ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2012Interview mit Generalarzt Dr. med. Stephan Schoeps: „Wir arbeiten unter der unsichtbaren Flagge der Humanität“

THEMEN DER ZEIT: Interview

Interview mit Generalarzt Dr. med. Stephan Schoeps: „Wir arbeiten unter der unsichtbaren Flagge der Humanität“

Dtsch Arztebl 2012; 109(39): A-1922 / B-1564 / C-1536

Hibbeler, Birgit; Jachertz, Norbert

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Dr. med. Stephan Schoeps (54) ist Unterabteilungsleiter in der Abteilung Führung Streitkräfte im Bundesverteidigungsministerium. Foto. Eberhard Hahne
Dr. med. Stephan Schoeps (54) ist Unterabteilungsleiter in der Abteilung Führung Streitkräfte im Bundesverteidigungsministerium. Foto. Eberhard Hahne

Welche Vorbilder haben Sanitätsoffiziere? Wie gehen sie mit dem Spannungsverhältnis von ärztlicher und militärischer Ethik um? Stephan Schoeps über Tradition und Selbstverständnis des Sanitätswesens der Bundeswehr

Die Bundeswehr hat sich für ihr Sanitätswesen auf Hans Scholl von der Weißen Rose besonnen. Sie waren maßgeblich an dieser Rückbesinnung beteiligt. Warum Scholl und warum erst jetzt?

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Schoeps: Das war ein längerer Prozess. Den Anstoß gaben schon 2006 zwei Historiker. Und warum Scholl? Soldaten brauchen Vorbilder. Ernst von Bergmann, nach dem die Münchener Kaserne benannt ist, in dem die Sanitätsakademie untergebracht ist, wird vor allem fachlich, in seiner Eigenschaft als vorbildlicher Chirurg wahrgenommen. Auf junge Soldaten wirkt er gelegentlich zu alt. Der junge Hans Scholl aber gehört zu den Menschen, die für ihre Gewissensüberzeugung unbeirrbar eintraten. Deswegen ist er Vorbild für uns. Wir neigen heute dazu, vorschnell einzuknicken, statt unsere Überzeugung mit Festigkeit zu vertreten. Dazu kommt, er war als Sanitätsfeldwebel in einer Studentenkompanie gleichsam ein Prototyp des Sanitätsoffizieranwärters. Er gehörte zur gleichen Altersklasse wie unser Nachwuchs.

Scholl war einer der führenden Köpfe der Weißen Rose, und die gilt nun wirklich nicht als militärisch. Kann er da überhaupt als soldatisches Vorbild dienen?

Schoeps: Mit Hans Scholl haben wir tatsächlich zum ersten Mal den militärischen Aspekt einbezogen, das war nicht unumstritten. Im Unterschied zu seinem Freund Alexander Schmorell, einem anderen führenden Kopf der Weißen Rose, war Scholl kein Pazifist, sondern ein kritischer Soldat. Ihn zeichneten Klarheit des Gedankens und Reflexion des Berufes aus. Militärische Einsätze lehnte er nicht grundsätzlich ab. Absolut ungewöhnlich war sein Widerstand, der aber richtete sich gegen das nationalsozialistische Unrechtsregime.

Das Regime war mit der Wehrmacht einschließlich Sanitätswesen eng verbunden. Wie halten Sie es mit der Wehrmachtstradition?

Schoeps: Die Wehrmacht ist nicht traditionsstiftend für die Bundeswehr.

Tatsächlich?

Schoeps: Lesen Sie mal den Traditionserlass von 1982 oder unsere Leitlinien für die Innere Führung. Traditionsstiftend ist der Widerstand. Traditionsstiftend sind die preußischen Heeresreformer. Maßgeblich ist schließlich der Aufbau der Bundeswehr, einer Armee, die dem demokratischen Rechtsstaat verpflichtet ist. Die Wehrmacht hingegen hat einem verbrecherischen Regime gedient.

Das wurde aber lange anders gesehen, wie sich an der Namensgebung militärischer Einrichtung ablesen lässt. Viele mussten in den letzten Jahren umbenannt werden. Eine dieser Namensänderungen haben Sie ja selbst auch aktiv betrieben.

Schoeps: Mit der Wehrmacht wurde in den 50er und 60er Jahren unhistorisch umgegangen. In der Vergangenheit wurden Wehrmachtsangehörige oft wenig überlegt und unter einseitiger Betonung ihrer rein militärischen Leistungen bedacht. Mit fortschreitender historischer Aufarbeitung wurde die zwielichtige Rolle bekannt, die manche der vermeintlichen Vorbilder tatsächlich gespielt hatten. Bei der Benennung von Einrichtungen kommt es heute weniger auf den militärischen Rang an, auch ein Feldwebel kann namengebend sein. Wie etwa Hans Scholl.

Bleiben wir beim Sanitätswesen und dessen Traditionen. Im Ersten Weltkrieg haben Sanitätsoffiziere sogenannte Kriegsneurotiker rigoros frontfähig gemacht, im Zweiten Weltkrieg Selbstverletzte gemeldet, die sodann wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt wurden. Heute undenkbar?

Schoeps: Die Wirkungszusammenhänge der sogenannten Kriegsneurosen sind damals von den Ärzten nicht richtig verstanden worden. Die Behandlung war mehr experimentell: So wurden sogenannte Kriegszitterer mit Elektroschocks behandelt. Wir sprechen heute von posttraumatischen Belastungsstörungen und behandeln sie sorgfältig. Der Sanitätsdienst hat darin eine große Expertise – über 500 Fälle. Wir treiben einen maximalen Aufwand für das Individuum. Das hat mit unserem Menschenbild zu tun. Wir suchen auch für die Erkrankten, die nicht mehr kampffähig sind, eine ihnen gemäße Verwendung zu finden.

Und die Selbstverstümmeler? Gäbe es die wieder, was würde Ihre Ethik dann sagen?

Schoeps: Wir sehen uns als Ärzte. Für uns gilt die ärztliche Ethik. Um einen bekannten Sanitätsoffizier des Zweiten Weltkrieges, Peter Bamm alias Curt Emmrich, zu zitieren: Wir arbeiten unter der unsichtbaren Flagge der Humanität. Der allein sind wir verpflichtet. Ob militärisch oder zivil: Unser unbezahlbares Privileg ist es, dass wir immer sinnhaft tätig sind.

Sehen Sie kein Spannungsverhältnis zwischen militärischer und ärztlicher Ethik? Wer beschäftigt sich mit solchen Fragen?

Schoeps: Es gibt derzeit keine Stelle, die sich mit ärztlicher Ethik im Sanitätswesen beschäftigt. Wir versuchen, sie in die Sanitätsakademie zu bringen, und fordern unseren Nachwuchs dazu auf, sich mit, wie Sie sagen, Spannungsverhältnissen auseinanderzusetzen. Etwa: Zurückweichen vor Gewalt oder sich verteidigen? Was bedeutet der Nonkombattantenstatus? Berge ich den Gegner genauso wie die eigenen Leute? Wie weit geht der Einsatz für die Zivilbevölkerung? Nehmen wir, um konkreter zu werden, unsere Erfahrungen in Afghanistan. Im Lazarett werden zum Beispiel immer 30 Betten für Notfälle bereitgehalten. Halte ich die nun frei für die Truppe, oder mache ich die Betten voll für die Zivilbevölkerung, solange sie für die Truppe nicht benötigt werden? Auch die Intensivstation wird zivil genutzt, aber frei geräumt, wenn die Truppe sie braucht.

Und wenn das der Fall ist . . .

Schoeps: . . . werden wir eine pragmatische und humane Lösung finden.

Wird denn diese humane Rolle des Sanitätsdienstes in Ihren Reihen allgemein akzeptiert?

Schoeps: Sowohl von der militärischen Führung als auch von der Truppe im Einsatz. Die sehen: Wir stellen uns den Gefahren und holen ganz vorn die Verwundeten raus. Es gibt viele tapfere Leute bei uns. Daher rührt auch das neue Selbstwertgefühl des Sanitätsdienstes. Früher hat man gegrinst, wenn es hieß: Der ist bei den Sanitätern. Heute akzeptiert uns die Truppe als unverzichtbaren Bestandteil des Teams.

In der Tradition der alten Wehrmacht mag die Bundeswehr zwar nicht stehen. Der Blick auf die Wehrmacht lehrt aber, dass die Humanität nur Vorrang hat, wenn der Staat sie gelten lässt.

Schoeps: Unser Staat ist der Achtung und dem Schutz der Menschenwürde verpflichtet. Diesen Staat verteidigen wir.

Das Gespräch führten Dr. med. Birgit Hibbeler und Norbert Jachertz.

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