ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2012Interview mit Dr. med. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbunds: „Man muss ein bisschen Kette lassen“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Klaus Reinhardt, Vorsitzender des Hartmannbunds: „Man muss ein bisschen Kette lassen“

Dtsch Arztebl 2012; 109(39): A-1914 / B-1556 / C-1528

Rieser, Sabine; Stüwe, Heinz

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Mehr Balance zwischen Tagespolitik und langfristig angelegten Überlegungen – das vermisst Klaus Reinhardt (52) manchmal nach einem knappen Jahr im Amt. Die Diskussionen mit dem Nachwuchs findet er anregend. Foto: Georg J. Lopata
Mehr Balance zwischen Tagespolitik und langfristig angelegten Überlegungen – das vermisst Klaus Reinhardt (52) manchmal nach einem knappen Jahr im Amt. Die Diskussionen mit dem Nachwuchs findet er anregend. Foto: Georg J. Lopata

Im Honorarstreit herrscht die Ruhe vor dem nächsten Sturm. Klaus Reinhardt über Arztproteste und Kassenmacht, den richtigen Kurs im Gesundheitswesen und frischen Wind im Hartmannbund durch junge Ärztinnen und Ärzte

Herr Dr. Reinhardt, hatten Sie für die Honorarverhandlungen mit einem so harten Kurs gerechnet? Viele nahmen doch an, dass es in Zeiten von hohen Rücklagen nicht derart heftige Auseinandersetzungen zwischen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und dem GKV-Spitzenverband geben würde.

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Reinhardt: Ich glaube, der harte Kurs hat gerade damit zu tun, dass die Krankenkassen über relativ große Rücklagen verfügen. Solange sie quasi am Tropf der Politik hingen, weil ein Defizit drohte, waren sie viel umgänglicher. Jetzt entwickeln sie ein stärkeres Eigenleben, auch gegenüber dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium. Das merkt man.

Hat der GKV-Spitzenverband zu viel Macht in der Selbstverwaltung?

Reinhardt: Das glaube ich nicht. Ich glaube eher, dass es Spannungen zwischen ihm und den Mitgliedskassen gibt, vor allem in den Regionen. Viele Kassenverantwortliche dort sind nicht glücklich mit der Linie ihres Spitzenverbands. Das ähnelt dem, was wir von KBV und Kassenärztlichen Vereinigungen kennen. Dieses Verhältnis war zwischendurch auch nicht immer einfach, aber da hat man sich ja zuletzt wieder ganz ordentlich zusammengefunden.

Der Hartmannbund ist Teil der Allianz Deutscher Ärzteverbände, die spürbare Maßnahmen angekündigt hat, falls die Kassen beim Honorar nicht nachbessern. Dafür hat die Allianz die Zustimmung ihrer Mitglieder eingeholt. Wie bewerten Sie das Ergebnis?

Reinhardt: Ich war außerordentlich zufrieden mit den Rückmeldungen. Etwa die Hälfte der befragten Kolleginnen und Kollegen in den Verbänden hat sich an der Abstimmung beteiligt, ungefähr drei Viertel davon haben selbst Praxisschließungen zugestimmt. Das zeigt, dass die grundsätzliche Bereitschaft vieler da ist, sich auseinanderzusetzen.

Rechnen Sie noch mit einem Honorarkompromiss?

Reinhardt: Ich wäre sehr froh, wenn KBV und GKV-Spitzenverband das noch schaffen würden bis zum 4. Oktober. Für den Fall, dass es nicht gelingt, haben wir wirkungsvolle Proteste vorbereitet.

Wir haben schon kurz über die Macht der Kassen und ihres Spitzenverbands gesprochen. Unlängst hat der Hartmannbund gefordert, den Kassen ihren Körperschaftsstatus abzuerkennen. Was wollen Sie damit erreichen?

Reinhardt: Damit wollte ich klarmachen, dass das Handeln des Spitzenverbands im Moment nicht dem Verantwortungsbewusstsein entspricht, das eine Körperschaft haben sollte. In Honorarverhandlungen muss jeder wissen, dass er Verantwortung trägt. Und zwar am Ende für die Versorgung der Patienten und Versicherten.

Wenn Gewerkschaften und Arbeitgeber über Löhne verhandeln, wird gestritten und gedroht. Das gehört zum Geschäft.

Reinhardt: Sicher. Trotzdem müssen die Krankenkassen bei Honorarverhandlungen mit den Ärzten darüber nachdenken, wie ein Gesundheitswesen in einem hochentwickelten Land wie dem unseren eigentlich aussehen soll. Man kann natürlich Medizin, Medizintechnik, Pharmaindustrie immer weiter herunterregulieren – oder diesen Wirtschaftszweigen auch etwas Raum lassen. Sehen Sie sich doch um: In Berlin fahren noch genug teure Autos, es entsteht Büroraum in allen möglichen Luxusvarianten. Da frage ich mich manchmal schon, warum wir unser Gesundheitswesen auf ein Niveau herunterzuregulieren versuchen, das nicht dem allgemeinen Lebensstandard in allen übrigen Lebensbereichen entspricht. Wir sollten das Gesundheitswesen nicht immer nur als Kostenfaktor betrachten. Hier entsteht auch Wertschöpfung.

Ein anderer Status für die Krankenkassen: Was schwebt Ihnen da vor?

Reinhardt: Ich bin ja grundsätzlich der Auffassung, dass wir ein System mit einer Versicherungspflicht statt einer Pflichtversicherung brauchen und dass die Kassen morgen zu Privatunternehmen umgewandelt werden könnten. Allerdings innerhalb eines versicherungsrechtlichen Ordnungsrahmens, der allen sehr klare, faire und gleiche Spielregeln verschafft. Darunter könnte man die privaten Kran­ken­ver­siche­rungsunternehmen gleich subsumieren. Ich würde allen Anbietern einen Kontrahierungszwang für Versicherte ins Gesetz schreiben. Und dann wäre es Aufgabe der Versicherungsbranche, damit zurechtzukommen. Das hielte ich für einen guten Weg, zu dem auch Kostenerstattung und Transparenz in Kostenfragen gehörten.

Aber was hat das mit dem aktuellen Honorarstreit zu tun?

Reinhardt: Unser Honorarsystem ist doch fast schon unerklärbar für einen Arzt, der sich nicht für Berufspolitik interessiert, von den Versicherten ganz zu schweigen. Eigentlich liegt in dieser Unverständlichkeit auch eine gewisse Entmündigung der Bürger, weil sie wichtige Teile des Systems ja gar nicht mehr richtig einsortieren können.

Ihr Verband hat mit Erfolg um Studierende und junge Ärzte geworben. Wie wirkt die Honorardiskussion auf sie?

Reinhardt: Ich könnte mir vorstellen, dass die Jüngeren das befremdlich finden. Nur: Auch wer eine Schlosserlehre macht, wird manches Gebaren der IG Metall befremdlich finden. Ich meine, dieser Aspekt kann uns daher nicht davon abhalten, legitime und berechtigte Interessen zu formulieren. Wir fordern ja nicht mehr Geld für unseren persönlichen Lebensstandard, sondern für mehr Gestaltungsmöglichkeiten in der Versorgung.

Der Streit schreckt Nachwuchs nicht ab?

Reinhardt: Nein, und Geld ist auch nicht das zentrale Thema. Das ist – zwar nicht überraschend, aber in seiner Deutlichkeit doch immer wieder verblüffend in verbandsinternen Diskussionen – die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Die ist den Jüngeren in besonderer Weise wichtig. Dabei geht es nicht nur um praktische Aspekte, sondern um mehr: um die Frage der Bereitschaft zur Selbstausbeutung, um Fremdbestimmung, um Aufopferung in zeitlicher Hinsicht im Arztberuf.

Wie kommt das an in Ihrem Verband?

Reinhardt: Teilweise führt das zu spannenden Diskussionen. Manche finden, die Jungen machten es sich zu einfach. Oder sie lernten zu wenig, wenn sie nicht auch einmal einen 24-Stunden-Dienst durchgestanden hätten. Die Frage ist auch, ob sich durch eine andere Berufseinstellung bei den jüngeren Kollegen das Arztbild in der Bevölkerung verändert.

Jüngere Ärzte finden viel Verständnis, die Arbeitsbedingungen ändern sich. Warum ist es trotzdem schwierig, Nachwuchs für manche Orte zu finden?

Reinhardt: Ich glaube, dass viele, ob Einzelpraxisinhaber oder Klinikbetreiber, sich noch nicht genug bewegen. Zusätzlich existieren zahlreiche externe Behinderungen. Wie sollen niedergelassene Kolleginnen und Kollegen angesichts der Mengenbegrenzung jemanden anstellen? Hier wären vor allem Kassen und KVen gefragt. Da müsste man auch mal den Mut haben, ein bisschen Kette zu lassen, wie man auf dem Schiff beim Ankern sagt.

Für junge Ärzte spielt eine moderne Weiterbildung eine große Rolle. Müssten die Ärztekammern hier nicht ebenfalls ein bisschen Kette lassen?

Reinhardt: Das ist ein schwieriges Thema, auch weil an vielen Stellen Kollegen am Ende ihres Berufslebens Regeln für die Jungen aufstellen. Dennoch ist schon einiges in Bewegung gekommen. Die jungen Kollegen fordern nach unseren Erkenntnissen in großer Zahl eine modulare Weiterbildung, Teilabschnittsprüfungen, insgesamt größere Gestaltungsmöglichkeiten.

Wie wichtig wäre es, die Weiterbildung im ambulanten Bereich zu forcieren?

Reinhardt: Sehr wichtig. Es gibt doch viele Fächer, in denen heute große Leistungsbereiche überwiegend ambulant erbracht werden. Dem muss man Rechnung tragen.

Was würden Sie anders organisieren?

Reinhardt: Ich finde das holländische Modell gut. Da nimmt ein junger Arzt, bildlich gesprochen, das Geld für seine Weiterbildungszeit quasi im Rucksack mit. Egal ob er sich in einer Klinik oder Praxis weiterbildet, er ist finanziert und für keinen eine wirtschaftliche Belastung. Das würde auch eine ganz andere Form von Wettbewerb unter den Weiterbildern auslösen.

Die Diskussionen um neue Ansätze und Wege gefallen Ihnen, oder?

Reinhardt: Ja. Wir sind dabei, uns zu wandeln vom altehrwürdigen Verband zu einem, der nach meinen Vorstellungen hoffentlich die modernsten Konzepte vertreten wird.

Das Interview führten Sabine Rieser und Heinz Stüwe.

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