ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2012Interstitielle Zystitis bleibt oft unerkannt

AKTUELL: Akut

Interstitielle Zystitis bleibt oft unerkannt

Dtsch Arztebl 2012; 109(37): A-1794 / B-1458 / C-1434

EB

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Patienten, die an einer chronischen nichtbakteriellen interstitiellen Entzündung der Harnblasenwand (IC) erkrankt sind, stehen unter enormem Leidensdruck. Schmerz und Harndrang mit bis zu 60 Toilettengängen tags und nachts führen nicht selten in die soziale Isolation und in die Erwerbsunfähigkeit. Die Erkrankung ist schwer zu diagnostizieren und wird oft, wenn überhaupt, erst nach Jahren erkannt.

„Auch unter Medizinern ist die interstitielle Zystitis noch zu wenig bekannt“, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Prof. Dr. med. Stefan C. Müller, Universitätsklinikum Bonn. Bis zu 25 000 Fälle soll es in Deutschland geben. „Die Dunkelziffer ist hoch, da die Differenzierung zwischen einer beginnenden interstitiellen Entzündung und dem Krankheitsbild der überaktiven Blase schwierig ist“, erklärt Müller. Bleibe die Erkrankung aber unerkannt und unzureichend behandelt, drohten den Betroffenen ein jahrelanges Martyrium und die Entfernung der Harnblase.

Die Diagnostik der IC ist aufwendig und ruht auf drei Säulen. „Neben der Erfassung der klinischen Symptome gehören eine Blasenspiegelung mit einer Gewebeentnahme zur mikroskopischen Untersuchung und die Molekulardiagnostik spezifischer Zellproteine dazu. Denn hierbei handelte es sich um eine Endorganerkrankung, die Veränderungen in allen Schichten der Harnblasenwand hervorrufen kann und dort Spuren auf zellulärer Ebene hinterlässt“, erläutert Dr. med. Thilo Schwalenberg, Universitätsklinikum Leipzig.

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Derzeitige Therapien können ein Fortschreiten der Erkrankung verhindern und Symptome lindern. Dazu zählen vornehmlich Schmerztherapie und Blasenspülungen mit Medikamenten zur Wiederherstellung der defekten Blasenschutzschicht (GAG-Schicht). Eine Heilung ist nicht möglich. „Wir verstehen den Krankheitsprozess vorrangig als einen initial vorliegenden Immun- und Barrieredefekt im Gewebe der ableitenden Harnwege, insbesondere im Urothel. Eine Störung der Gewebeintegrität verändert das Bindungsverhalten der Oberflächenproteine und führt letztendlich zu einer chronischen Entzündung, die dann alle Schichten der Blasenwand betrifft“, sagt Schwalenberg.

Die jahrelange wissenschaftliche Diskussion um die Terminologie, welche die IC auf europäischer Ebene zuletzt als Blasenschmerz-syndrom einordnete, kritisiert der Leipziger Urologe. „Der Begriff Schmerzsyndrom führt weg von der Entstehung einer Erkrankung mit Verletzungen und Umbauvorgängen im Uro-thel, die es gezielt zu therapieren gilt.“ EB

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