SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: John Coplans (1920–2003) – Der fragmentierte Mann

Dtsch Arztebl 2012; 109(37): [128]

Schuchart, Sabine

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John Coplans: „Frieze No. 6“, 1994, Silbergelatinepapier, 190 × 167 cm: Die Selbstinszenierung des Künstlers zeigt zwei Seitenansichten seines nackten Körpers von der Brust bis zu den Knien. Zunächst meint der Betrachter, die beiden Fotopanels würden jeweils aus einem Bild bestehen, das in drei vertikale Teile zerschnitten wurde. Erst bei näherer Betrachtung offenbaren sich die leichten perspektivischen Verschiebungen an den Schnittstellen. Indem Coplans seinen Körper brüchig und fragmentiert darstellte, stellte er auch das normierte Männerbild unserer Kultur infrage. Foto: Albertina, Wien
John Coplans: „Frieze No. 6“, 1994, Silber­gelatine­papier, 190 × 167 cm: Die Selbst­inszenierung des Künstlers zeigt zwei Seiten­ansichten seines nackten Körpers von der Brust bis zu den Knien. Zunächst meint der Betrachter, die beiden Fotopanels würden jeweils aus einem Bild bestehen, das in drei vertikale Teile zerschnitten wurde. Erst bei näherer Betrachtung offenbaren sich die leichten perspektivischen Verschiebungen an den Schnittstellen. Indem Coplans seinen Körper brüchig und fragmentiert darstellte, stellte er auch das normierte Männerbild unserer Kultur infrage. Foto: Albertina, Wien

Den eigenen Körper über Jahrzehnte zu fotografieren, kann Obsession sein – oder Kunst. Im Fall von John Coplans trifft eindeutig das Zweite zu: Seine bis kurz vor seinem Tod 2003 während mehr als 20 Jahren entstandenen Aufnahmen seines alternden Torsos, die Close-ups seiner Hände und Füße sind in Sammlungen wie der Londoner Tate Gallery, dem Pariser Centre Pompidou und dem New Yorker MoMA vertreten. Derzeit steht der Brite im Zentrum einer großen Fotoschau in der Wiener Albertina.

Coplans war bereits über 60 Jahre alt, als er Anfang der 80er Jahre begann, seinen Körper in großformatigen, skulpturalen Fotografien abzulichten – Bilder, die alles entblößen bis auf eines: sein Gesicht. Denn es ging ihm nicht um Individualität und Identität, sondern um das Mysterium des menschlichen Leibs. „Frieze No. 6“ ist ein typisches Beispiel dafür, wie der Künstler die idealisierten Erwartungen unserer Zeit an Physis und Selbst infrage stellte. Mit 74 Jahren präsentierte er seinen gealterten Körper, behaart, füllig und voller Faltenwülste. Durch die präzise Ausleuchtung der Haut und ihre vergrößerte Wiedergabe entstand ein fast abstraktes Bild, von Nahem sind die Zeichen des Alters und der Deformation unübersehbar. Damit steht Coplans in krassem Gegensatz etwa zu Fotokünstler Robert Mapplethorpe, dessen makellose, glatte Männerkörper keinen Verfall kennen. Coplans Posen und Verrenkungen sind voller Anspielungen und Ironie. Sie parodieren klassische Aktdarstellungen ebenso wie homoerotische Bilder. Dass er sich in der Kunstgeschichte bestens auskannte, hängt mit seiner Biografie zusammen: Ursprünglich in der Malerei ausgebildet, startete er nach seinem Umzug 1960 in die USA eine langjährige erfolgreiche Karriere als Kunstkritiker und Kurator. Erst danach fand er zu seinem wirklichen künstlerischen Ausdruck: Indem er seinen „unperfekten“ Körper immer wieder aus anderen Perspektiven fotografierte und die Fragmente neu zusammensetzte, schuf er eine expressive, von seinem Selbst abgekoppelte Körperwirklichkeit. Sein Werk ist eine radikale Dokumentation seines Alterungsprozesses – ungeschönt, sensibel, provozierend und dennoch hochästhetisch. „Es ist absurd, wie unsere Kultur mit dem Altern umgeht“, sagte Coplans 2001, „aber ich habe das Gefühl, das ich am Leben bin, einen Körper habe.“ Da war er 81 Jahre alt. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Körper als Protest“

Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien

Do.–Di. 10–18, Mi. 10–21 Uhr

www.albertina.at

bis 2. Dezember

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„John Coplans. A Body“, englisch, gebundene Ausgabe, Großformat,
160 Seiten, circa 400 Abbildungen, PowerHouse Books, New York 2002;
circa 108 Euro (Monografischer Überblick über das Gesamtwerk).

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