ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2012Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt: Frühestmöglich wieder arbeiten

POLITIK

Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt: Frühestmöglich wieder arbeiten

PP 11, Ausgabe Oktober 2012, Seite 439

Bühring, Petra

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Ein Symposium von Bundes­ärzte­kammer und Aktionsbündnis Seelische Gesundheit zeigte Wege auf, wie Psychiater, Allgemeinmediziner, Betriebsärzte und Unternehmen kooperieren könnten, um psychisch kranken Mitarbeitern eine Wiedereingliederung ins Berufsleben zu ermöglichen.

Foto: picture alliance
Foto: picture alliance

Der Anteil an Fehltagen in den Unternehmen aufgrund psychischer Erkrankungen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Psychische Erkrankungen führen zu besonders langen Krankschreibungen und sind seit Jahren der Hauptgrund für das vorzeitige Ausscheiden aus dem Arbeitsleben. Mehr als jede dritte frühzeitige Berentung ist inzwischen durch eine dauerhafte psychische Erkrankung verursacht. Psychosen stehen bei Erwerbsminderungsrenten an erster Stelle. Frührentner aufgrund psychischer Störungen sind zudem jünger als Frührentner mit somatischen Erkrankungen. Die Folgen für die Betroffenen, für das Versorgungssystem und für die Arbeitgeber sind enorm.

Anzeige

Komplexes Faktorengefüge

Es ist ein komplexes Gefüge, das zu psychischen Erkrankungen führen kann, wenngleich die zunehmende Arbeitsverdichtung, der Zeitdruck, unsichere Beschäftigungsverhältnisse, Konflikte mit Kollegen oder gefühlte mangelnde Wertschätzung der Vorgesetzten eine Rolle spielen können. „Einflüsse der Arbeitswelt wirken immer im Zusammenspiel mit psychobiologischen und sozialen Faktoren – am Arbeitsplatz werden psychische Erkrankungen jedoch häufig manifest“, erläuterte der Psychiater und Vorsitzende des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit, Prof. Dr. med. Wolfgang Gaebel, Düsseldorf, beim Symposium „Mitten im Arbeitsleben – trotz psychischer Erkrankung“, das die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) zusammen mit dem Aktionsbündnis am 18. September in Berlin veranstaltete. „Arbeitsstress kann ein wichtiger Faktor in der Kausalkette von ungünstigen Einflussfaktoren zur Entstehung beispielsweise einer Depression sein“, betonte Gaebel, „umgekehrt führt eine Depression aber auch dazu, dass Belastungen am Arbeitsplatz schlechter psychisch kompensiert werden.“

Die BÄK und das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit führen seit 2009 eine Fortbildungsreihe zum Thema Menschen mit psychischen Erkrankungen in der Arbeitswelt durch. Das Aktionsbündnis ist eine bundesweite Initiative mit 75 Mitgliedsorganisationen, darunter auch der BÄK. Der Schwerpunkt der aktuellen Veranstaltung lag auf der Wiedereingliederung in den Berufsalltag. Es wurden Wege aufgezeigt, wie Psychiater, Allgemeinmediziner, Betriebsärzte und Unternehmen kooperieren könnten, um dem betroffenen Mitarbeiter einen schnellen Wiedereinstieg ins Berufsleben zu ermöglichen. Die Experten des Symposiums waren sich darin einig, dass der Arbeitsplatz ein wichtiger Faktor für die Selbstwertstärkung und soziale Einbindung für erkrankte Mitarbeiter ist und sich generell positiv auf die seelische Gesundheit auswirkt. „Return to work ist das Ziel“, sagte Gaebel.

Wichtige Rolle der Hausärzte

„Wichtig ist, dass der Arzt das Thema Arbeitsunfähigkeit beziehungsweise die Situation am Arbeitsplatz thematisiert“, forderte Gaebel. In den allermeisten Fällen wendeten sich die Betroffenen mit dem Wunsch nach Krankschreibung an einen Hausarzt oder einen Facharzt für Psychosomatische Medizin.

„Hausärzte spielen eine wichtige Rolle in der Aufdeckung, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation von Patienten mit psychischen Erkrankungen, weil wir die Betroffenen meist seit vielen Jahren kennen“, sagte Dr. med. Cornelia Goesmann. Die Beauftragte der BÄK für Fragen der ärztlichen Psychotherapie ist selbst seit 27 Jahren als Hausärztin mit Zusatzbezeichnung Psychotherapie in Hannover tätig. Viele Patienten scheuten sich – im Gegensatz zu früher – nicht mehr, von einer psychischen Erkrankung zu berichten oder gar selbst eine Diagnose zu stellen. „Ich frage immer nach dem Beruf und ob die Probleme eventuell dort liegen“, sagte Goesmann. Sie sieht sich als Fallmanagerin des Betroffenen, im besten Fall zusammen mit einem Psychiater oder Psychotherapeuten.

Zu wenig Therapieplätze

„Leider gibt es nicht genügend Spezialisten, die Therapieplätze anbieten können, so dass es doch an den Hausärzten hängen bleibt.“ Die Wartezeiten bei Psychiatern betrügen acht bis zwölf Wochen. Bis zu einem Erstgespräch mit einem Psychologischen Psychotherapeuten, vergingen in der Stadt Hannover sogar zwei bis drei Monate.

Zudem sei der bürokratische Aufwand für Rehamaßnahmen für Arzt und Patient sehr hoch. Viele Monate bis zur Wiedereingliederung vergingen darüber hinaus mit Wartezeiten auf die Genehmigung einer stationären Rehamaßnahme oder einer Mutter/Vater-Kind-Kur. „Inzwischen müssen wir mit Ablehnungsquoten von rund 36 Prozent rechnen“, kritisierte Goesmann. Die Hausärztin wünscht sich − angesichts der umfangreichen Aufgaben − Fortbildungen in der Allgemeinmedizin zu rehabilitativer Medizin sowie regelmäßige, auch honorierte Kontakte zum Medizinischen Dienst der Krankenkassen und den Rehabilitationseinrichtungen. Landesweite Vermittlungsstellen für ambulante Psychotherapie und Notfallplätze in Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie hält sie ebenfalls für dringend erforderlich. Außerdem sollten hausärztliche Gesprächsleistungen besser honoriert werden.

Zurück zur Situation psychisch Kranker am Arbeitsplatz. „Selbst bei erfolgreicher Therapie muss man mit Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit rechnen“, erklärte Prof. Dr. med. Peter Angerer, Direktor des Instituts für Arbeits- und Sozialmedizin, Universität Düsseldorf. Die kognitive Leistungsfähigkeit, kommunikative und Zeitmanagement-Fähigkeiten nähmen ab. Eine epidemiologische Studie bei Krankenhausärzten beispielsweise fand heraus, dass Assistenzärzte mit Depression 6,2-mal so häufig Medikamentenverschreibungsfehler machen wie ihre Kollegen. „Fehler wiederum verschlimmern die Depression“, sagte Angerer.

Bei jeder Wiedereingliederung sei es wichtig, nicht nur die Arbeitszeit zu reduzieren, wie es das sogenannte Hamburger Modell vorsieht, bei dem erkrankte Arbeitnehmer schrittweise wieder in ihre alte Arbeitsstelle zurückgeführt werden (siehe Kasten). Auch die Arbeitsbelastung müsse reduziert werden, forderte Angerer. Positive Rückmeldungen der Kollegen und ein offener, unterstützender Umgang der Vorgesetzten mit dem Mitarbeiter seien gute Voraussetzungen für eine gelingende Rückkehr in den Beruf.

Psychiater sollten begleiten

Die Psychiaterin Dr. med. Annette Haver empfiehlt, die Wiedereingliederung an den Arbeitsplatz nach dem Hamburger Modell so früh wie möglich einzuleiten. „Je länger die Arbeitsunfähigkeitszeit ist, desto schwieriger wird die Rückkehr.“ Länger als sechs Wochen sollte niemand krankgeschrieben werden, sonst sei eine stationäre oder teilstationäre Aufnahme besser. Ist der alte Arbeitsplatz nicht mehr vorhanden, stehen zur Wiedereingliederung auch die Maßnahmen der Integrationsfachdienste (www.ifd-bw.de) oder der 28 bundesweiten Berufsförderungswerke (www.arge-bfw.de) zur Verfügung.

Der Wiedereingliederungsprozess sollte in jedem Fall von dem behandelnden Psychiater begleitet werden, erklärte Haver. Wichtig sei es, das Selbstmanagement des Patienten zu fördern, damit er selbst belastende Konstellationen und Vorboten der Erkrankung im Sinne eines Frühwarnsystems erkennen lerne. „Wir müssen dem Patienten auch helfen, neue Bewältigungsmechanismen zu entwickeln und seine Ressourcen zu erkennen“, erklärte die Psychiaterin.

Betriebsärzte oder Sozialdienste halten jedoch meist nur die großen Unternehmen vor. Mitarbeiter kleiner und mittelständischer Unternehmen gehen meist leer aus. So berichtete Priv.-Doz. Dr. med. Stephan W. Weiler, Betriebsarzt der Audi AG, eines Unternehmens mit 30 000 Mitarbeitern, von 600 Wiedereingliederungen körperlich und psychisch Erkrankter pro Jahr. Der Automobilkonzern setzt auf frühe Interventionen und bietet zunächst eine psychosoziale Erstberatung. „Manchmal hilft es schon, wenn man einen Mitarbeiter aus der Schichtarbeit herausnimmt oder ihm eine andere Taktung in der Produktion zugesteht“, sagte Weiler. Die „Sprechstunde psychische Gesundheit“ werde häufig in Anspruch genommen. Seminare zu diesem Thema für Führungskräfte, Betriebsräte und Personalabteilungsmitarbeiter seien Pflicht. Hilft dies alles nichts, können Audi-Mitarbeiter ein Psychotherapeutennetzwerk in Anspruch nehmen; sie erhalten dann innerhalb von vier Wochen einen Therapieplatz.

Petra Bühring

Das „Hamburger Modell“

Die stufenweise Wiedereingliederung, auch„Hamburger Modell“ genannt (§ 74 Sozialgesetzbuch [SGB] V, § 28 SGB IX), wird im Anschluss an eine Rehabilitations- oder Krankenhausbehandlung empfohlen und im Entlassbericht vermerkt. Der Arbeitnehmer stimmt mit seinem Arzt einen Eingliederungsplan (auch Stufenplan genannt) ab, der dem Genesungsfortschritt des Arbeitnehmers entspricht. Die ärztliche Bescheinigung muss den Wiedereingliederungsplan (wie viele Arbeitsstunden am Tag, wie lange, Besonderheiten …) und eine Prognose über den Zeitpunkt der zu erwartenden Wiedererlangung der Arbeitsfähigkeit enthalten. Die Arbeitsaufnahme kann so mit wenigen Stunden täglich beginnen und stufenweise bis zur vollen Arbeitszeit gesteigert werden. Die Dauer der Maßnahme liegt zwischen wenigen Wochen und mehreren Monaten.

Während der Wiedereingliederung erhält der Arbeitnehmer weiterhin Krankengeld von seiner Krankenkasse oder Übergangsgeld von der Rentenversicherung. Er gilt während der Maßnahme weiterhin als arbeitsunfähig erkrankt. Der Arbeitgeber hat somit keinen Anspruch auf die Arbeitsleistung. Der Arbeitgeber ist grundsätzlich nicht verpflichtet, eine solche Vereinbarung zu schließen, mit Ausnahme bei Schwerbehinderten.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema