ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2012Berufsqualifikationen: Ärzte und Unis kritisieren EU-Pläne

POLITIK

Berufsqualifikationen: Ärzte und Unis kritisieren EU-Pläne

Dtsch Arztebl 2012; 109(38): A-1856 / B-1509 / C-1481

Hibbeler, Birgit

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Die EU-Kommission will die Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen reformieren. Für Diskussionen sorgen die geplante Verkürzung des Medizinstudiums auf fünf Jahre und der neue europäische Berufsausweis.

Mediziner sind mobil. Viele absolvieren schon im Studium eine Auslandsfamulatur. Für Ärzte ist es recht einfach, in einem anderen Land der Europäischen Union (EU) zu arbeiten. Die Studienabschlüsse werden anerkannt. Das regelt die Richtlinie 2005/36/EG über die Anerkennung von Berufsqualifikationen. Sie legt derzeit fest: Ein Medizinstudium dauert mindestens sechs Jahre oder 5 500 Unterrichtsstunden.

Kürzeres Studium, höhere Belastung für Studierende

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Das könnte sich bald ändern. Die EU-Kommission will die Mindestdauer des Studiums auf fünf Jahre verkürzen. Für den Medizinischen Fakultätentag (MFT) ist das nicht akzeptabel. Er befürchtet eine inhaltliche Überfrachtung. „Bereits heute ist die Verdichtung im Medizinstudium hoch und steigt von Reform zu Reform“, sagt Dr. rer. nat. Volker Hildebrandt, MFT-Generalsekretär. Ein sechsjähriges Studium wäre zwar weiterhin möglich, doch Hildebrandt befürchtet einen Wettbewerb mit einer Anpassung nach unten: „Ein solches Konkurrenzverhältnis würde unmittelbar zu einem Druck führen, das Medizinstudium auch an deutschen Universitäten um ein Jahr zu verkürzen.“ Der MFT warnt außerdem davor, dass die EU-Kommission künftig Ausbildungsinhalte festlegen könnte.

Diese Kritik teilt Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Die Verkürzung des Studiums bewertet er aber differenzierter und sieht darin einen europäischen Kompromiss („3 Fragen an“). Zunächst stellt er klar: „Im Kern begrüßen wir eine regelmäßige Anpassung der Richtlinie.“ Im Interesse der Mobilität sei eine einfache Handhabung der Berufsanerkennung wünschenswert. „Mit einigen Punkten haben wir aber große Bauchschmerzen“, betont er.

So wendet sich die BÄK gegen die Pläne, strengere Voraussetzungen für die Pflegeausbildung zu verlangen. Künftig soll eine zwölfjährige Schulbildung oder eine Qualifikation auf vergleichbarem Niveau erforderlich sein. Viele Pflegekräfte sehen darin die Chance, ihren Beruf aufzuwerten und attraktiver zu machen. Die BÄK befürchtet eine Verschärfung des Fachkräftemangels.

Kritik an Regelungen zum europäischen Berufsausweis

Besondere Bauchschmerzen hat Montgomery mit dem geplanten Verfahren zum neuen europäischen Berufsausweis. Der Ausweis soll die Anerkennung vereinfachen. Das Herkunftsland stellt ihn aus, der Arzt wendet sich dann mit dem Ausweis an die zuständige Stelle in dem Land, in dem er arbeiten will. Da der EU-Kommission die bisherige Anerkennungspraxis offenbar nicht schnell genug geht, soll die Berufsqualifikation künftig automatisch als anerkannt gelten, wenn innerhalb bestimmter Fristen keine Entscheidung gefallen ist. Montgomery lehnt dies ab: „Hier dürfen nicht die Fristen im Vordergrund stehen, sondern es muss um eine qualitativ gute Prüfung gehen.“

Die Vorschläge der EU-Kommission werden derzeit in den Ausschüssen des Europäischen Parlaments beraten. Änderungsanträge können noch bis Mitte Oktober eingebracht werden.

Dr. med. Birgit Hibbeler

@Stellungnahmen zur EU-Richtlinie: www.aerzteblatt.de/121856

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundes­ärzte­kammer

Foto: dpa
Foto: dpa

Die Mindestdauer des Medizinstudiums soll auf fünf Jahre verkürzt werden. Ein guter Vorschlag?

Montgomery: Wir halten eine Ausbildung von sechs Jahren für besser. Allerdings wissen wir auch: Das ist ein europäischer Kompromiss. In Irland sind bereits vierjährige Curricula angedacht. Mit der geplanten Formulierung „mindestens fünf Jahre und 5 500 Stunden“ ist das jetzige deutsche Medizinstudium weiter möglich. Wenn wir in sechs Jahren eine höhere Qualität liefern als die anderen in fünf, wird sich unser Modell auch in Zukunft halten.

Bei der Pflegeausbildung steigen die Anforderungen. Zwölf Jahre Schulbildung sollen grundsätzlich Voraussetzung sein. Ist das sinnvoll?

Montgomery: Nein. Das würde den Fachkräftemangel weiter verschärfen. Wir müssen uns außerdem die Frage stellen, ob wir wirklich eine Vollakademisierung der Pflege brauchen. Ich denke, wir benötigen auch Menschen, die Pflege nicht mit einem wissenschaftlichen, sondern mit einem praktisch-kurativen Ansatz betreiben. Deshalb muss ein Zugang zur Pflegeausbildung mit einer zehnjährigen Schulbildung regelhaft möglich sein.

Die EU-Kommission will über „delegierte Rechtsakte“ vor allem Einfluss auf das Studium nehmen können. Finden Sie das akzeptabel?

Montgomery: Das lehnen wir komplett ab. Solche Entscheidungen gehen an Parlament und Ministerrat vorbei. Das entspricht nicht unserem demokratischen Grundverständnis.

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