MEDIEN

NS-„Euthanasie“: Später Brief an ein schlichtes Mädchen

Dtsch Arztebl 2012; 109(37): A-1831

Jachertz, Norbert

Anna war in der Sprache ihrer Zeit schwachsinnig. Sie reagierte langsam, las stockend und wusste nicht, wer Bismarck war. Doch eigentlich habe man sich mit ihr ganz normal unterhalten können. Sie sei ein sehr liebes, sanftmütiges Mädchen gewesen, erinnert sich ihr Bruder Fritz. 70 Jahre hat er die Erinnerung für sich behalten, wenn er sie nicht überhaupt verdrängte, wie seine (und Annas) Mutter das tat. Den verwehten Spuren des schlichten Mädchens geht die Tochter von Fritz (also Annas Nichte) seit einem Jahrzehnt nach. Und sie hat viel herausgefunden. Denn Patientenakten geben schon einiges her, wenn man sie einfühlsam und fachkundig interpretiert und die Zeitumstände einbezieht: den medizinischen Kenntnisstand, die politische Ideologie und das Ruhrgebietsmilieu, schwankend zwischen Arbeiterschaft und Kleinbürgertum.

Anna wird 1935 sterilisiert, mit 19, wegen angeborenen Schwachsinns, die Erblichkeit wird behauptet, aber nicht nachgewiesen. 1936 bringt die Mutter auf ärztliches Anraten und wohl auch zur eigenen Erleichterung Anna in die Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau. Damit verschwindet das Mädchen aus der familiären Erinnerung. 1940 wird sie nach Grafeneck, in die frisch eingerichtete Gasmordanstalt, verlegt und dort umgebracht. Sie gehörte zu einem Transport von 457 Patienten aus Bedburg-Hau, der von Spitzenvertretern der Aktion T4 selektiert und begleitet wurde: Man wollte testen, ob das neu entwickelte Mordsystem reibungslos funktionierte.

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Am Beispiel von Anna beschreibt Sigrid Falkenstein, unterstützt durch den Aachener Psychiater Frank Schneider, in Briefform die Rassenpolitik der Nazis und wie sie umgesetzt wurde. Der eigentlichen Spurensuche ist ein Teil über die Aufarbeitung nach 1945 angefügt. Hier allerdings stößt das Stilmittel „Brief“ an seine Grenzen. Denn die Aufarbeitung hat, wie die Autoren zutreffend schildern, allzu viele Facetten: verschweigen, leugnen, verharmlosen einerseits. Andererseits: aufklären, bekennen, um Verzeihung bitten. Wie es zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde wesentlich auf Initiative von Frank Schneider getan hat. Norbert Jachertz

Sigrid Falkenstein: Annas Spuren. Ein Opfer der NS-„Euthanasie“. Herbig, München 2012, 192 Seiten, gebunden, 17,99 Euro

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