KULTUR

Carlo Levi: Lebenslange Suche nach Harmonie

Dtsch Arztebl 2012; 109(38): A-1889 / B-1535 / C-1505

Goddemeier, Christof

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Der Arzt, Schriftsteller und Maler wurde durch seinen dokumentarischen Roman „Christus kam nur bis Eboli“ bekannt.

Dreimal wird Carlo Levi zwischen 1934 und 1944 von der faschistischen Regierung Italiens verhaftet. Nach der zweiten Inhaftierung entlässt man ihn nicht in die Freiheit, sondern verurteilt ihn zu drei Jahren Verbannung. So gelangt Levi im August 1935 nach Lukanien. In seinem bekanntesten Werk, dem dokumentarischen Roman „Christus kam nur bis Eboli“, beschreibt Levi einfühlsam das Leben der Bauern in den Bergen hinter Salerno. 1902 wird Carlo Levi in Turin geboren. In der jüdischen Tradition ist er vor allem kulturell und intellektuell verwurzelt, die Familie bekennt sich nicht zum orthodoxen Judentum. Er selbst äußert sich dazu nur indirekt, etwa in einer Rede über den Dichter und Freund Umberto Saba. Dessen Fähigkeit zu „universalisieren“ charakterisiert auch Levi. Das zeigt sich in seiner lebenslangen Suche nach einer Harmonie, die alle Bereiche des menschlichen Lebens zusammenführt und eint.

Levi studiert in Turin Medizin. Noch vor Abschluss seines Studiums debütiert er als Maler bei der Turiner „Quadriennale d’arte moderna“, 1924 zeigt er seine Bilder in Venedig. Bereits als 17-jähriger Gymnasiast begegnet er Piero Gobetti, einem der wichtigsten italienischen Antifaschisten. Drei Jahre arbeitet er bei dessen Zeitschrift „Rivoluzione Liberale“ mit. Levi wird zwar erst Ende der 20er Jahre selbst politisch aktiv, doch der Kontakt zu Gobetti und dessen Freundeskreis inspiriert den jungen Levi und bestimmt seine weitere Entwicklung.

Nach dem frühen Tod von Gobetti gründet Levi 1929 mit den Brüdern Rosselli in Paris die antifaschistische Bewegung „Giustizia e Libertà“. Im selben Jahr formieren sich die „Sechs von Turin“, sechs Maler, die Levi zufolge ihre Aufgabe darin sehen, Gobettis Ideen auf die Kunst zu übertragen. Dabei verstehen sie sich vor allem als „edukativ-zivilisatorische“ Bewegung und weniger als einheitliche künstlerische Schule. Ihr Engagement für eine „europäische und moderne“ Malerei richtet sich sowohl gegen die nationale und offizielle akademische Produktion etwa der Mailänder Gruppe „900“ als auch gegen die Futuristen.

„Wir sind keine Christen“, sagen die Bauern in Lukanien. „Christus ist nur bis Eboli gekommen.“ Diesen Satz hört der urbane Norditaliener Levi während der Verbannung immer wieder. Jahre später verfasst er seinen Bericht über diese „andere, in Schmerz und Brauchtum verstrickte, unendlich geduldige Welt, die abseits von Geschichte und Staat liegt“, über „dieses herbe, trostlose Land, wo der Bauer in Elend und Verlassenheit auf karger Scholle im Angesicht des Todes seiner starren Sitte lebt“. Obwohl so verschieden, schließen Levi und die Bauern Freundschaft. Beide sind der Willkür eines feindseligen Staates ausgeliefert und zum Exil im eigenen Land verurteilt – die Menschen des Mezzogiorno und der Verbannte verfügen in Italien über keine Stimme. Die Malaria grassiert, doch für die zwei Ärzte im Ort ist die ärztliche Kunst nur „ein Feudalrecht über Leben und Tod“, nennenswerte medizinische Kenntnisse haben sie nicht. So behandelt Levi die Kranken, und sie danken ihm seinen Einsatz, auch wenn er oft nicht wesentlich helfen kann. Der Abschied ist schließlich für beide Seiten schmerzlich.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlicht Carlo Levi weitere „literarische Reisebilder“. 1975 stirbt er in Rom.

Christof Goddemeier

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Zangenfeind S: Die Muschel der Zeit.
Tübingen 1995.

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