ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2012Qualitätszirkel: Selbstbestimmtes Lehren und Lernen

THEMEN DER ZEIT

Qualitätszirkel: Selbstbestimmtes Lehren und Lernen

Dtsch Arztebl 2012; 109(38): A-1872 / B-1520 / C-1492

Siebolds, Marcus; Diel, Franziska; Quasdorf, Ingrid

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Foto: Fotolia/mankel
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In einer Umfrage erhält das Qualitätszirkelkonzept der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gute Noten. Ärzte und Psychotherapeuten

Für jeden Vertragsarzt oder Vertragspsychotherapeuten ist die Weiterentwicklung der fachlichen Kompetenzen und die selbstkritische Reflexion des eigenen Handelns über das gesamte Berufsleben hinweg die Grundlage einer verantwortungsbewussten Arbeit. Da sie als Fachärzte alleinverantwortlich – häufig in einer Einzelpraxis – tätig sind, ergeben sich für ihre kontinuierliche Fortbildung und den notwendigen kollegialen Austausch besondere Anforderungen. Im Ensemble verfügbarer Fortbildungsangebote nehmen ärztliche/psychotherapeutische Qualitätszirkel (QZ) im Sinne des Peer Review eine herausragende Stellung ein.

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In der Diskussion mit Moderatoren zeigte sich der Anspruch der Zirkelteilnehmer, selbstbestimmt und unabhängig arbeiten zu können. Deshalb haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) in ihren Richtlinien zur Qualitätszirkelarbeit die thematische und methodische Autonomie der Zirkel als unabdingbar festgeschrieben und sich zu deren Unterstützung verpflichtet.* Dabei beschritten die KVen zum Teil unterschiedliche Wege, zum Beispiel durch die Organisation externer Moderatorenausbildungen, die Entwicklung spezieller Zirkelformate oder die Supervision für Moderatoren.

Die KV Nordrhein entwickelte 1998 ein Konzept, das die Vertragsärzte selbst intensiver in die Gestaltung der Qualitätszirkelarbeit einbinden sollte. Ziel war es, die Moderatorenausbildung und die Weiterentwicklung der Unterstützungsangebote zunehmend in die Hände erfahrener Qualitätszirkel-moderatoren zu legen, um so verstärkt die vertragsärztliche Perspektive in den Prozess einzubringen. Dafür wurden 50 erfahrene Moderatoren zu Qualitätszirkeltutoren ausgebildet, die seit 2001 die Aus- und Fortbildung von Moderatoren übernommen haben. 2002 folgte die KV Westfalen-Lippe diesem Konzept und bildete 30 Tutoren aus. Die ermutigenden Erfahrungen aus beiden Projekten führten 2003 dazu, dass die KBV das Konzept auf Bundesebene einführte. Seither hat sie 116 Tutoren ausgebildet. 11 von 14 KVen beteiligen sich am Tutorenprojekt. Die KBV unterstützt die Tutorenarbeit seit 2005 durch jährlich stattfindende nationale Tutorentreffen. Ergänzt wird das Förderangebot durch regelmäßige Supervisionssitzungen für Tutoren.

Teilnehmer geben gute Noten

Unter der Leitung dieser Tutoren finden in den KVen regelmäßig Moderatorentreffen statt mit dem Ziel, den Erfahrungsaustausch zu fördern und neue Impulse für die Qualitätszirkelarbeit zu setzen. In einigen KVen haben Tutoren auch die Verantwortung für die Moderatorenaus- und -fortbildung übernommen. Dieses Vorgehen hat wesentliche Vorteile:

  • Die Moderatorenausbildung wird an die Bedürfnisse der realen Qualitätszirkelarbeit angepasst.
  • Die Erfahrungen des Tutors aus seiner eigenen Moderatorentätigkeit fließen unmittelbar in die Ausbildung ein.
  • Zwischen Tutoren und Moderatoren entsteht frühzeitig eine Bindung, die im Rahmen der Moderatorenfortbildung vertieft wird.

Um die Moderatoren bei der Gestaltung von Zirkelsitzungen zu unterstützen, hat die KBV strukturierte inhaltlich-didaktische Handreichungen für die Zirkelarbeit entwickelt, sogenannte Qualitätszirkeldramaturgien. Sie sind Bestandteil der Moderatorenausbildung. Während die ersten vier Dramaturgien noch von externen Experten geschrieben wurden, haben von 2005 an Tutoren und Moderatoren diese Aufgabe zunehmend übernommen und inzwischen 18 weitere Dramaturgien erstellt und geschult. Sämtliche Dramaturgien sind im Handbuch Qualitätszirkel der KBV enthalten und können von allen Moderatoren genutzt werden. Die Materialien verstehen sich als Empfehlung. Der Moderator kann die Dramaturgien den Bedürfnissen seines Zirkels anpassen. Die inhaltlichen Fragen legen die Zirkelteilnehmer selbst fest.

Um Informationen zum Stand der Umsetzung des Tutorenkonzepts zu sammeln, hat die KBV zusammen mit Prof. Dr. med. Marcus Siebolds von der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen von Januar bis September 2011 eine Umfrage durchgeführt. Grundlage der Befragung waren Fragebogen, die gemeinsam mit Tutoren und Moderatoren entwickelt wurden.

Danach bilden in neun von 17 KVen Tutoren in eigener Regie die Moderatoren aus, in acht KVen erfolgt die Ausbildung extern (Tabelle 1). Die Ausbildung erstreckt sich in der Regel über zwei Tage und dauert zwischen acht und 16 Stunden, meist sind es zwölf Stunden. Zwölf KVen bieten eine Moderatorenfortbildung an; in elf KVen erfolgt diese durch eigene Tutoren, eine KV zieht Tutoren anderer KVen hinzu. In allen zwölf KVen wird dabei das Handbuch Qualitätszirkel samt der darin enthaltenen Dramaturgien verwendet. Die Moderatorenfortbildung findet in der Regel an einem Tag statt und dauert zwischen drei und zehn Stunden. In sechs KVen ist die Teilnahme an solchen Fortbildungsveranstaltungen Pflicht.

Moderatorenausbildung durch Tutoren in den KVen
Moderatorenausbildung durch Tutoren in den KVen
Tabelle 1
Moderatorenausbildung durch Tutoren in den KVen

Der Umfrage zufolge waren im Jahr 2011 bundesweit 63 Tutoren in der Aus- und Fortbildung von Moderatoren aktiv. Dabei hat sich insbesondere das Zusammenwirken von ärztlichen und psychotherapeutischen Tutoren bei der Moderatorenausbildung bewährt. Sowohl in der Moderatorenausbildung als auch in der -fortbildung werden die Dramaturgien des Qualitätszirkelkonzeptes der KBV verwendet.

Die KBV wollte außerdem wissen, wie die Moderatoren die Ausbildung durch Tutoren bewerten. Der Erhebungsbogen wurde den Teilnehmern vor Ort ausgehändigt. Das Ergebnis: Die Moderatoren halten die Ausbildung durch Tutoren für qualitativ sehr gut bis gut (eTabelle). Die Entscheidung, dieses neue Element in das Qualitätszirkelkonzept einzufügen, findet damit Bestätigung.

In der Tendenz unterscheiden sich die Bewertungen sowohl im Vergleich der beteiligten KVen als auch im Vergleich der befragten Fachgruppen nur marginal. Dass die Bewertung in einzelnen KVen etwas positiver ausfällt, könnte der geringeren Gruppengröße in der Ausbildung (15 beziehungsweise sieben Teilnehmer) oder deren Fachgruppenzugehörigkeit geschuldet sein. Haus- und Fachärzte bewerten die Ausbildung fast deckungsgleich; Psychotherapeuten betrachten die Moderatorenausbildung in allen Punkten etwas kritischer. Aufschluss über die Qualität der Moderatorenausbildung nach dem KBV-Konzept gibt die Bewertung der Aussage „Der Tutor hat verständlich vermittelt, dass das professionelle Selbstverständnis durch die QZ-Arbeit und Moderatorentätigkeit unterstützt wird“ mit 1,42 (1 = trifft voll zu; 5 = trifft überhaupt nicht zu). Aber auch die Bewertung der Aussagen „Der Tutor hat das Ziel und den Inhalt der Veranstaltung klar dargestellt“ mit 1,45 und „Der Tutor hat so moderiert, dass am Ende ein praxisrelevantes Ergebnis steht“ mit 1,59 zeigen, dass das Qualitätsurteil sehr gut ausfällt.

Häufiger geschlossene Zirkel

Mit der Befragung sollte auch ermittelt werden, wie die Teilnehmer selbst ihre Ausbildung wahrgenommen haben und ob sie sich vorstellen können, nach der Ausbildung eine Moderatorentätigkeit zu übernehmen (Tabelle 2). Nach dem Abschluss der Moderatorenausbildung, die in der Regel nur die Dramaturgien „Gruppenleitung“, „Patientenfallkonferenz“ und „Nutzung von Leitlinien“ ausführlich behandelt, wurden die Teilnehmer befragt, ob sie sich vorstellen könnten, die Dramaturgien des Qualitätszirkelkonzepts selbst anzuwenden. Erwartungsgemäß wurden die schon trainierten Dramaturgien präferiert. Damit auch die anderen Dramaturgien genutzt werden, ist es notwendig, dass Tutoren die Moderatoren darin intensiv trainieren.

Selbsteinschätzung der Teilnehmer an den Moderatorenausbildungen
Selbsteinschätzung der Teilnehmer an den Moderatorenausbildungen
Tabelle 2
Selbsteinschätzung der Teilnehmer an den Moderatorenausbildungen

Befragt wurden die ausgebildeten Moderatoren zudem zu ihren Erfahrungen in der Qualitätszirkelarbeit. Die Auswertung belegt die hohe Akzeptanz des Instruments Qualitätszirkel bei der Fortbildung. 73,8 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mit der Arbeit in ihrem Qualitätszirkel sehr zufrieden oder zufrieden sind. 78,2 Prozent berichteten, in einem Zirkel zu arbeiten, der als Fortbildungsveranstaltung zertifiziert ist. Dabei bilden Qualitätszirkel einen Rahmen, in dem sich die Teilnehmer kontinuierlich mit dem Thema Qualitätsentwicklung beschäftigen können. Entsprechend gaben die Befragten an, dass sich ihr Zirkel fünf- bis sechsmal im Jahr trifft, wobei bei einer Zirkellaufzeit von mehr als fünf Jahren eine Tendenz zu fünf Sitzungen zu verzeichnen ist. 60 Prozent der Befragten waren in einem Zirkel aktiv, dem ausschließlich Vertragsärzte und/oder Vertragspsychotherapeuten angehörten.

65,3 Prozent der Teilnehmer gaben an, Mitglied in einem geschlossenen Zirkel zu sein, also in einem Zirkel mit einem festen Teilnehmerkreis. Auf solche Zirkel zielen auch die Qualitätszirkeldramaturgien ab. Geschlossene Zirkel ermöglichen eher ein kontinuierliches Arbeiten in großer Vertrautheit als offene. Der Anteil der geschlossenen Zirkel nimmt mit der Laufzeit der Zirkel deutlich zu.

Konzept weiterentwickeln

Die Befragung bestätigte auch den Ansatz der KBV, die selbstbestimmte Fortbildung zu fördern. So gaben nur 3,8 Prozent der Befragten an, dass die Themen der Qualitätszirkelarbeit von Dritten vorgegeben würden. 13,9 Prozent berichteten, dass ihr Zirkel die Themen für ein Jahr im Voraus plane, 6,3 Prozent erklärten, dass sie aufeinander abgestimmte Zirkelreihen zu einem Thema durchführten. Dieser letztgenannte niedrige Anteil deutet auf eine Zirkelkultur hin, sich eher zeitlich begrenzt (zwei bis drei Stunden) mit einem Thema zu befassen. Eine Arbeit an Themen über mehrere Sitzungen hinweg scheint weniger üblich zu sein.

Das Qualitätszirkelkonzept der KBV sichert eine strukturierte, qualitätsgestützte, aber selbstbestimmte Zirkelarbeit. Die Serviceleistungen von KBV und KVen unterstützen diese Form der Qualitätsförderung und erfahren eine hohe Wertschätzung. Das ist Ansporn, kontinuierlich an der Verbreitung und der Weiterentwicklung des Qualitätszirkelkonzepts zu arbeiten. Die KBV trägt dazu durch die Ausbildung weiterer Tutoren, die Entwicklung neuer Qualitätszirkeldramaturgien und eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit bei. Darüber hinaus bietet sie in zahlreichen bundesweiten Veranstaltungen eine Plattform für den Erfahrungsaustausch von KVen und Tutoren. In gleicher Weise sollten die KVen ihre Angebote ausbauen, mit denen die regionale Qualitätszirkelarbeit organisatorisch und finanziell gefördert wird.

Die Befragung hat auch gezeigt, dass es Entwicklungspotenzial gibt: Das Konzept wird noch nicht in allen KVen umgesetzt, die Dramaturgien werden noch nicht flächendeckend angewendet, und Themen könnten besser aufeinander aufbauend bearbeitet werden. Deshalb wird das Qualitätszirkelhandbuch der KBV aktuell überarbeitet und dessen Inhalt noch stärker an den Bedarf der Zirkel angepasst. Das geschieht zusammen mit erfahrenen Tutoren. Außerdem sollen – ebenfalls mit den Tutoren – neue Formate der Zirkelarbeit entwickelt werden.

  • Zitierweise dieses Beitrags:
    Dtsch Arztebl 2012; 109(38): A 1872–4

Anschrift für die Verfasser
Ingrid Quasdorf
Kassenärztliche Bundesvereinigung
Dezernat 7 – Sektorenübergreifende
Qualitätsförderung und -darstellung
Herbert-Lewin-Platz 2, 10623 Berlin
iquasdorf@kbv.de

@eTabelle unter:
www.aerzteblatt.de/121872

*Richtlinien der Kassenärztlichen Bundesvereinigung für Verfahren der Qualitätssicherung (Qualitätssicherungs-Richtlinien der KBV) gemäß § 75 Abs. 7 SGB V vom 1. 1. 2009,
www.kbv.de/rechtsquellen/2509.html

Kassenärztliche Bundesvereinigung: Dr. med. Diel, Dipl.-Ök. Quasdorf
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Abteilung Köln: Prof. Dr. med. Siebolds
Moderatorenausbildung durch Tutoren in den KVen
Moderatorenausbildung durch Tutoren in den KVen
Tabelle 1
Moderatorenausbildung durch Tutoren in den KVen
Selbsteinschätzung der Teilnehmer an den Moderatorenausbildungen
Selbsteinschätzung der Teilnehmer an den Moderatorenausbildungen
Tabelle 2
Selbsteinschätzung der Teilnehmer an den Moderatorenausbildungen

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