ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2012Pränataldiagnostik: Verwerflich
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. . . Wo bereits jetzt circa 97 Prozent aller Kinder mit Down-Syndrom in Deutschland abgetrieben werden, ist das Unbehagen der Autoren mit Händen zu greifen. Henn und Schmitz bemerken nämlich zu Recht, dass die derzeitig praktizierte Abwägung zwischen der Wahrscheinlichkeit einer Trisomie 21 und der einer durch die Fruchtwasserpunktion ausgelösten Fehlgeburt „offenkundig inkonsistent“ ist, und stellen somit implizit die vorgeburtliche Diagnostik an sich infrage. Dann aber bemängeln sie, dass der „Praenatest“ derzeit auf Trisomie 21 begrenzt ist und etwa die Trisomien 13 und 18 ausschließt. Später äußern die Autoren die berechtigte Befürchtung, dass durch den Test das Bild des Down-Syndroms als eine „Form von Behinderung . . . mit der ein Kind keinesfalls geboren werden dürfte“, verfestigt wird, und bemerken, dass diese Einstellung „medizinisch wie ethisch durch nichts begründbar“ ist. Später schreiben sie sogar, dass die „absehbare Erweiterung des Indikationsspektrums“ . . . (die Gefahr) einer „kollektivistische(n) Strategie“ mit „neoeugenische(n) Züge(n)“ birgt, die „mit dem ärztlichen Berufsethos unvereinbar“ wäre. Das alles, um nur wenige Zeilen später darüber zu sinnieren, dass in bestimmten Fällen, etwa beim Vorliegen eines „zu Trisomie 21 passenden Herzfehlers“ der Test von den Krankenkassen (also von der Allgemeinheit) bezahlt werden könnte.

An diesem argumentativen Slalom wird das Lavieren, das zum traurigen Signum der Postmoderne geworden ist, deutlich sichtbar. Auf solchem Treibsand kommen wir aber nicht weiter, weder als Ärzte noch als Menschen. Das Ausselektieren von „Menschen zweiter Klasse“ – vor oder nach der Geburt und wie auch immer definiert – ist verwerflich und mit dem ärztlichen Berufsethos nicht vereinbar. Unsere Aufgabe ist es, den Schwachen und Behinderten beizustehen und nicht an der Verhinderung ihrer Existenz mitzuwirken.

Prof. Dr. med. Paul Cullen, 48163 Münster,
Dr. Erwin Grom, 79206 Breisach am Rhein

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