MEDIEN

Biografie: Erfreuliche Renaissance einer großen Aufklärerin

Dtsch Arztebl 2012; 109(37): A-1830 / B-1485 / C-1459

Sörgel, Helmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Dr. med. Alice Ricciardi-von Platen (1910–2008), Protokollantin des Nürnberger Ärzteprozesses, veröffentlichte 1948 die Dokumentation „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“, womit sie die Patientenmorde im Rahmen der „Euthanasie“ als das zentrale Verbrechen der deutschen Medizin im Nationalsozialismus zum ersten Mal ans Tageslicht brachte.

Reinhard Schlüter hat nun eine umfassende Biografie über die Psychiaterin und Psychoanalytikerin vorgelegt, die bis zu ihrem Lebensende über den Horror der Nazimedizin aufgeklärt hat. Dank einer präzisen Recherche unter Einbezug der persönlichen Tagebücher und Korrespondenzen entwirft der Autor ein authentisches, nahezu 100-jähriges Lebenspanorama, das er geschickt verknüpft mit dem jeweiligen zeitgeschichtlichen Kontext. Es wird eine hellwache Zeugin des vorigen Jahrhunderts beschrieben, ein Genie der Freundschaft und eine Freundin der Künste. International-demokratisch-republikanisch gesinnt, war sie eine entschiedene Gegnerin der Nazis, deren „Eugenik“ und Rassenwahn sie verachtete. In ihrem ärztlichen Denken stand die vertrauensvolle Beziehung zum Patienten im Mittelpunkt, wobei ihre besondere Zuneigung den „Andersgearteten“, den psychisch kranken und geistig behinderten Menschen galt. Sie flüchtete 1935 aus einer Ausbildungsklinik, als dort Zwangssterilisationen an „Minderwertigen“ durchgeführt wurden. Sie rettete 1943 als Landärztin Patienten vor der Gaskammer. Als sie erfuhr, dass Patienten massenweise von ihren Ärzten in den Tod getrieben worden waren, war sie zutiefst empört und bemühte sich seitdem, den Ermordeten ihre Ehre wieder zurückzugeben.

Seit 1948 wurde Ricciardi-von Platen zu einer Pionierin der psychoanalytischen Gruppentherapie und etablierte dieses Verfahren in ihrer neuen Heimat Italien. Im Nachkriegsdeutschland vergessen und verdrängt, wurde sie in den 1990er Jahren von einer neuen, jungen deutschen Generation wiederentdeckt und erlebte mit ihrer Lebens- und Wirkungsgeschichte eine erfreuliche Renaissance.

Bewegend und öfters atemberaubend ist die Lektüre der Biografie dieser großen Aufklärerin. Ihr Stern leuchtet vor dem düsteren Nachthimmel der NS-Medizinverbrechen, für die die Ärzte wesentlich mitverantwortlich waren, wozu sich jetzt der Deutsche Ärztetag in seiner „Nürnberger Erklärung“ 2012 bekannt hat. Helmut Sörgel

Reinhard Schlüter: Leben für eine humane Medizin. Alice Ricciardi-von Platen – Psychoanalytikerin und Protokollantin des Nürnberger Ärzteprozesses. Campus, Frankfurt/M. 2012, 261 Seiten, gebunden, 29,90 Euro

Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige