ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1996Oh du liebe Abrechnung!
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LNSLNS Freitagnachmittag, Quartalsende. Seit 20 Jahren fällt dieses Ziel eines dreimonatigen Praxismarathons meistens auf einen Freitag. Ein guter Tag, das Wochenende vor dem neuen Start verspricht die verdiente Ruhepause.
Jetzt ist alles einfacher, rationeller und kürzer, der Computer nimmt uns ja schließlich alle zeitraubenden Arbeiten ab. Nach einer gewissen Zeit monotonen Summens sind die Früchte unserer dreimonatigen Arbeit geerntet, und auch der Postbote hat’s einfacher, die wohlbekannten grauen Kisten werden immer kleiner, handlicher.
Außerdem wissen wir immer, wie es in unserem Geldbeutel aussieht, gelegentlich spornt ER uns zu verschärftem Arbeiten an oder belehrt uns auch, leiser zu treten und kollegial an den Punktwert zu denken!
Aber leider ist ER auch nicht vollkommen, heute, ausgerechnet heute ist ER krank. Ein Schnupfen im Laufwerk. Kein monotones Summen. ER schweigt, und wir alle, vom Lehrling über altgediente Arzthelferinnen bis zum Chef, stehen hilflos vor IHM. Die Computermutter ist erst nach langer Zeit telefonisch zu erreichen, wahrscheinlich haben viele seiner Brüder auch einen Schnupfen.
Die Abrechnung findet also nicht statt – erst nächste Woche. Das Wochenende verspricht nicht die verdiente Ruhepause, der Ärger bohrt sich fest. Dabei haben wir den ganzen Freitag durchgearbeitet bis 16 Uhr, da ER uns ja die Arbeit abnimmt.
Mit Wehmut erinnern wir uns jetzt an frühere Freitage, wo es IHN noch nicht gab: Der letzte Patient wurde mit großer Freude um 12 Uhr verabschiedet, die Praxis abgeschlossen, die Kästen mit den Karteikarten wurden geschätzt, die Scheinzahl durch Wetten festgelegt; wer am weitesten entfernt war, mußte eine Lage Leberkäswecken stiften.
Nach einer Stärkung durch den nahegelegenen Schnellimbiß fegte jeder seinen Schreibtisch leer und machte sich zur Sortierung, Numerierung und Kontrolle seines Häufchens bereit. Und dabei die bekannten Zwischenrufe: "Da fehlt die Diagnose." "Schon wieder keine Ziffern eingetragen..."
Nach drei Stunden war dann alles in der Kiste, schön geordnet, numeriert, unterschrieben und ab zur Post. Müde, zufriedene Gesichter beim Kaffee – wir haben’s geschafft, gemeinsamer Stolz über die erarbeitete Scheinzahl, das gemeinsame Abendessen haben wir uns redlich verdient. Oh du liebe Abrechnung gestern und heute!
Dr. Vroni Beck-Pietzcker
Dr. Franz Pietzcker
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