meistens innerhalb von wenigen Tagen einen Termin für eine Erstberatung. „Signifikant länger fallen Wartezeiten bei Fachberatungsstellen bei sexuellem Missbrauch aus“, schreibt die Bundesregierung. Dabei sei allerdings zu berücksichtigen, dass sich ein „recht großer Anteil“ der Klientinnen nicht wegen einer akuten Krise, sondern im Zusammenhang mit länger zurückliegenden Erfahrungen melde.

Anzeige

Kaum Angebote für Kinder

Nichtaufnahmen durch Frauenhäuser und Zufluchtswohnungen gebe es vor allem wegen Überfüllung oder fehlender Eignung der Einrichtung; fehlende Refinanzierungsmöglichkeiten spielten demgegenüber eine nachrangige Rolle. Insgesamt konnten Frauenhäuser im Jahr 2011 knapp über 9 000 schutzsuchende Frauen nicht aufnehmen. „Daraus können jedoch keine Rückschlüsse darauf gezogen werden, wie viele schutzsuchende Frauen unversorgt geblieben sind, da sie zumeist an andere Einrichtungen weiterverwiesen wurden“, betont die Bundesregierung.

Frauenhäuser in Ost- und Westdeutschland sind dem Gutachten zufolge unterschiedlich aufgestellt. „Frauenhäuser in den östlichen Bundesländern sind in der Regel weniger gut ausgestattet als die in den westlichen Bundesländern. Es fehlt ihnen vor allem an Ressourcen, um Angebote für die im Haus lebenden Mädchen und Jungen zu machen. Zudem gibt es in ihrem Umfeld kaum Angebote für Kinder und Jugendliche, die Gewalt in der Beziehung der Eltern ausgesetzt waren“, heißt es in der Studie.

Knappe Ressourcen im Osten

Generell seien die ostdeutschen Frauenhäuser zudem weniger gut eingebettet in ein lokales oder regionales Unterstützungssystem. Die Anzahl und die Kapazitäten von Einrichtungen, an die sie weiterverweisen könnten, seien vergleichsweise gering. „Da Frauenhäuser in den östlichen Bundesländern mehrheitlich für ländliche Regionen und oft für große Flächenlandkreise zuständig sind, müssen sie häufig sowohl mit den erschwerten Rahmenbedingungen des ländlichen Raumes als auch mit der in den östlichen Ländern anzutreffenden Ressourcenknappheit zurechtkommen“, resümieren die Autoren der Studie.

Wie eine Umfrage im Rahmen der Studie gezeigt hat, sind Frauen in den alten Bundesländern zum Teil signifikant häufiger von häuslicher und sexueller Gewalt betroffen als in den neuen Bundesländern. Die Ergebnisse der Umfrage seien allerdings als Mindestwert der Gewaltbetroffenheit anzusehen, hinter dem ein Dunkelfeld stehe, das nicht ganz erhellt worden sei, bemerken die Autoren. Zu den Unterschieden zwischen den Bundesländern könne daher angenommen werden, dass historische Entwicklungen eine Rolle bei der Aussagebereitschaft befragter Frauen spielen könne. So könnten die besondere Tabuisierung, der Gewalt gegen Frauen in der damaligen DDR unterlag, und die starke Stigmatisierung von Gewaltopfern anhaltend Einfluss auf die Offenbarungsbereitschaft von Frauen in den neuen Bundesländer gehabt haben beziehungsweise noch haben, heißt es in der Studie.

Unterschiede gibt es auch im Stadt-Land-Gefälle. Vor allem in den Großstädten deuten sich der Studie zufolge höhere Gewaltniveaus an. „Hier könnten Faktoren wie die größere soziale Kontrolle in kleineren Ortschaften oder ländlichen Regionen, die die Bereitschaft, erlebte Gewalt zu offenbaren, einschränken kann, eine Rolle spielen“, so die Autoren der Studie. Die größere Anonymität von Städten, insbesondere Großstädten, hingegen könne die Mitteilungsbereitschaft fördern.

Hilfe nicht beansprucht

Etwa fünf Prozent aller Frauen haben schon mindestens einmal wegen eigener Gewalterfahrung Beratung gesucht, wie weiterhin aus der Studie hervorgeht. Nicht jede Frau, die akut oder zurückliegend Gewalt erfahren habe, habe jedoch eine Beratung in Anspruch genommen: Neun Prozent aller befragten Frauen hätten – obwohl sie von Gewalt betroffen waren – keine Beratung genutzt. Es könne davon ausgegangen werden, heißt es dazu in dem Bericht der Bundesregierung, dass es etwa doppelt so viele Frauen gebe, die nach erfahrener Gewalt keine professionelle Hilfe in Anspruch genommen hätten, als Frauen, die bei der Bewältigung der Gewaltfolgen Hilfe gesucht hätten.

Körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch aktuelle/frühere Partner und täterunabhängig sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr, Lebenszeitprävalenz nach Bundesländern (in Prozent)
Körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch aktuelle/frühere Partner und täterunabhängig sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr, Lebenszeitprävalenz nach Bundesländern (in Prozent)
Grafik
Körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch aktuelle/frühere Partner und täterunabhängig sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr, Lebenszeitprävalenz nach Bundesländern (in Prozent)

Bei niedrigerer Bildung und Wohnen in einer Mietwohnung ergebe sich zudem eine signifikant höhere Nichtinanspruchnahme von Beratung, das heißt ein höherer Anteil von Frauen, die trotz Gewalterfahrung keine Beratung genutzt hätten. Am wenigsten nutze die Angebote die Altersgruppe der 30- bis 39-Jährigen.

„In Deutschland gibt es ein dichtes, ausdifferenziertes Netz an Unterstützungseinrichtungen für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder“, kommentierte Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin Kristina Schröder (CDU) die Ergebnisse des Gutachtens. Dennoch fänden nicht alle Betroffenen die Unterstützung, die sie brauchten. Schröder rief Fachorganisationen, Einrichtungsträger, Bundesländer und Kommunen auf, bestehende Zugangsschwierigkeiten abzubauen. Doch auch der Bund sei gefordert. Mit dem bundesweiten Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen, das Anfang 2013 zur Verfügung stehen werde, schließe die Bundesregierung eine wichtige Lücke im Hilfesystem, so Schröder.

Grundlage dafür ist das im März dieses Jahres beschlossene Hilfetelefongesetz, das die Einrichtung eines Hilfetelefons beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben festgelegt hat. Die Hilfeleistung soll sowohl anonym und vertraulich als auch barrierefrei und mehrsprachig erfolgen. Das Telefon soll 24 Stunden unter einer entgeltfreien Nummer erreichbar sein.

Kein ausreichender Schutz

„Schutz und Hilfe bei häuslicher und sexualisierter Gewalt sind für Frauen in Deutschland vielerorts nicht ausreichend gewährleistet“, kritisierte der Bundesvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt, Wolfgang Stadler. Ursache seien die seit langem angemahnten Defizite bei der finanziellen Absicherung des Schutzes gewaltbetroffener Frauen. Das derzeitige System der Finanzierung gleiche einem bunten Flickenteppich und müsse unbedingt reformiert werden. Denn ein unzureichender Schutz habe weitreichende negative gesundheitliche Auswirkungen, er beeinträchtige die familiären und sozialen Beziehungen sowie die berufliche Entwicklung der Frauen. „Benötigt wird ein mit ausreichenden Mitteln ausgestattetes Hilfe- und Unterstützungssystem, das es den Frauen ermöglicht, auch in anderen Bundesländern oder Kommunen Schutz in Frauenhäusern zu finden“, forderte Stadler.

„Mit dem Bericht stellt sich die Bundesregierung selbst ein Armutszeugnis beim Schutz von Frauen und deren Kinder vor Gewalt aus“, kritisierte auch die Bundesgeschäftsführerin von terre des femmes, Christa Stolle. Besonders betroffen von dem unzulänglichen Schutz seien Frauen mit Behinderungen, psychisch kranke oder suchtkranke Frauen. Aufgrund mangelnder Finanzierung fehlten in den Frauenhäusern die Ressourcen, sich auf die besonderen Zielgruppen adäquat einzustellen.

Falk Osterloh

Fachberatungsstellen

  • 310 Fachberatungsstellen bei Gewalt gegen Frauen allgemein: Sie beraten Frauen mit unterschiedlichem Gewalterleben
  • 183 Fachberatungsstellen für von sexueller Gewalt betroffene Frauen
  • 67 Fachberatungsstellen für Frauen, die in Kindheit und Jugend sexuell missbraucht wurden
  • 130 Interventionsstellen, die proaktive Beratung nach polizeilicher Intervention wegen häuslicher Gewalt anbieten
  • 40 Fachberatungsstellen spezialisiert auf Opfer von Menschenhandel, teilweise mit Schutzwohnungen
  • 12 Fachberatungsstellen spezialisiert auf Mädchen und Frauen, die von Zwangsverheiratung bedroht sind, eine davon eine bundeslandübergreifende Onlineberatung, einige mit Schutzwohnungen
  • 2 Fachberatungsstellen spezialisiert auf Betroffene von Stalking
  • 1 Fachberatungsstelle spezialisiert auf die Problematik der Genitalverstümmelung
  • 3 landesweite und 1 kommunale Hotline bei häuslicher Gewalt
  • 1 überregionale Hotline bei Zwangsverheiratung
Körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch aktuelle/frühere Partner und täterunabhängig sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr, Lebenszeitprävalenz nach Bundesländern (in Prozent)
Körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch aktuelle/frühere Partner und täterunabhängig sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr, Lebenszeitprävalenz nach Bundesländern (in Prozent)
Grafik
Körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch aktuelle/frühere Partner und täterunabhängig sexuelle Gewalt seit dem 16. Lebensjahr, Lebenszeitprävalenz nach Bundesländern (in Prozent)

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema