ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2012Psychische Gesundheit: Netzwerk im hohen Norden

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Psychische Gesundheit: Netzwerk im hohen Norden

PP 11, Ausgabe September 2012, Seite 410

Sonnenmoser, Marion

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„Psychenet, das Hamburger Netz für psychische Gesundheit“ ist ein innovatives Projekt von Ärzten, Psychotherapeuten, wissenschaftlichen Einrichtungen, Krankenkassen, Unternehmen und dem Senat. Ob es erfolgreich ist, wird sich zeigen.

Die umfassende und flächendeckende Versorgung psychisch Erkrankter ist ein vordringliches Problem. Daher hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) 2008 den Wettbewerb „Gesundheitsregionen der Zukunft – Fortschritt durch Forschung und Innovation“ ausgeschrieben. Beabsichtigt war, Akteure aus medizinischer Forschung, Entwicklung und Gesundheitsversorgung in einer Region zusammenzubringen, um Innovationen für das Gesundheitssystem anzuregen. Die Gesundheitswirtschaft Hamburg GmbH, eine durch den Senat und die Handelskammer Hamburg gemeinsam gegründete Agentur, koordiniert das Gesamtprojekt. Die Agentur hat in Zusammenarbeit mit mehreren Beteiligten an dem Wettbewerb teilgenommen und ein Konzept namens „psychenet – Hamburger Netz psychische Gesundheit“ zur Förderung und Verbesserung der psychischen Gesundheit und zur Früherkennung und nachhaltigen Behandlung psychischer Erkrankungen in Hamburg präsentiert, mit dem sie sich gegenüber der Konkurrenz behaupten konnte. Gemeinsam mit fünf anderen Regionen wurde Hamburg im Mai 2010 mit „psychenet“ zur „Gesundheitsregion der Zukunft“ ernannt. Das Projekt wird von 2011 bis 2014 vom BMBF gefördert. Es besteht aus etwa 60 Hamburger Akteuren, darunter Unternehmen, gesetzliche Krankenkassen, wissenschaftliche Einrichtungen, der Senat und die Handelskammer der Freien und Hansestadt Hamburg sowie weiteren Beteiligten aus dem Bereich psychische Gesundheit.

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„psychenet“ umfasst fünf Aktionsfelder, die in verschiedenen Teilprojekten in die Praxis umgesetzt werden:

  • Aktionsfeld 1Aufklärung und Bildung: Die psychische Gesundheit der Hamburger Bevölkerung soll durch verbesserte Aufklärung über psychische Erkrankungen gefördert werden. Die Umsetzung erfolgt unter anderem durch eine vierjährige Medienkampagne (Teilprojekt I) und ein Internetportal für Menschen mit psychischen Erkrankungen, Angehörige und Experten (Teilprojekt II).
  • Aktionsfeld 2 Prävention: Die psychische Gesundheit soll krankheitsübergreifend gefördert werden. Hierfür werden unter anderem in Hamburger Unternehmen Vorsorgeuntersuchungen hinsichtlich psychischer Belastungen durchgeführt und Gesundheitsberatungen angeboten (Teilprojekt III).
  • Aktionsfeld 3 Diagnostik, Indikationsstellung und Therapie: Patienten mit psychischen Erkrankungen sollen besser versorgt werden und die Versorgung besser gefördert werden. Die Umsetzung erfolgt unter anderem in hausärztlichen Praxen. Qualifizierte Pflegekräfte (sogenannte Care Manager) unterstützen die behandelnden Ärzte bei der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen (Teilprojekt IV). Um die Diagnostik und Behandlungszuweisung zu verbessern, werden fünf Gesundheitsnetze aufgebaut (Psychose, Depression, somatoforme Störungen, Magersucht und Bulimie, Alkohol im Jugendalter). Weitere Maßnahmen kommen einer schnelleren und wirkungsvolleren Behandlung zugute (Teilprojekte VI–X).
  • Aktionsfeld 4 Stärkung der Betroffenen und Angehörigen: Die psychische Gesundheit der Hamburger soll durch eine verbesserte Selbsthilfe von Betroffenen und Angehörigen gefördert werden. Dies geschieht durch neuartige Beratungsangebote von Betroffenen für Betroffene und durch Förderung der Familienhilfe (Teilprojekt V).
  • Aktionsfeld 5 Entwicklung neuer Versorgungsstrukturen: Die psychische Gesundheit soll durch eine allgemein verbesserte Struktur, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung gefördert werden. Die Umsetzung erfolgt im Rahmen der fünf Gesundheitsnetze (siehe oben Teilprojekte VI–X). 

Es gibt insgesamt elf Teilprojekte. Die folgenden fünf Teilprojekte fördern krankheitsübergreifend die psychische Gesundheit in Hamburg, indem sie das Wissen über psychische Erkrankungen in der Bevölkerung sowie in Betrieben und Unternehmen erweitern. Darüber hin- aus zielen die Projekte auf eine Verbesserung der hausärztlichen Versorgung und die Einbeziehung von Betroffenen und Angehörigen ab.

Teilprojekt I: Aufklärung und Bildung

Teilprojekt II: Interaktives Internetportal

Teilprojekt III: Betriebliche Gesundheit

Teilprojekt IV: Hausärztliche Versorgung

Teilprojekt V: Selbst- und Familienhilfe.

Weitere fünf Teilprojekte umfassen krankheitsspezifische Gesundheitsnetze, mit dem Ziel, die Struktur, Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit der Gesundheitsversorgung von Patienten mit psychischen Erkrankungen zu verbessern.

Teilprojekt VI: Gesundheitsnetz Psychose

Teilprojekt VII: Gesundheitsnetz Depression

Teilprojekt VIII: Gesundheitsnetz somatoforme Störungen

Teilprojekt IX: Gesundheitsnetz Magersucht und Bulimie

Teilprojekt X: Gesundheitsnetz Alkohol im Jugendalter.

Ein übergeordnetes Teilprojekt (Teilprojekt XI: Methodenberatung und Evaluation) dient der methodischen Qualitätssicherung sowie wissenschaftlichen Begleitung des Gesamtprojekts und der einzelnen Teilprojekte.

Seit Mai 2012 berichtet „psychenet“ in einem regelmäßig erscheinenden Newsletter über den aktuellen Stand und über Erfahrungen und Erkenntnisse in den einzelnen Teilprojekten. So stellt beispielsweise das „Teilprojekt XI: Methodenberatung und Evaluation“ im ersten Newsletter die Ergebnisse einer repräsentativen telefonischen Bevölkerungsbefragung vor, an der unter anderem 1 009 Hamburger teilgenommen haben. Die Teilnehmer wurden gebeten, Fallgeschichten über Patienten mit psychischen Krankheiten (Depression, Schizophrenie, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa) zu lesen, die Krankheitsbilder zu benennen und die Auftretenshäufigkeit einzuschätzen. 30 Prozent der Befragten gaben an, schon einmal von einer Depression betroffen gewesen zu sein, bei den Essstörungen waren es etwa fünf Prozent, und ein Prozent war an einer Schizophrenie erkrankt. 70 Prozent konnten das Krankheitsbild „Depression“ richtig benennen, 55 beziehungsweise 63 Prozent erkannten die Essstörungen richtig, und knapp ein Drittel erkannte eine Schizophrenie. Das Erkrankungsrisiko wurde bei allen Krankheitsbildern deutlich überschätzt. Gute Behandlungsmöglichkeiten bei Depressionen und Essstörungen sahen die Befragten in der Psychotherapie, aber auch in der Teilnahme an Selbsthilfegruppen und in Aktivitäten wie Sport oder Entspannungsübungen. Bei der Schizophrenie setzten die Befragten hingegen eher auf eine medikamentöse Behandlung. Jeder Dritte hatte das Internet schon einmal als Informationsquelle über psychische Erkrankungen genutzt. Ein Viertel der Befragten konnte sich an Kampagnen zu Depression, Magersucht, Alkohol oder Suchtverhalten erinnern, wobei die genauen Titel der Kampagnen meist nicht mehr präsent waren. Im weiteren Verlauf des Projekts wird die Einstellung gegenüber psychisch Kranken untersucht.

Einen Erfolg konnte „psychenet“ im Hinblick auf seine Plakatkampagne mit insgesamt 14 Plakaten zu verschiedenen psychischen Erkrankungen vermelden: Anfang Mai 2012 erhielt es in Köln den Medienpreis „COMPRIX Gold-Award für Kreative Healthcare Kommunikation 2012“. Als besonders kreativ wurde gewertet, dass nicht Schauspieler oder Models, sondern Betroffene und ihre Angehörigen der Aktion ihr Gesicht geliehen haben. Die Plakate sollen von 2011 bis 2014 in Form von Citylight-Postern, Ausstellungen in Kliniken, Betrieben oder der Universität, Postkarten oder als Poster für niedergelassene Ärzte, Psychotherapeuten und Apotheken helfen, die Aufklärung über psychische Erkrankungen in Hamburg zu verbessern. Darüber hinaus werden momentan Kinospots zu verschiedenen psychischen Störungen mit Betroffenen und Angehörigen gedreht. „Wir hoffen, dass mit dieser Kampagne viele Menschen, die Hilfe benötigen, auf unser Angebot im Internet aufmerksam werden und sie so einen niederschwelligen Zugang zu medizinischer Hilfe finden“, sagt Prof. Dr. Dr. Martin Härter, der Wissenschaftliche Sprecher von psychenet.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Weitere Informationen im Internet:
www.psychenet.de

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