ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2012Klinische Forschung: Ärztemangel im Labor

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Klinische Forschung: Ärztemangel im Labor

Dtsch Arztebl 2012; 109(37): A-1804 / B-1466 / C-1442

Gerst, Thomas; Hibbeler, Birgit

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Tagsüber Patienten versorgen, abends und am Wochenende forschen: Diesen Spagat wollen sich viele junge Ärztinnen und Ärzte nicht zumuten. Der Medizin geht der wissenschaftliche Nachwuchs aus.

Dr. med. Jochen Grassinger (38) hat nicht den einfachen Weg gewählt. Er will beides sein: ein guter Arzt und ein guter Forscher. Drei Jahre war er als Post-Doc in Australien, um dort Erfahrungen in einem großen Labor zu sammeln. Dank eines Stipendiums konnte er sich dort komplett auf die Forschung konzentrieren. Sein Bereich: Knochenmarkstammzellen. „Um in Deutschland eine Perspektive als Forscher zu haben, muss man im Ausland gewesen sein“, sagt Grassinger.

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Ob sich der Einsatz gelohnt hat? Zurück in Deutschland hat Grassinger da sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Von seinem Chef und seiner Universität fühlt sich der Regensburger unterstützt. „Ich hatte das Glück, ein Rückkehrer-Stipendium zu erhalten“, berichtet er. So konnte er eine kleine Arbeitsgruppe aufbauen. Aber er hat auch mit Problemen zu kämpfen. „Drittmittel einzuwerben ist schwierig“, sagt er. Hinzu kommt: Auch mit Ende 30 hat er noch immer keine Facharztbezeichnung. Die Zeit in Australien wurde nicht angerechnet. Grassinger ist als Assistenzarzt in der Abteilung für Hämatoonkologie und internistische Onkologie angestellt und leistet dort den Spagat zwischen Patientenversorgung und Forschung.

Geld wird anderswo verdient

Doch das ist für immer weniger Ärzte attraktiv. Das beklagt zumindest die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM). Die Fachgesellschaft warnt davor, die Medizin könne ihre wissenschaftliche Basis verlieren. Als Ursache sieht die DGIM unter anderem Mängel in der wissenschaftlichen Ausbildung von Medizinstudierenden und weist auf die sinkende Zahl von Doktorarbeiten hin (Tabelle). Nach der Promotion schreckten dann die Rahmenbedingungen die Nachwuchswissenschaftler ab. „Die Wege der Qualifizierung sind für Mediziner kaum planbar, Rufe auf eine Professur kommen spät, immer mehr Professorenstellen werden gestrichen oder sind nach der W-Besoldung nicht angemessen bezahlt“, erklärt Prof. Dr. med. Frank Lammert, Vorsitzender der DGIM-Kommission Wissenschaft und Nachwuchsförderung.

Zahl wissenschaftlicher Arbeiten in der Medizin
Zahl wissenschaftlicher Arbeiten in der Medizin
Tabelle
Zahl wissenschaftlicher Arbeiten in der Medizin

Tatsächlich ist nicht jeder bereit, sich den Schwierigkeiten auszusetzen, mit denen auch Grassinger aus Regensburg zu kämpfen hat. Die zeitliche Belastung in der Klinik ist hoch. Forschung findet für viele Ärztinnen und Ärzte am Abend und am Wochenende statt. Für Grassinger wäre der einfachere Weg sicherlich dieser gewesen: Schnell den Facharzt machen, Oberarzt werden, vielleicht noch habilitieren, dann raus aus dem universitären Umfeld. „Es ist derzeit relativ einfach, einen gut bezahlten Job in einem kleinen Haus zu bekommen“, sagt Grassinger. Das ist aus seiner Sicht einer der Hauptgründe, warum das Interesse an einer universitären Karriere abnimmt. „Da können Sie ohne die Dreifachbelastung Forschung, Lehre, Krankenversorgung arbeiten, und zwar durchaus auf medizinisch gutem Niveau“, erläutert er.

Fotos: picture alliance
Fotos: picture alliance

Forschung ist gut für die Reputation. Geld verdienen die Universitätskliniken aber mit der Krankenversorgung. Und der wirtschaftliche Druck, unter dem die Kliniken stehen, ist in den vergangenen Jahren stärker geworden. Für Prof. Dr. rer. nat. Heyo Kroemer, Präsident des Medizinischen Fakultätentages (MFT) ist genau das der Knackpunkt. Das System sei in eine Schieflage geraten. „Forschung und Lehre werden von der Krankenversorgung an die Wand gedrückt“, bemängelt Kroemer. Früher sei es kein Problem gewesen, Mitarbeiter für die Forschung abzustellen. „Das ist heute fast unmöglich“, berichtet der MFT-Präsident im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Die Arbeit in den Abteilungen habe sich enorm verdichtet. An der Einheit von Forschung, Lehre und Krankenversorgung will er dennoch festhalten. „Diese Trias ist im Prinzip sehr sinnvoll, weil der forschende Arzt seine Erkenntnisse in die Krankenversorgung einbringen kann“, erläutert Kroemer. Zugleich könne er sein Wissen unmittelbar den Studierenden mitteilen.

Exzellenz statt Mittelmaß

Gerade die Kombination aus Klinik und Forschung ist es, die auch der junge Forscher Grassinger prinzipiell schätzt. „Ich bin letztendlich Arzt“, betont er. Der Kontakt zu Patienten habe ihm in Australien schon gefehlt, obwohl es toll gewesen sei, sich mit viel Zeit auf die Forschung konzentrieren zu können. Allerdings sieht er auch die Probleme, die die Doppelbelastung mit sich bringt. „Beides gleichzeitig mit der gleichen Qualität zu machen geht nicht“, sagt er. Zumindest gelte das unter den derzeitigen Rahmenbedingungen in Deutschland.

Diese Einschätzung teilt auch Prof. Dr. med. Christian Reinhardt (36). „Man kann nicht ein exzellenter Kliniker und zugleich ein exzellenter Wissenschaftler sein. Das ist einfach nicht zu leisten“, meint er. Reinhardt leitet am Cologne Center for Genomics eine Arbeitsgruppe, die vom Emmy-Noether-Programm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird. Mittlerweile hat er eine Stiftungsprofessur der Volkswagen-Stiftung.

Was ist für ihn das zentrale Problem der klinischen Forschung? Reinhardts Antwort kommt schnell: Das derzeitige System aus Promotionen und Habilitationen. Dieses sei nicht zukunftsfähig. „Meistens steckt dahinter kein wirkliches Interesse an Forschung und schon gar keine exzellente Wissenschaft“, sagt er. Das bezieht er ausdrücklich nicht nur auf medizinische Doktorarbeiten. Viele Habilitationen entstünden nur, weil sie von Vorteil bei der Bewerbung um Oberarztstellen seien. Diese Art der Forschung binde Geld und Personal, sei aber häufig nicht konkurrenzfähig. „Man sollte jemanden zum Oberarzt machen, weil er klinisch gut ist, und ihm keine Pseudowissenschaft aufbürden“, erklärt Reinhardt. Denen, die ein genuines wissenschaftliches Interesse hätten, müsse man hingegen mehr Zeit und Geld für die Forschung zugestehen. „Sonst hat man am Ende sowohl klinisch als auch wissenschaftlich nur Mittelmaß und keine Exzellenz“, betont er.

Nachwuchs früh heranziehen

Bereits im Verlauf des Studiums müsse man die angehenden Ärztinnen und Ärzte herausfischen, die Interesse an der Forschung hätten und auch bereit seien, für eine wissenschaftliche Karriere Nachteile in Kauf zu nehmen, meint Dr. med. Mario Fabri. Mit 34 Jahren ist Fabri Leiter einer Forschergruppe an der Universität zu Köln, die sich mit der Biologie des menschlichen Immunsystems befasst. Wie Grassinger und Reinhardt hat er mehrere Jahre im Ausland geforscht. Zurückgeholt wurde er nun mit dem „NRW-Programm zur Förderung der Rückkehr des wissenschaftlichen Nachwuchses aus dem Ausland“.

