ArchivDeutsches Ärzteblatt17/1996Vorbereitende Maßnahmen und Dokumentation einer Bluttransfusion

MEDIZIN: Diskussion

Vorbereitende Maßnahmen und Dokumentation einer Bluttransfusion

Flegel, A.; Kubanek, Bernhard; Scheffelmeier, Dieter

Zu dem Beitrag von Dr. med. Willy A. Flegel und Prof. Dr. med. Bernhard Kubanek in Heft 46/1995
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In Tabelle 3 wird unter "Abweichende Regelung bei Thrombozytenkonzentraten" diskutiert, ob nach Transfusion von Rh-positiven Thrombozyten auf rh-negative Empfänger eine Rhesus-Prophylaxe in Erwägung zu ziehen ist. Dies erscheint mir unlogisch, da im Gegensatz zur Situation nach der Geburt eines Rh-positiven Kindes einer rh-negativen Mutter die Antigen-D-besetzten Fremdzellen nach Thrombozytentransfusion im Kreislauf des Empfängers erwünscht sind. Kommt es durch Anti-D nicht zu einer Inaktivierung der transfundierten Thrombozyten? Wann und wieviel Anti-D soll gegebenenfalls verabreicht werden? Denn natürlich ist die Induktion von Anti-D kein wünschenswertes Ereignis.


Dr. med. Dieter Scheffelmeier
Max-Welcker-Weg 14
86381 Krumbach


Schlußwort
Im Notfall kann die Transfusion von Thrombozyten Rhesus-positiver Spender auf Rhesus-negative Empfänger unvermeidlich sein. Wir haben in unserer Veröffentlichung empfohlen, in diesem Fall eine Rhesus-Prophylaxe (Anti-D-Prophylaxe) in Erwägung zu ziehen, um eine Anti-D-Sensibilisierung zu vermeiden.
Das injizierte Anti-D-Immunglobulin wird von den Rhesus-D-positiven transfundierten Zellen adsorbiert. Zwei Effekte tragen dazu bei, eine Anti-D-Sensibilisierung zu vermeiden: das zellständige Rhesus-D-Antigen wird durch die Bindung von Anti-D-Immunglobulin maskiert und verliert an Immunogenität; weiterhin können die mit Anti-D-Immunglobulin beladenen Zellen beschleunigt aus dem Kreislauf eliminiert werden. Natürlich ist nicht die Elimination der gerade transfundierten Thrombozyten Rhesus-positiver Spender beabsichtigt.
Aufgrund serologischer Untersuchungen ist seit langem bekannt, daß praktisch ausschließlich Erythrozyten Rhesus-Proteine tragen. Rhesus-D-Antigen konnte nicht auf Thrombozyten nachgewiesen werden. Dieses Ergebnis wurde neuerdings auch mit molekularbiologischen Methoden bestätigt (1). Eine Rhesusprophylaxe erreicht somit die Elimination der immunogenen Rhesus-D tragenden Erythrozyten und vermeidet eine Inaktivierung der therapeutisch erforderlichen Thrombozyten.
Die Menge kontaminierender Erythrozyten in Thrombozytenkonzentraten ist in der Regel kleiner als 10 µl. Es können bis zu 1- bis 5mal 108 Erythrozyten pro Einzelspender-Thrombozytenkonzentrat (als therapeutische Dosis sind beim Erwachsenen meist sechs dieser Präparate
erforderlich) und bis zu 30mal 108 Erythrozyten pro Thrombozytapherese-Thrombozytenkonzentrat (therapeutische Dosis: ein Präparat) enthalten sein (2, 3). Aufgrund der kleinen Erythrozytenmenge in Thrombozytenkonzentraten erwarten wir bei einmaliger Exposition auch ohne Anti-D-Prophylaxe eine vergleichsweise niedrige Immunisierungsrate (, 50 Prozent). Diese Immunisierungsrate kann weiter vermindert sein bei immunsupprimierten Patienten, die einen großen Teil der Thrombozytenempfänger ausmachen (zum Beispiel Patienten mit aplastischer Anämie, Leukämie, Knochenmarktransplantation oder Polychemotherapie).
Die Standarddosis der Anti-D-Prophylaxe während der Schwangerschaft beziehungsweise innerhalb von 72 Stunden post partum beträgt 250 bis 300 µg Anti-D-Immunglobulin. Bei Rhesus-positiver Fehltransfusion von Erythrozyten-Präparaten wird eine Dosis von 100 bis 250 µg pro 10 ml transfundierten Blutes empfohlen (2). Anti-D-Immunglobulin-Präparate müssen intramuskulär appliziert werden. Intravenös injizierbare Anti-DImmunglobulin-Präparate sind zur Zeit in Deutschland nicht zugelassen und sollten trotz der Ausnahmeregelung in § 73 (3) Arzneimittelgesetz auch im Einzelfall nur angewendet werden, wenn die Virussicherheit gewährleistet ist.
Zusammenfassend halten wir nach der Transfusion von Thrombozyten Rhesus-positiver Spender auf Rhesusnegative Empfänger eine Anti-D-Prophylaxe bei Mädchen sowie Frauen im gebärfähigen Alter für erforderlich. Bei anderen Patienten besteht eine relative Indikation. Vor der intramuskulären Injektion ist ein ausreichendes Thrombozyteninkrement zu sichern (1-Stunden-Wert nach Thrombozytengabe . 50 000 Thrombozyten/µl). Anschließend sollte die Anti-D-Prophylaxe in einer niedrigen Dosierung von 100 µg Anti-D-Immunglobulin intramuskulär erfolgen.


Literatur
1. Cherif-Zahar B et al: Molecular cloning and protein structure of a human blood group Rh polypeptide. Proc Natl Acad Sci USA 1990; 87: 6243–6247
2. Wissenschaftlicher Beirat der Bundes­ärzte­kammer. Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 1995 (über die zuständige Blutzentrale kostenlos zu beziehen)
3. Wissenschaftlicher Beirat der Bundes­ärzte­kammer, Bundesgesundheitsamt. Richtlinien zur Blutgruppenbestimmung und Bluttransfusion. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 1992 (wird zur Zeit überarbeitet, Neufassung erscheint voraussichtlich 1996)
Dr. med. Willy A. Flegel
Prof. Dr. med. Bernhard Kubanek
Abteilung Transfusionsmedizin
Universitätsklinik Ulm
Helmholtzstraße 10 89081 Ulm

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