ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2012Autismus und Schizophrenie: Gemeinsame Wurzeln der Erkrankungen

Referiert

Autismus und Schizophrenie: Gemeinsame Wurzeln der Erkrankungen

PP 11, Ausgabe September 2012, Seite 426

Meyer, Rüdiger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Die Kinder und Geschwister von Patienten mit Schizophrenie haben ein erhöhtes Risiko, an einer Autismus-Spektrum-Störung zu erkranken. Dies zeigen drei Fall­kontroll­studien in den „Archives of General Psychiatry“. Es könnte auch eine Verbindung zu bipolaren Störungen geben.

Autismus und Schizophrenie sind erst seit den 1980er Jahren getrennte Erkrankungen. Historisch wurde der Autismus als die kindliche Variante der Schizophrenie gesehen, und Eugen Bleuler, der den Begriff der Schizophrenie geprägt hat, betrachtete den Autismus als eine mögliche Erscheinungsform der Psychose. Tatsächlich könnte es bei allen Unterschieden (im Manifestationsalter und in den Symptomen) mehr Gemeinsamkeiten geben, als die heutige streng getrennte Klassifikation vermuten lässt.

In ihrer ersten Studie haben Patrick Sullivan et al. die Daten des Nationalen Patientenregisters Schwedens ausgewertet. Es umfasst alle Entlassungsdiagnosen der Kliniken seit 1973, und seit 2001 auch alle ambulanten psychiatrischen Behandlungen. Ergebnis: Die Kinder von Schizophreniepatienten erkranken 2,9-fach häufiger als andere an einer Autismus-Spektrum-Störung. Für die Geschwister war das Risiko 2,6-fach erhöht. Auch die Diagnose einer bipolaren Störung erhöhte für die Verwandten ersten Grades das Autismusrisiko. Eine zweite Fall­kontroll­studie im Bezirk Stockholm, die alle Kinder und Jugendlichen zwischen 1984 und 2007 umfasst, bestätigte im Wesentlichen den Befund. In dieser Untersuchung konnte auch zwischen autistischen Kindern mit und ohne mentale Retardierung – sie ist Kennzeichen des schweren frühkindlichen Autismus – unterschieden werden. Beide Varianten treten häufiger auf, wenn die Eltern an einer Schizophrenie litten. Die Beziehung zur bipolaren Störung war hier schwächer als in der ersten Studie und für Kinder mit mentaler Retardierung nicht signifikant.

Anzeige

Besonders deutlich war die Assoziation in der dritten Kohorte aus Rekruten der israelischen Armee: Hier erkrankten die Geschwister von Schizophreniepatienten nicht weniger als zwölfmal häufiger an einer Autismus-Spektrum-Störung. Sullivan führt dies auf die gute Erfassung von frühen Formen der Schizophrenie in Israel zurück und sieht in der Assoziation einen Hinweis für gemeinsame ätiologische Wurzeln von Schizophrenie und Autismus-Spektrum-Störung. Er verweist auf jüngste Ergebnisse der Genomforschung, die die gleichen seltenen „copy number variants“ bei beiden Erkrankungen gefunden haben. Viele Psychiater deuten Autismus und Schizophrenie als genetisch bedingte Entwicklungsstörungen des Gehirns, die in verschiedenen Lebensaltern auftreten. rme

Sullivan PF, Magnusson, C, Reichenberg A, et al.: Family History of Schizophrenia and Bipolar Disorder as Risk Factors for Autism. Arch Gen Psychiatry. 2012; 1–5. doi:  10.1001/archgenpsychiatry.2012.730

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema