ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2012Zukunft der psychotherapeutischen Ausbildung: Die Angst der Psychoanalytiker

POLITIK

Zukunft der psychotherapeutischen Ausbildung: Die Angst der Psychoanalytiker

Dtsch Arztebl 2012; 109(38): A-1858 / B-1508 / C-1480

Bühring, Petra

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Die Ausbildung von Psychotherapeuten muss dringend reformiert werden. Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium will keine kleinen Reformen, sondern eine Direktausbildung an Hochschulen durchsetzen. Der Widerstand ist groß.

Die Gegner einer Direktausbildung in Psychotherapie waren auf dem Podium eindeutig in der Mehrzahl. „Direktausbildung – Was spricht dagegen, was spricht dafür?“ war der Titel der Diskussion an der privaten International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin Ende August. Die Vorbehalte gegenüber der angedachten Ausbildung an Hochschulen analog zum Medizinstudium, die mit der Approbation abschließen und eine Spezialisierung als Weiterbildung an den Ausbildungsinstituten anschließen soll, standen jedoch im Vordergrund.

Institutsausbildung in Gefahr

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„Die bewährte Institutsausbildung steht auf der Kippe“, befürchtete Dr. Thilo Eith, Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft. Vor allem Psychoanalytiker könnten an staatlichen Universitäten – die überwiegend mit verhaltenstherapeutisch orientierten Lehrstühlen ausgestattet sind – nicht angemessen ausgebildet werden: „Bei der Psychoanalyse geht es auch um Denktraditionen, nicht nur um Ausbildung.“ Zudem würden die ärztliche und psychologische Ausbildung immer weiter auseinanderlaufen, mit der Folge, dass letztere in eine Sonderrolle gedrängt werde. Derzeit werden Mediziner und Psychologen an den meist privaten Instituten gemeinsam zum Psychotherapeuten ausgebildet.

„Heilen und Forschen darf nicht auseinandergerissen werden“, forderte Dr. med. Ursula Reiser-Mumme, Deutsche Psychoanalytische Vereinigung. Wichtig sei zudem „das Durchdenken von Erfahrungen“ – das könne an der Universität nicht geleistet werden. Das derzeitige System der Ausbildung sei „leidlich gut“. „Eine Direktausbildung ändert die Missstände nicht“, meint die Ärztin.

Eine Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung ist allerdings dringend notwendig: Bachelor- statt Masterabsolventen werden in immer mehr Bundesländern zur Ausbildung zum Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) zugelassen. Dies senkt nach Ansicht der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) die Qualität in der Kinderpsychotherapie. Außerdem werden viele Psychotherapeuten in Ausbildung während ihres Praxisjahres an Kliniken gar nicht oder nur unzureichend vergütet, so dass sie in finanzielle Nöte geraten.

Die BPtK hatte dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) bereits Ende 2010 ein ausführliches Reformkonzept vorgelegt und darin von einer Direktausbildung aufgrund der Beschlüsse des 16. Deutschen Psychotherapeutentages abgeraten. Ausgesprochen hatten sich die Delegierten allerdings für Modellstudiengänge.

Das BMG favorisiert aber aus „ordungspolitischen Gründen“ eine Direktausbildung Psychotherapie. Das heißt, der Gesetzgeber will den Psychotherapeuten jetzt als eindeutig akademischen Heilberuf anerkennen. Zwar wird der Beruf seit dem Psychotherapeutengesetz (PsychThG) von 1999 wie ein solcher behandelt, die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung entspricht aber immer noch der von nichtakademischen Heilberufen. Eine Korrektur des PsychThG auf Grundlage der bestehenden postgradualen Ausbildung sei wenig wahrscheinlich, teilt das BMG mit.

Die Bundes­ärzte­kammer lehnt die Direktausbildung ab. Der 115. Deutsche Ärztetag in Nürnberg fasste dazu jüngst eine Entschließung: Ein ausreichender Kompetenzerwerb der Psychologischen Psychotherapeuten und KJP in der Diagnostik und Behandlung von Schwerkranken sei ohne Einbezug stationärer Behandlungssettings nicht möglich. „Sinnvoller wäre es, den klinischen Teil der Ausbildung zu verbessern und eine Bezahlung durchzusetzen.“

Zurück zur Podiumsdiskussion: Die Direktausbildung ermögliche, ein Studium zu konzipieren, das vom ersten Semester an auf den Beruf des Psychotherapeuten vorbereitet, erklärt Prof. Dr. Jürgen Körner, Gründungspräsident der International Psychoanalytic University. „Die Zugangsvoraussetzungen zur Ausbildung sind sehr unterschiedlich: Das Medizinstudium bereitet gar nicht vor, und das Psychologiestudium ist auch nicht viel besser“, sagte er. Die IPU biete immerhin praxisorientierte Bachelor- und Masterstudiengänge in psychodynamisch orientierter Psychologie an. Wollen die Absolventen Psychotherapeut werden, müssen sie trotzdem die kostenintensive drei- bis fünfjährige Ausbildung anschließen.

Chance für die Ausbildung

„Die psychoanalytische Ausbildung ist seit den 30er Jahren in der Kritik“, sagte Prof. Dr. Michael Buchholz, Göttingen. Es sei eine Chance, die Missstände bei der Direktausbildung nicht an die Hochschulen zu transportieren. „Außerdem haben wir noch eine Trumpfkarte: Wir könnten Einfluss auf die Psychologie nehmen.“

Ein Student der IPU betonte während der Diskussion, eine Direktausbildung sofort befürworten zu wollen: „Die meisten schütteln den Kopf darüber, dass ich nach dem Studium noch eine lange Ausbildung anschließen muss.“

Petra Bühring

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