Es sei nicht leicht gewesen, engagierte medizinische Doktoranden für seine Forschergruppe zu gewinnen, berichtet Fabri. „Dass jemand kommt und sagt, mich interessiert es, etwas Neues zu entdecken, und dafür bin ich auch bereit, Zeit und Energie in größerem Maße zu investieren – das ist eher die Ausnahme.“ Dabei sei es doch sehr wichtig, dass an der medizinischen Forschung, die stark durch Biologen bestimmt werde, auch Mediziner beteiligt seien. „Diese braucht man, um die Verbindung zur Klinik herzustellen, um Ideen entwickeln zu können, die später auch wirklich am Patienten anwendbar sind“, betont Fabri. Wer eine wissenschaftliche Laufbahn konsequent verfolgen wolle, sollte dazu bereits die Promotion nutzen, rät er.

Mehr Mut zur Veränderung der Rahmenbedingungen – das wünschen sich die Kölner Forscher. Ginge es nach Reinhardt, bekäme jeder Medizinabsolvent einen Medical Doctor (MD). Für die wissenschaftlich Interessierten müssten die medizinischen Fakultäten PhD-Programme auflegen. Den Titel „Dr. med.“ gäbe es nicht mehr. Auch die Habilitation würde er abschaffen. Diejenigen, die wirklich eine Karriere in der Forschung anstrebten, müsse man hingegen stärker fördern und ihnen Freiräume schaffen. „Im Prinzip weiß das jeder“, sagt Reinhardt. Allerdings sieht er kaum Chancen für derart weitreichende Reformen. „Das Wissenschaftssystem in Deutschland ist träge und eminenzlastig“, kritisiert er.

Fabri sieht die Entwicklung ein wenig positiver. „In Deutschland tut sich augenblicklich sehr viel, das darf man nicht vergessen; so bezahlt etwa die DFG teilweise die forschenden Ärzte nach TV-Ärzte* und nicht nach TV-L**, um den finanziellen Verlust aufzufangen. Wenn man gut ist, kann man in Deutschland auch gut an Forschungsgelder kommen, besser etwa als in den USA.“ Die in den vergangenen Jahren gestarteten Initiativen wirkten. „Ich persönlich glaube, dass es in die richtige Richtung geht.“

Wie der Regensburger Grassinger haben auch die beiden Kölner Forscher noch keine Facharztbezeichnung. Neben seiner Forschungstätigkeit arbeitet Reinhardt zusätzlich als Assistenzarzt in der Medizinischen Klinik I des Kölner Uniklinikums. Er habe in etwa eine 70-Stunden-Woche, schätzt er. Auch Fabri nimmt durch die wissenschaftliche Karriere eine zeitliche Verzögerung des Facharztes in Kauf. „Ich werde am Ende deutlich länger als fünf Jahre brauchen.“

Hier sieht der Präsident des Medizinischen Fakultätentages Handlungsbedarf. Die Bereitschaft der Ärzte, sich in der Forschung zu engagieren, lässt sich seiner Meinung nach sicherlich steigern, wenn eine Anrechnung auf die Weiterbildung in einem gewissen Umfang möglich wäre. Kroemer verweist auf ein von der Universitätsmedizin Göttingen in Kooperation mit der Lan­des­ärz­te­kam­mer Niedersachsen entwickeltes Modellcurriculum, das die Weiterbildung im Fach Innere Medizin und Kardiologie sowie die wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Ziel der Habilitation strukturiert. Statt der normalen sechsjährigen Weiterbildung hat man sich hier auf eine achtjährige Weiterbildungszeit verständigt; davon entfallen fünfeinhalb Jahre auf die ärztliche Weiterbildung und zweieinhalb Jahre auf die Forschung. „Das ist so verschachtelt, dass die Ärzte von Anfang an größere Freiräume bekommen, in denen sie forschen und trotzdem ihre fachärztliche Weiterbildung absolvieren können.“ Dies sei ein modellhaftes Beispiel, wie man Weiterbildung und Forschung kombinieren könne, meint Kroemer.

Zu wenig genutzte Förderung

Immer weniger Ärztinnen und Ärzte scheinen dazu bereit zu sein, alles andere den Forschungsinteressen unterzuordnen. Das sieht auch Dr. rer. nat. Petra Hintze von der DFG so: „Die Work-Life Balance ist vielen jungen Medizinern wichtig“, berichtet sie. Nach dem Studium stehe oft zunächst einmal die Facharztweiterbildung im Vordergrund. Gerade in dieser Phase des Berufseinstiegs verzeichne man bei der DFG ein nachlassendes Interesse an der Forschung: In den vergangenen Jahren sei die Zahl der Anträge auf finanzielle Förderung in der frühen Post-doc-Zeit deutlich gesunken.

„Die Fördermöglichkeiten werden zu wenig genutzt“, sagt Hintze. Dabei denkt sie unter anderem auch an die „Gerok-Stellen“. Für bis zu drei Jahre kann ein Arzt oder eine Ärztin mit diesem Programm für die Forschung freigestellt werden. Die DFG zahlt dann eine zusätzliche Arztstelle für die Klinik. Auch andere Modelle sind möglich. Der Arzt kann zum Beispiel die Hälfte seiner Wochenarbeitszeit in der Klinik, die andere Hälfte im Labor verbringen. „Die Gerok-Stellen können sehr flexibel eingesetzt werden“, erläutert Hintze. Wichtig sei ihr außerdem: Man müsse wissenschaftlich interessierten Ärzten frühzeitig klare Karrierewege und Perspektiven aufzeigen. Diese Erkenntnis setze sich mehr und mehr durch. Als Beispiel nennt sie die „Exzellenzakademie für Allgemein- und Viszeralchirurgie“, die vom Konvent der Lehrstuhlinhaber für Chirurgie gegründet wurde. Hintze sieht aber auch die Fakultäten und Fachgesellschaften in der Pflicht.

Mentoring, Kinderbetreuung

Wer Spitzenforschung will, darf die Nachwuchsförderung nicht dem Zufall überlassen. Mehr und mehr setzt sich auch die Erkenntnis durch, dass Frauen gezielt motiviert werden müssen – etwa mit Mentoringprogrammen. Denn der Frauenanteil an Habilitationen und Professuren ist noch immer gering (Grafik 2). Wenn sich das nicht ändert, droht der klinischen Forschung in den kommenden Jahren ein dramatischer Personalmangel, weil mehr als 60 Prozent der Studienanfänger weiblich sind.

Frauenanteil in der Medizin* (2010)
Frauenanteil in der Medizin* (2010)
Grafik 2
Frauenanteil in der Medizin* (2010)

Ärztinnen hätten kein Interesse an der Forschung – heißt es gelegentlich hinter vorgehaltener Hand. Zum Teil äußern Vertreter der Hochschulmedizin ihr Unbehagen über den wachsenden Frauenanteil aber auch ganz offen. MFT-Präsident Kroemer hält dem entgegen: „Ich bin überzeugt, dass Frauen grundsätzlich an der Forschung genauso interessiert sind wie Männer. Und Frauen sind extrem leistungsfähig.“ Bezüglich der Förderung des weiblichen Nachwuchses habe in den vergangenen Jahren ein Umdenken stattgefunden. „Wir haben das Problem in seiner Schärfe möglicherweise zu spät erkannt. Aber mittlerweile haben praktisch alle Fakultäten intensive Programme mit Mentoring und Kinderbetreuung“, versichert der MFT-Chef. Der Frauenanteil bei den Habilitationen und auf Oberarztstellen habe deutlich zugenommen. „Ich gehe davon aus, dass sich das auch auf der Leitungsebene niederschlagen wird“, prognostiziert Kroemer.

Ein Patentrezept gegen den Nachwuchsmangel in der Forschung gibt es nicht. Man muss schon im Studium ansetzen, heißt es in den Empfehlungen der „Senatskommission für klinische Forschung“ der DFG aus dem Jahr 2010. Die medizinischen Fakultäten müssten Strukturen schaffen, um wissenschaftlich Interessierte zu fördern – zum Beispiel in Promotionskollegs. Das derzeitige Medizinstudium gewährleiste keine wissenschaftlich fundierte Ausbildung. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften warnte bereits 2008 vor einer „Entakademisierung“ des Studiums. Diese drohe auch wegen der zunehmenden Praxisorientierung.

Viel Geld von der DFG

Die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses muss neben dem Studium auch während der Facharztweiterbildung stattfinden. Die DFG-Senatskommission empfiehlt den Fakultäten, die Freistellung von der klinischen Arbeit systematisch zu organisieren. Zeiten wissenschaftlicher Tätigkeiten müssten außerdem in einem angemessenen Umfang auf die Weiterbildung angerechnet werden. Der Wissenschaftsrat, die DFG und das Bundesministerium für Bildung und Forschung gingen 2004 in ihren Kernforderungen für eine Hochschulmedizin der Zukunft noch weiter: Sie forderten eine Aufteilung der medizinischen Laufbahn in einen mehr wissenschaftlichen Zweig und in einen auf den Arztberuf ausgerichteten.

Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin hingegen betont in ihrem aktuellen Positionspapier zwar strukturelle Mängel in der zweigleisigen Qualifizierung für Klinik und Forschung, stellt diese aber grundsätzlich nicht infrage. „Die Innere Medizin benötigt heute mehr denn je Ärztinnen und Ärzte, die gelernt haben, am Krankenbett zu arbeiten, aber auch wissenschaftliche Erkenntnisse kompetent zu beurteilen“, heißt es in einer Erklärung der Fachgesellschaft. Es gibt also keinen Konsens darüber, welche Strukturen die Hochschulmedizin der Zukunft haben sollte.

Wenn man die Forschung stärken will, geht das nicht ohne Geld. Circa drei Milliarden Euro gaben die Bundesländer 2008 für medizinische Forschung und Lehre aus. Diese Landeszuführungsbeträge variieren aber stark von Standort zu Standort (www.landkarte-hochschulmedizin.de). Die finanziellen Möglichkeiten der Länder sind unterschiedlich und vielfach eingeschränkt. Für die kommenden Jahre ist angesichts leerer Länderkassen kaum mit einer Aufstockung zu rechnen. Der Bund darf für Forschung an Hochschulen nur im Rahmen von Projekten aufkommen, bezahlt zum Beispiel Großgeräte. Eine wichtige Rolle spielen die Drittmittel (Grafik 1). Ein Großteil des Geldes stammt von der DFG. „Es gibt keine Disziplin, die so stark gefördert wird wie die Medizin“, sagt MFT-Präsident Kroemer. Von 2008 bis 2011 sei die DFG-Förderung der Medizin von 380,2 Millionen Euro auf 512,2 Millionen Euro jährlich gestiegen – das berichtete DFG-Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek im Juni auf dem Innovationskongress der deutschen Hochschulmedizin in Berlin. Die Steigerungsraten lagen hier sehr deutlich über denen in den anderen Fächern.

Herkunft der verausgabten Drittmittel in der Hochschulmedizin (Bundesdurchschnitt 2008)
Herkunft der verausgabten Drittmittel in der Hochschulmedizin (Bundesdurchschnitt 2008)
Grafik 1
Herkunft der verausgabten Drittmittel in der Hochschulmedizin (Bundesdurchschnitt 2008)

Aber reichen die bisherigen Finanzierungsquellen? Nein, meint Kroemer. Seiner Meinung nach bildet das System der Diagnosis Related Groups (DRGs) die Leistungen der Universitätskliniken nicht angemessen ab. Eine Vielzahl von Tätigkeiten werde nicht vergütet. Ein Beispiel: Das Vorgehen bei einer Operation wird einem Studierenden oder Weiterbildungsassistenten erklärt. Abrechnen kann man das im DRG-System nicht. In den Niederlanden erhalten die Universitätskliniken dafür einen „Verzögerungszuschlag“.

Freiraum zum Forschen

Kroemer will aber keinen direkten Zuschlag auf die DRGs, so dass die einzelne Leistung für die Krankenkassen teurer würde. „Dann würden die Patienten nicht mehr in die Unikliniken geschickt“, meint er. Vielmehr spricht sich der MFT-Chef für zusätzliche Bundesmittel aus. „Natürlich gibt es viel Kritik, wenn man so etwas anspricht“, erklärt Kroemer. Allerdings müsse man dringend über ein solches Modell nachdenken, damit das System nicht weiter in ein Ungleichgewicht gerate. Forschung und Lehre dürften nicht noch mehr in den Schatten der Krankenversorgung treten.

Mehr Geld, Zeit und Strukturen, die jungen Forschern Freiräume geben – das sind zunächst einmal Forderungen. Was davon umgesetzt wird, bleibt ungewiss. Für den Regensburger Forscher Grassinger steht trotzdem fest, dass er auf seinem Weg weitergehen will. Sein Gebiet – die hämatopoetischen Stammzellen – interessiere ihn einfach. Deswegen nehme er auch einiges in Kauf. „Ich möchte forschen“, sagt er. Grassingers Wunsch: Zeit haben – für die Patienten und die Forschung. Konkret kann er sich folgendes Modell vorstellen: vier Tage Klinik in der Woche, einen Tag Labor – ohne finanzielle Nachteile und ohne Nachteile bei der Weiterbildung.

Thomas Gerst, Dr. med. Birgit Hibbeler

@Informationen und Links zum Thema unter www.aerzteblatt.de/121804

 * Tarifvertrag für Ärztinnen und Ärzte an Universitätskliniken

**Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst der Länder

Zahl wissenschaftlicher Arbeiten in der Medizin
Zahl wissenschaftlicher Arbeiten in der Medizin
Tabelle
Zahl wissenschaftlicher Arbeiten in der Medizin
Herkunft der verausgabten Drittmittel in der Hochschulmedizin (Bundesdurchschnitt 2008)
Herkunft der verausgabten Drittmittel in der Hochschulmedizin (Bundesdurchschnitt 2008)
Grafik 1
Herkunft der verausgabten Drittmittel in der Hochschulmedizin (Bundesdurchschnitt 2008)
Frauenanteil in der Medizin* (2010)
Frauenanteil in der Medizin* (2010)
Grafik 2
Frauenanteil in der Medizin* (2010)

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Avatar #539999
klausenwächter
am Sonntag, 16. September 2012, 17:23

Kein Gegenstück im Stellenmarkt

Im Jahrgang 2012 werden elektronisch 10 für wissenschaftliche Mitarbeiter ausggeschriebene Stellenangebote gefunden. Handverlesen ist darunter eine eindeutig an einen Labormediziner adressierte Ausschreibung. Im übrigen werden Ärzte für die Versorgung im üblichen Betrieb einer Krankenhausabteilung gesucht. Der "Mangel an Ärzten im Labor" findet kein Gegenstück im Stellenmarkt.
Die Geldgeber dürfte es auch interessieren, dass sie eben nicht die erwünschte Forschungsstelle sponsern, sondern einem Klinikum die Ausgaben für die reguläre Stellenplanung subventionieren. Drittmittel können in eindeutig als Forschungseinrichtungen deklarierten Instituten besser platziert werden. Diese können ihre Dienstleistungen dann wiederum den Krankenhäusern anbieten. So - und nur so wird wissenschaftliche Tätigkeit gewürdigt.
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klausenwächter
am Sonntag, 16. September 2012, 17:23

Kein Gegenstück im Stellenmarkt

Im Jahrgang 2012 werden elektronisch 10 für wissenschaftliche Mitarbeiter ausggeschriebene Stellenangebote gefunden. Handverlesen ist darunter eine eindeutig an einen Labormediziner adressierte Ausschreibung. Im übrigen werden Ärzte für die Versorgung im üblichen Betrieb einer Krankenhausabteilung gesucht. Der "Mangel an Ärzten im Labor" findet kein Gegenstück im Stellenmarkt.
Die Geldgeber dürfte es auch interessieren, dass sie eben nicht die erwünschte Forschungsstelle sponsern, sondern einem Klinikum die Ausgaben für die reguläre Stellenplanung subventionieren. Drittmittel können in eindeutig als Forschungseinrichtungen deklarierten Instituten besser platziert werden. Diese können ihre Dienstleistungen dann wiederum den Krankenhäusern anbieten. So - und nur so wird wissenschaftliche Tätigkeit gewürdigt.

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