ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2012Transplantation: Die wirkliche Frage
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Der Bevölkerung soll auf die Pelle gerückt werden, wenn es um die Erklärung zur Organspende nach dem Tod geht . . . Mit dem Begriff „nach dem Tode“ wird hier der „Zustand des Hirntodes“ gemeint.

Dabei wird die Meinung vieler anerkannter Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen verschwiegen und ignoriert, die auf der Basis schwerwiegender Argumente den Hirntod nicht mit dem Tod des Menschen gleichsetzen und Hirntote als Sterbende anerkennen . . .

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Somit wird dem Laien durch die Art der Fragestellung die wahre Problematik verschwiegen.

Das Mindeste, was man verlangen kann, ist Ehrlichkeit. Deshalb müsste die Frage lauten: Wären Sie bereit, „im Zustand des Hirntodes“ Ihre Organe zu spenden? Dann kann sich auch ein 16-Jähriger über das Internet, mittels Büchern und Diskussionsforen informieren, was es heißt, „hirntot“ zu sein. Besonders beeindruckend sind für mich die Berichte von dem amerikanischen Neurologen Prof. Alan Shewmon, der auf der Grundlage seiner jahrelangen Untersuchungen seine Haltung änderte und vom Hirntodbefürworter zum Hirntodkritiker wurde.

Die Tatsache, wann wir einen Menschen für tot erachten, ist nicht nur von den medizinischen Erkenntnissen, sondern auch von unserem Welt- und Menschenbild abhängig. Nach Meinung vieler Wissenschaftler und Ärzte und auch nach meiner Meinung darf das Menschsein und Personsein nicht auf die Bewusstseins-, Integrations- und Steuerungsfähigkeit des Gehirns reduziert werden. Das Hauptargument der Kritiker des Hirntodkriteriums ist die Einheit von Personalität und Leiblichkeit.

Wenn aber „Hirntote“ Sterbende sind, ergibt sich im Hinblick auf Transplantationen ein Konflikt mit konkurrierenden Ansprüchen. Der Würde des Sterbenden, der das Recht hat, unbehelligt von den Interessen Dritter sein Leben zu beenden, stehen das Elend und die verständliche Not schwerstkranker Patienten gegenüber, die ein gespendetes lebensfrisches Organ benötigen. Die Gesellschaft und mit ihr die Propaganda in den Medien (das DÄ inbegriffen) haben sich für die entschieden, die noch schreien können. Diejenigen, die sich nicht mehr äußern können und keinen Nutzen mehr bringen, sollen sich opfern. Dafür soll man ihnen zu Lebzeiten „auf die Pelle rücken“ . . .

Dr. med. Inge Gorynia, 10117 Berlin

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