ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2012Demografischer Wandel: Altern ist keine Katastrophe

POLITIK

Demografischer Wandel: Altern ist keine Katastrophe

Dtsch Arztebl 2012; 109(38): A-1860 / B-1510 / C-1482

Korzilius, Heike

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Die Gesellschaft wird älter, die Zahl der chronisch Kranken und Pflegebedürftigen steigt. Das wird die Sozialsysteme über kurz oder lang kollabieren lassen. Dieser gängigen Prognose widersprechen Experten. Sie fordern mehr Optimismus bei der Suche nach Lösungen.

Sinkende Geburtenraten, immer mehr ältere, chronisch Kranke, immer mehr Demente und niemand, der sie pflegt oder medizinisch betreut, weil auch Pflegekräfte und Ärzte immer älter werden und der Nachwuchs ausbleibt – ganz zu schweigen von der Frage, wer das alles bezahlen soll, wenn immer weniger junge Menschen immer mehr Alte durchfüttern müssen. Das ist das gängige Szenario, wenn vom demografischen Wandel die Rede ist. In der Tat gehen Prognosen davon aus, dass im Jahr 2050 statt bislang rund 82 Millionen nur noch 71 Millionen Menschen in Deutschland leben werden, deren Durchschnittsalter von 42,4 Jahren auf 51,4 Jahre gestiegen sein wird. Der Anteil der über 80-Jährigen könnte dann bei 13,2 Prozent liegen und die Zahl der Demenzkranken bei 2,5 Millionen.

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Diesen Zahlen den Schrecken zu nehmen, hatte sich die Konrad-Adenauer-Stiftung vorgenommen und vom 6. bis 9. September circa 50 Experten aus Wissenschaft, Politik und Verbänden an den Comer See geladen, um über Lösungsansätze und Perspektiven zu diskutieren. „Wir müssen raus aus dem Fatalismus“, sagte Prof. Dr. med. Volker Schumpelick zum Ziel der Tagung. Der ehemalige Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen ist Leiter und Mitbegründer der „Cadenabbia Gespräche Medizin – Ethik – Recht“, die sich nach 2004 zum zweiten Mal mit dem demografischen Wandel auseinandersetzten. Mehr Optimismus bei der Suche nach Lösungen ist nach Ansicht der Organisatoren notwendig; denn dass die Menschen immer älter werden, sind auch die Folgen zunehmenden Wohlstands und einer besseren medizinischen Versorgung.

„Eine steigende Lebenserwartung ist nichts Negatives, sondern ein wichtiges Gut einer Gesellschaft“, stellte Prof. Dr. rer. nat. Bärbel Kurth, Leiterin der Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung des Robert-Koch-Instituts, klar. Sie gehe unter anderem auf eine erfolgreiche Prävention und ein gutes Gesundheitssystem zurück. Beides habe in Deutschland zu einem Rückgang der Herz-Kreislauf-Erkrankungen und einem leichten Rückgang der Krebserkrankungen beigetragen.

Wann beginnt das Alter?

„Trotzdem gibt es Horrorszenarien, die davon ausgehen, dass mit der Zahl älterer Menschen automatisch auch der medizinische Versorgungsbedarf steigt“, sagte Kurth. „Dabei werden Zahlen von morgen mit der Morbiditätsentwicklung von heute verknüpft.“ Doch die Entwicklung der Krankheitslast sei schwierig vorherzusagen, zumal man auch therapeutische und medizinisch-technische Fortschritte berücksichtigen müsse, die sich nicht nur positiv auf die Lebensqualität, sondern auch kostensenkend auswirken könnten. Beispiel Knieendoprothesen: „Man weiß heute nicht, wie sich deren Qualität verbessert, so dass weniger Folgeoperationen notwendig werden“, meinte Kurth. Zugleich gab die Mathematikerin zu bedenken, dass sich Umfragen zufolge die Selbsteinschätzung der Gesundheit in den letzten Jahren verbessert hat. „Die Menschen werden ja nicht ohne Grund älter, sondern vielleicht auch, weil sie gesünder sind.“

„Man kann heutige Ältere mit denen von früher nicht mehr vergleichen“, sagte Prof. Dr. phil. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg. Wenn schwere Erkrankungen ausblieben, erscheine das Altern als konstanter Prozess, in dem man keinen Punkt definieren könne, „an dem Alter beginnt“. Mit körperlichem und kognitivem Training, mit Aktivität könne man den Alterungsprozess positiv beeinflussen. Die Alternden müssten aber auch mit Strategien ausgestattet werden, die es ihnen erleichterten, mit den Verletzlichkeiten des Alters umzugehen.

„Wir können früh in die Biomorphose eingreifen, zum Beispiel durch Bildung. Das ist ein politisch hochrelevanter Befund“, betonte der Heidelberger Psychologe. Denn die Rahmenbedingungen für ein gesundes Älterwerden würden bereits im frühen Kindesalter geschaffen. Doch auch die Arbeitswelt und das Rentenalter bergen Förderpotenzial. So hat sich Kruse zufolge die Kooperation von Jung und Alt am Arbeitsplatz als „ungeheuere Stärke“ erwiesen. Und im Rentenalter eröffne zivilgesellschaftliches Engagement die Möglichkeit, sich nach wie vor als Teil eines sozialen Netzwerks zu begreifen und aktiv zu bleiben. Im Zentrum aller Überlegungen müsse das mitverantwortliche Leben stehen, auch für Hochbetagte.

Da der Alterungsprozess bei jedem unterschiedlich verläuft, forderte Kruse flexiblere Altersstrukturen beispielsweise beim Renteneintritt: „Diejenigen, die weiter arbeiten wollen und können, sollen das tun.“ Die starren Altersgrenzen gehörten auf den Prüfstand, denn sie seien bedeutsam für das eigene Altersbild und das der Gesellschaft. „Diese Altersbilder müssen wir verändern“, erklärte der Gerontologe. Sein Rezept gegen die Krise: „Prävention, integriert mit einer Bildungsoffensive, wäre die Antwort auf den demografischen Wandel.“

Für die ehemalige Bun­des­fa­mi­lien­mi­nis­terin und Gerontologin Prof. Dr. phil. Ursula Lehr gehören Prävention, Sekundär- und Tertiärprophylaxe sowie Rehabilitation zusammen. „Auch der kranke Mensch hat noch Bereiche von Gesundheit, die gefördert werden müssen.“ Der Grundsatz Reha vor Pflege werde jedoch in Pflegeheimen völlig vernachlässigt. Das führt Lehr zum einen auf ein negatives Altersbild zurück: „Die Pflegebedürftigen geben sich auf.“ Zum anderen kritisiert sie, dass das Gesundheitssystem falsche Anreize setze. „Ist der Rehaerfolg zu groß, muss man mit finanziellen Einbußen rechnen, weil die Pflegestufe entfällt.“

Autonomie wiederherstellen

Bei alten und zudem multimorbiden Patienten das Potenzial für Verbesserungen finden – so definierte Prof. Dr. med. Ralf-Joachim Schulz das Ziel der Geriatrie. Schulz hat den Lehrstuhl für das Fach an der Universität zu Köln inne und leitet die geriatrische Abteilung am Kölner St.-Marien-Hospital. Er sieht sich als „Allrounder“, dessen Aufgabe darin besteht, die verschiedenen Erkrankungen seiner Patienten zu gewichten und zu priorisieren sowie die Grenzen des Machbaren zu erkennen und zu vermitteln. Den umfassenden Ansatz in der Geriatrie, der insbesondere darauf abzielt, Autonomie und Kompetenzen wiederherzustellen, hält Schulz für ein Erfolgsmodell: „80 Prozent meiner Patienten kehren in ihr häusliches Umfeld zurück. Sie sind wieder in der Lage zu kommunizieren. Sie wollen wieder etwas.“

Und was kostet der demografische Wandel? Jedenfalls im Gesundheitswesen deutlich weniger als bislang angenommen, sagte Dr. med. Christoph Straub von der Barmer-GEK. Berechnungen der Krankenkasse hätten ergeben, dass nur 18 Prozent der jährlichen Ausgabensteigerungen auf reine Altersstruktureffekte entfielen. Von 2007 bis 2010 seien die jährlichen Kosten um durchschnittlich 88 Euro pro Kopf gestiegen, davon waren jeweils nur 16 Euro demografiebedingt. „Mehr ältere Patienten bedeuten nicht zwangsläufig mehr Behandlungsbedarf.“

Heike Korzilius

@Volker Schumpelick über die Cadenabbia-Gespräche unter www.aerzteblatt.de/186012

3 Fragen an . . .

Annette Widmann-Mauz (CDU), parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Gesundheit

Fotos: dpa
Fotos: dpa

Was tut die Bundesregierung, um mögliche Folgen des demografischen Wandels zu mildern, der ja auch vor Ärzten und Pflegepersonal nicht haltmacht?

Widmann-Mauz: Eines der wichtigsten Projekte ist das Versorgungsstrukturgesetz. Es schafft unter anderem Anreize für Ärzte, sich in unterversorgten Regionen niederzulassen. Mit dem Gesetz geben wir regional differenzierte Antworten auf eine unterschiedliche demografische Entwicklung in unserem Land, zum Beispiel bei der Bedarfsplanung. Außerdem fördern wir mit der spezialfachärztlichen Versorgung die Überwindung der Grenzen zwischen ambulantem und stationärem Sektor. Denn multimorbide Patienten brauchen eine integrierte Versorgung.

Was können Sie tun, um die Potenziale älterer Menschen zu fördern?

Widmann-Mauz: Die Koalition bringt im Herbst eine Strategie zur Verbesserung der Prävention auf den Weg. Es gibt bereits sinnvolle Ansätze – denken Sie an die HIV/Aids-Prävention oder die Kampagnen zur Bekämpfung des Alkoholismus oder des Rauchens. Aber wir haben zwischen den Akteuren zu wenig abgestimmte, koordinierte Strategien. Unser Ziel ist es, insbesondere die betriebliche Gesund­heits­förder­ung zu stärken sowie die Früherkennung und das Impfen zu fördern, das ja auch im fortgeschrittenen Alter Sinn macht.

Bei Pflegebedürftigen spielt darüber hinaus die Rehabilitation eine wichtige Rolle. Deren Potenziale werden zu häufig nicht genutzt. Deshalb haben wir im Rahmen der Pflegereform die Pflegekassen verpflichtet, bei der Erstellung des Pflegegutachtens den Rehabilitationsbedarf zu beschreiben. Das erleichtert den Versicherten die Durchsetzung von Reha-maßnahmen.

Was nehmen Sie denn als Politikerin vom interdisziplinären Forum in Cadenabbia mit nach Hause?

Widmann-Mauz: Die Interdisziplinarität schafft Raum für neue Erkenntnisse. Die eigenen Vorstellungen werden im Austausch mit Experten reflektiert. Ich profitiere immer sehr von diesen Gesprächen, weil sie Kenntnisse erweitern und vertiefen, Zusammenhänge anders beleuchten und neue Ideen, Anregungen entstehen.

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