ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2012Beschneidungsurteil als Präzedenzfall: Parallelen zur Schmuckperforation

MEDIZINREPORT

Beschneidungsurteil als Präzedenzfall: Parallelen zur Schmuckperforation

Dtsch Arztebl 2012; 109(37): A-1820 / B-1463 / C-1439

Siegmund-Schultze, Nicola

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: picture alliance
Foto: picture alliance

Nach dem Urteil des Kölner Landgerichts zur Beschneidung könnten weitere nicht medizinisch indizierte Eingriffe bei Minderjährigen auf den Prüfstand der Juristen kommen.

Das Urteil des Landgerichts Köln, welches das Beschneiden eines muslimischen Jungen als strafrechtsrelevante Körperverletzung gewertet hatte, könnte zur Folge haben, dass die Zulässigkeit von Schmuckperforationen bei Minderjährigen wie das Stechen von Ohrlöchern auf den Prüfstand der Juristen kommt. Ein Richter in Berlin hatte über eine Schmerzensgeldforderung wegen nicht symmetrisch justierter Ohrlöcher zu entscheiden – und gab dem Fall eine überraschende Wende: Er kündigte an, die Staatsanwaltschaft prüfen zu lassen, ob eine Ohrperforation bei Kindern die körperliche Unversehrtheit in einer Weise verletze, die nicht dem Kindeswohl diene. Auch der Jurist Stephan Möllering aus Essen sieht Parallelen: „Der Gesetzgeber sollte Klarheit schaffen, unter welchen Bedingungen und Motivationen die nicht medizinisch indizierte Verletzung körperlicher Integrität bei Minderjährigen erlaubt ist. Schmuckperforationen wie Ohrlochstechen gehören dazu.“

Hinweise auf Komplikationen

„Die Diskussion darüber haben wir vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte schon länger angeregt, bislang leider ohne Folgen vonseiten der Politik“, sagte Dr. med. Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ). Auch in der Ärzteschaft sei das Thema nicht ausreichend diskutiert. Hartmann bezog sich auf eine Stellungnahme des BVKJ im Jahr 2008: Der Verband hatte bei einer Anhörung des Gesundheitsausschusses vor medizinisch nicht indizierten kosmetischen Eingriffen bei Kindern und Jugendlichen gewarnt und auch das Ohrlochstechen kritisiert. Schon Säuglinge seien betroffen. Das sei nicht nur schmerzhaft; Pädiater sähen auch regelmäßig Patienten mit Entzündungen, gelegentlich bis in den Knorpelbereich des Ohrs. Meist sei nur eine lokale antibiotische Therapie notwendig, gelegentlich aber eine systemische. Vor allem bei kleinen Kindern könne ein Stecker in die Atemwege gelangen oder Gewebe einreißen lassen. Ein Gewebeverschluss führe nicht immer zu einem kosmetisch guten Ergebnis. Hartmann plädierte für die gesetzliche Festlegung eines Mindestalters von 14 Jahren.

Schwellungen, Blutungen, Infekte, Geweberisse, Einwachsen des Fremdkörpers durch unzureichende Epithelialisierung des Stichkanals, allergische Reaktionen, Keloidbildung – das sind bekannte mögliche Komplikationen von Schmuckperforationen. Die Prävalenz bei Piercings – Durchstechen der Lobuli ausgenommen – wird auf 31 Prozent geschätzt, 15 Prozent von mehr als tausend befragten Gepiercten suchten deshalb den Arzt auf (BMJ 336; 2008: 1426–34). Zur Komplikationshäufigkeit nach Perforation der Lobuli gibt es kaum Daten. Gravierende Befunde seien selten, aber kämen vor, erklärt Priv.-Doz. Dr. med. Sebastian Strieth von der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde an der Uniklinik Frankfurt, zum DÄ. So hat Strieth vor kurzem eine 20-jährige Frau behandelt, bei der sich nach dem Durchstechen der Ohrläppchen Keloide mit bis zu zwei Zentimeter dickem Narbengewebe gebildet hatten. „Die Keloidbildung war entstellend“, berichtet Strieth. Chirurgische Resektion, lokale Kortikosteroidinjektionen, Kryotherapie, Druckverband mit individuell angepassten Kompressionsapparaturen, Bestrahlung und Laserbehandlung seien Optionen. „Die Therapie kann aufwendig sein und führt nicht immer zum gewünschten Erfolg“, sagt Strieth. Bei der Patientin hoffe er nun, dass nach Resektion und Steroidinjektionen die postoperativ schraubstockartig angebrachten Schienen dauerhaft ein akzeptables Ergebnis brächten.

Piercen durch Ärzte umstritten

Juweliere und Piercingstudios, die Ohrlöcher stechen, können offenbar oft nicht fachkundig beraten. „Welche Eltern wissen, dass es ein gewisses, wenn auch geringes Risiko gibt, dass ihr Kind infolge der Ohrläppchenperforation möglicherweise mit ionisierender Strahlung therapiert werden muss?“, fragt Strieth. Ärzte seien die besten Ansprechpartner. Sie sollten aber selbst keine Schmuckperforationen vornehmen, meint Hartmann, das gehöre nicht zu den Aufgaben des Arztes. „Eine Mehrheit unseres Berufsverbandes lehnt Piercing oder Ohrlochstechen durch Mediziner ab, das haben Diskussionen in unserem Intranet ergeben“, sagt Hartmann. „Aber wir wissen auch: Einige Pädiater bieten es an.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema