ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2012Randnotiz: Kein Leben ohne Risiko

AKTUELL

Randnotiz: Kein Leben ohne Risiko

Dtsch Arztebl 2012; 109(39): A-1907 / B-1551 / C-1523

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Wie konnte es so weit kommen? Nie zuvor war die Medizin dazu in der Lage, so viel Gutes zu bewirken. Nie zuvor wurde die Medizin aber auch so hinterfragt. Vielen Menschen erscheint sie sachlich, kühl und technisch. Sie macht regelrecht Angst.

Die Lebenserwartung in Deutschland ist so hoch wie nie. Die Mütter- und Säuglingsterblichkeit auf einem Tiefpunkt. Moderne Narkosen ermöglichen komplexe Operationen, Antibiotika heilen Infektionen, mit Chemotherapeutika behandelt man Krebs. Vor wenigen Jahrzehnten war all das noch undenkbar. Die Lebensumstände, aber auch die Medizin, tragen dazu bei: Die Voraussetzungen, ein gutes Leben zu führen, sind für die meisten von uns gegeben.

Das Leben in einem Land wie Deutschland ist risikoarm – gerade im Vergleich zu Entwicklungsländern. Im Notfall ruft man die 112 und weiß, dass in wenigen Minuten Hilfe da ist. Das führt aber nicht zu einem Gefühl von Sicherheit. Die moderne Medizin verunsichert. Die Menschen haben die Sorge, irgendwann unter unnötigen Qualen zu leiden, weil die Ärzte sie nicht sterben lassen. Aus der Angst, hilflos anderen ausgeliefert zu sein, entsteht der Wunsch nach professioneller Sterbehilfe. Weil man sich nicht suizidieren will oder kann, soll das jemand anders übernehmen.

Anzeige

Auch am Beginn des Lebens soll alles kontrollierbar sein. Waren Frauen früher „guter Hoffnung“, werden jetzt sämtliche Risiken abgeklärt. Das ist ein verständliches Anliegen. Niemand wünscht sich schließlich explizit ein krankes Kind. Genauso wie niemand unter Schmerzen sterben möchte. Tatsächlich gibt es keine Pflicht zu leiden. Allerdings gibt es auch kein Leben ohne Risiko – und kein Recht auf Gesundheit.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema