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Was hab’ ich?: Vom Ärzte-Latein ins Patienten-Deutsch

Deutsches Ärzteblatt Studieren.de, 4/2012: 8

Wulfert, Eugenie

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Der Arztbrief ist für viele Patienten ein Buch mit sieben Siegeln. Damit jeder seine Diagnose versteht, übersetzen Medizinstudierende bei www.washabich.de ärztliche Befunde in verständliches Deutsch.

Sie hatten die zündende Idee: die Dresdener Medizinstudenten Anja Kersten und Johannes Bittner gemeinsam mit dem Informatiker Ansgar Jonietz aus Trier
Sie hatten die zündende Idee: die Dresdener Medizin­studenten Anja Kersten und Johannes Bittner gemein­sam mit dem Informatiker Ansgar Jonietz aus Trier

Die kortikale Defektbildung an der ventralen Zirkumferenz sowie das Knochenmarködem in der dorsalen Zirkumferenz des Glenoids sind MR-morphologische Hinweise auf eine hintere Schulterluxation.“ Die meisten Patienten verstehen so gut wie nichts, wenn sie Befunde ihres Arztes lesen, und fragen sich häufig: „Was hab ich bloß?“ Die Mediziner sprechen ihre eigene Sprache, die bei Patienten aber zusätzliche Unsicherheiten und unbegründete Ängste auslösen kann.

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Deshalb haben die Dresdener Medizinstudenten Anja Kersten und Johannes Bittner im Januar 2011 gemeinsam mit dem befreundeten Informatiker Ansgar Jonietz einen unentgeltlichen Übersetzungsservice ins Leben gerufen. „Zwar ist die medizinische Fachsprache absolut notwendig, da sie komplizierte Sachverhalte konkreter und kürzer beschreibt“, erklärt Kersten, die mittlerweile ihr Studium abgeschlossen hat. Das ändere aber nichts an dem Bedürfnis der Patienten, zu wissen, was genau mit ihnen los ist.

Die Idee zum „Was hab‘ ich?“ sei entstanden, erzählt die 28-Jährige, als eine Freundin sie gebeten habe, den Befund ihrer Mutter zu erklären. „Nachdem ich helfen konnte, habe ich mir gedacht, dass viele Patienten ihre Befunde nicht verstehen. Die meisten haben aber keinen Mediziner in ihrem Umfeld, der ihnen helfen könnte“, sagt sie.

Das Übersetzungsportal ist so gefragt, dass die Betreiber zeitweise einen Annahmestopp neuer Befunde einlegen müssen.
Das Übersetzungsportal ist so gefragt, dass die Betreiber zeitweise einen Annahmestopp neuer Befunde einlegen müssen.

Mit diesen Gedanken konfrontierte sie am nächsten Tag ihren Kommilitonen Johannes Bittner. Die Idee zu einem Übersetzungsdienst war geboren. Die erste Version der Internetseite www.washabich.de ging nur vier Tage später online. Hier können Patienten ihre medizinischen Befunde oder Arztbriefe anonymisiert hochladen und bekommen eine kostenlose Übersetzung.

Wie groß der Bedarf ist, stellten die drei Initiatoren sehr schnell fest. „Wir waren sehr erstaunt, dass bereits zwölf Minuten, nachdem wir online waren, die erste Patientenanfrage kam“, erinnert sich Kersten. Sehr schnell war die Nachfrage so groß, dass die beiden Medizinstudierenden sie nicht mehr allein bewältigen konnten und andere Kommilitonen um Hilfe baten.

Circa 340 Studenten aus ganz Deutschland arbeiten mittlerweile ehrenamtlich an den Übersetzungen. Sie können auf den Erfahrungsschatz von 160 Fachärzten zugreifen, die sich ebenfalls im Netzwerk engagieren. „Derzeit schaffen wir etwa 150 Übersetzungen pro Woche“, sagt Johannes Bittner, der für das Projekt sein Medizinstudium für ein Jahr auf Eis gelegt hat. „Der Andrang ist inzwischen so groß, dass wir ein virtuelles Wartezimmer einrichten mussten.“

Viele Studenten ließen sich schnell für die Mitarbeit begeistern, erzählt der 27-Jährige. „Sie machen gern mit: nicht nur, um Menschen zu helfen, sondern auch, weil sie dabei viel für ihr Studium lernen.“ Denn für eine gute Übersetzung schaue man sich vergleichbare Befunde an und schlägt in Fachbüchern nach. Das helfe auch bei den Uniprüfungen. Vor allem aber lernten die Studierenden, mit Patienten verständlich zu kommunizieren.

Aufgrund der großen Nachfrage werden laut Bittner dennoch weitere Übersetzer gebraucht. Mitmachen können Medizinstudenten ab dem achten Semester. Alleingelassen werden sie nicht. „Jeder Neuankömmling muss ein Online-Tutorial durchlaufen und wird auch bei den ersten Übersetzungen von einem Supervisor unterstützt“, erklärt er. Wie viel Zeit Medizinstudierende in die Übersetzungsarbeit investieren, bleibe jedem Einzelnen überlassen. „Jeder kann sich außerdem aus einem Pool einen Befund auswählen, je nach Fachgebiet und eigenen Interessen.“

Eine Therapieempfehlung dürfen die Übersetzer aber unter keinen Umständen geben – darauf legen die drei Initiatoren einen großen Wert. Dieser Grundsatz wurde auch in den Leitlinien der Community festgehalten. Das Ziel sei es, den Patienten dabei zu helfen, die Diagnose zu verstehen und deshalb besser mit dem behandelnden Arzt reden zu können.

Mittlerweile wurde das Projekt mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem mit 5 000 Euro dotierten „Initiativpreis Deutsche Sprache“ 2012. Eugenie Wulfert

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