ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2012Bundesfreiwilligendienst: Mehr Interessenten als Stellen

POLITIK

Bundesfreiwilligendienst: Mehr Interessenten als Stellen

PP 11, Ausgabe September 2012, Seite 401

Osterloh, Falk

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Das Gespräch mit den Angehörigen ist Teil der Aufgabe von Simone Fliegel (rechts) während ihres Bundesfreiwilligendienstes. Foto: privat
Das Gespräch mit den Angehörigen ist Teil der Aufgabe von Simone Fliegel (rechts) während ihres Bundesfreiwilligendienstes. Foto: privat

Viele Hilfsorganisationen hatten zunächst Mühe, Bundesfreiwillige als Ersatz für Zivildienstleistende zu gewinnen. Nun wächst die Nachfrage. Doch es stehen nicht genügend Plätze zur Verfügung.

Die Sorge in den Krankenhäusern war groß nach dem 1. Juli 2011. Denn zu diesem Tag endete die allgemeine Wehrpflicht und mit ihr die Arbeit der Zivildienstleistenden. Doch der Gesetzgeber steuerte frühzeitig gegen und erfand den Bundesfreiwilligendienst (BFD), der den Zivildienst beerben sollte. Die Bundesfreiwilligen aber kamen zunächst nur zögerlich. Die Sorgen an den Kliniken blieben (siehe DÄ, Heft 39/2011).

Anzeige

Heute, über ein Jahr nach Beginn der neuen Ära, hat sich die Lage geändert. Die Bundesfreiwilligen sind doch noch gekommen. Und zwar mehr als vorgesehen waren. „Die Nachfrage vor allem junger Leute übersteigt das Angebot bei weitem“, sagte der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Rudolf Seiters, vor einigen Wochen in Berlin. „Wir könnten mehr als 5 000 Plätze besetzen. Doch nur die Hälfte dieser Plätze ist vorhanden.“

Als der Bund die Anzahl der BFD-Stellen im vergangenen Jahr festlegte, hatte er sich an den anderen Jugendfreiwilligendiensten, wie dem Freiwilligen Sozialen Jahr, orientiert. So bewilligte er Haushaltsmittel für 35 000 Plätze. Zu wenig, meinte Seiters. „Weil der Bund nicht die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellt, ist es dem DRK nicht möglich, mehr Stellen zu schaffen“, kritisierte der frühere Bundesinnenminister. Für das kommende Jahr forderte er den Deutschen Bundestag daher auf, mehr Plätze zur Verfügung zu stellen.

Insgesamt beschäftigt das DRK etwa 2 500 Bundesfreiwillige – die Zahl der Zivildienstleistenden lag mit zuletzt 7 900 deutlich höher. Die entstehenden Lücken in den sozialen Diensten wurden durch Ehrenamtliche und Minijobber ersetzt. Ähnlich wie dem DRK geht es auch den Johannitern. „Es gibt in vielen Regionen mehr Interessenten, als wir Stellen zur Verfügung stellen können“, sagt Verena Goetze von der Johanniter-Unfall-Hilfe. Und auch die Johanniter mussten nach dem Ende des Zivildienstes Ausfälle kompensieren. Im Jahr 2010 hatte die Hilfsorganisation 701 Zivildienstleistende beschäftigt. Bundesfreiwillige sind es bislang 420. „Insbesondere die Fahrdienste hatten unter dem Personalausfall zu leiden, so dass mancherorts solche Angebote eingestellt werden mussten“, berichtet Goetze. Nicht zuletzt die Gewährung des Kindergeldanspruches Ende 2011 habe jedoch zu einem ständigen Anstieg der Interessenten geführt.

Beim DRK arbeiten die sogenannten Bufdis am liebsten im Krankentransport oder in der Notfallrettung (19 Prozent), in Krankenhäusern (19 Prozent) oder in Altenpflegeheimen und Sozialstationen (16 Prozent). Vier von fünf Bufdis sind dabei unter 27 Jahre alt. Knapp die Hälfte hat Abitur oder eine Fachhochschulreife. „Das belegt die These, dass viele jüngere Menschen nach der Hochschulreife unsicher sind, was sie später einmal beruflich machen wollen, und den Freiwilligendienst als Orientierungsphase nutzen“, erklärte Seiters.

Ähnlich war es auch bei Simone Fliegel. Die 19-jährige Fachabiturientin wollte eigentlich Sozialpädagogik studieren. Doch sie bekam keinen Studienplatz. Um die Wartezeit sinnvoll zu nutzen, hat sie sich für den Bundesfreiwilligendienst entschieden. Jetzt arbeitet sie im Sozialdienst des Johanna-Etienne-Krankenhauses in Neuss. Hier unterstützt sie die Sozialarbeiter bei der Betreuung der Patienten. Sie sucht nach Plätzen in Pflegeheimen oder Hospizen. Sie organisiert eine Kurzzeitpflege oder einen Schwerbehindertenausweis. Sie erklärt den Patienten und ihren Angehörigen, wie es nach dem Klinikaufenthalt weitergehen kann.

„Am besten gefällt mir der Kontakt mit den Patienten“, erzählt sie. „Es ist schön, wenn man den Menschen in der schwierigen Situation, in der sie sich befinden, helfen kann.“ Heute ist sie nicht mehr traurig, dass sie nicht sofort einen Studienplatz bekommen hat. Denn: „Früher habe ich vermutet, dass mir die Arbeit als Sozialarbeiterin Spaß macht. Heute weiß ich es.“

Ob der Bund die Anzahl der BFD-Stellen im kommenden Jahr erhöhen wird, kann Peter Schloßmacher vom zuständigen Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben noch nicht sagen. „Wir gehen heute davon aus, dass es bei den 35 000 Plätzen bleibt“, erklärt er. „Ob es doch noch mehr werden, ist eine politische Entscheidung.“

Falk Osterloh

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
Deutsches Ärzteblatt print

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema