MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Retinoblastom: Intraarterielle Chemo vermeidet Entfernung des Bulbus

Dtsch Arztebl 2012; 109(38): A-1880 / B-1526 / C-1498

Gerste, Ronald D.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Unbehandelt führt das Retinoblastom – ein aus unreifen Netzhautzellen entstehender Tumor bei Kindern – zum Tod. Bei begrenzten Tumoren kann die Enukleation heutzutage meist vermieden werden. Problematischer wird es bei subretinaler Ausbreitung und einer Aussaat von Retinoblastomzellen in den Glaskörper. Wird der Bulbus nicht entfernt, drohen hohe Progressionsraten (bis zu 75 %). Problem einer systemischen Chemotherapie ist, dass der gesamte Körper toxischen Medikamenten ausgesetzt wird, um ein Zielorgan zu erreichen, das deutlich weniger als 1 % des Körpergewichts ausmacht.

Vor diesem Hintergrund haben spezialisierte Zentren wie das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York die superselektive intraarterielle Chemotherapie entwickelt, bei der über die Arteria femoralis unter Vollnarkose in die Arteria ophthalmica Wirkstoffkombinationen aus Melaphan, Topotecan und Carboplatin oder eine der Substanzen als Monotherapie injiziert werden. Jetzt liegen Ergebnisse der Methode vor, die auf einer durchschnittlichen Nachbeobachtungszeit von 2 Jahren basieren.

Es wurden insgesamt 76 Augen von 67 Patienten mit subretinaler und/oder intravitrealer Tumoraussaat behandelt. 56 Augen konnten erhalten, 20 mussten enukleiert werden. Augen, die noch keinerlei Vorbehandlung erfahren hatten (behandlungsnaive), konnten über diesen Zeitraum in 83 % der Fälle gerettet werden, wenn eine subretinale Ausbreitung vorlag, und in 64 % der Fälle von Beteiligung des Glaskörpers. Bei vorbehandelten Augen (in der Regel mit mehreren Zyklen systemischer Chemotherapie, seltener mit einer zusätzlichen externen Strahlentherapie) betrug die Zweijahreswahrscheinlichkeit für den Erhalt des Bulbus 76 % bei alleiniger Glaskörperbeteiligung, 50 % für die subretinale Ausstreuung und 54 % für Patienten mit beiden Arten der Tumorausbreitung. 43 % der Augen erhielten ein Chemotherapeutikum, 43 % bekamen eine Kombination aus zwei und 14 % eine Kombination aus drei Wirkstoffen.

Bei knapp einem Drittel war dieser Therapieerfolg ausschließlich mit der superselektiven intraarteriellen Chemotherapie erzielt worden; bei den übrigen Patienten, deren Auge erhalten werden konnte, war unterstützend eine Laser- oder eine Kryokoagulation erfolgt. Diese Ergebnisse sind deutlich besser als die früherer Studien, in denen die fortgeschrittenen Befunde systemisch chemotherapiert wurden – auch wenn die Autoren darauf hinweisen, dass Vergleiche in der Literatur zum Retinoblastom schwierig sind, da sich dieses Krankheitsbild in den letzten Jahren wiederholter und manchmal verwirrender Klassifikationsbemühungen durch die Experten erfreut hat. Vor allem die Erfolgsrate von 76 % bzw. 64 % bei Glaskörperaussaat spricht für eine deutliche Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Therapiestrategien.

Fazit: Den hohen Anteil der Augen, die bei Patienten mit Retinoblastom durch intraarterielle Chemotherapie vor einer Enukleation bewahrt werden konnten, bezeichnen die Studienautoren als ermutigend, da diese fortgeschrittenen Befunde oft wenig auf eine primäre intravenöse Chemotherapie oder eine perkutane Strahlentherapie ansprechen. In naher Zukunft dürfte der Vergleich der superselektiven, intraarteriellen Chemotherapie mit einer anderen verhältnismäßig neuen Behandlung von Interesse werden, die Patienten ebenfalls systemische Komplikationen weitgehend erspart: die Injektion des Wirkstoffs direkt in den Glaskörper. Dr. med. Ronald D. Gerste

Abramson DH, Marr BP, Dunkel IJ, et al.: Intra-arterial chemotherapy for retinoblastoma in eyes with vitreous and/or subretinal seeding: 2-year results. Br J Ophthalmol 2012; 96: 499–502. MEDLINE

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige