ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2012Borderline-Persönlichkeitsstörungen: Methode der ersten Wahl

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Borderline-Persönlichkeitsstörungen: Methode der ersten Wahl

PP 11, Ausgabe Oktober 2012, Seite 450

Bühring, Petra

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Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen stellen für den niedergelassenen Psychotherapeuten eine Herausforderung dar. Dabei kann die Behandlung im Team und mit ausreichender Supervision erfolgreich sein.

Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen (BPS) gelten als schwierig. Diese sehr heterogene Patientengruppe neigt zu Fremdaggressivität, ist oftmals suizidgefährdet, manipulativ und neigt zum Therapieabbruch. „Niedergelassene Psychotherapeuten schrecken vor Borderline-Patienten zurück“, sagt Cornelia Bothe, Therapeutin in der Asklepios-Klinik Hamburg-Nord bei dem Symposium „Gute Praxis psychotherapeutische Versorgung“, das die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) Anfang September in Berlin zu BPS veranstaltete.

Schwierig, einen Therapieplatz zu finden

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Die Prävalenzrate von Borderline-Persönlichkeitsstörungen liegt nach Angabe der BPtK bei 1,4 Prozent. Dies entspricht etwa 4,2 Prozent der psychisch erkrankten Patienten. Überwiegend erkranken Frauen, häufig bereits im Jugendalter.

„Die BPS-Patienten, die am schwersten gestört sind, finden am seltensten einen Therapieplatz“, berichtete Bothe. Sie bemüht sich vom ersten Tag der in der Regel sechs Monate dauernden stationären Behandlung in der Klinik für Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen an mit den Patienten um einen anschließenden Platz. Aber: „Es gibt einfach viel zu wenig Therapeuten, die sich das zutrauen.“

Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ist die Diagnosegruppe BPS in der ambulanten Versorgung unterrepräsentiert: Bei Psychologischen Psychotherapeuten machen sie 1,5 Prozent der Patienten aus, bei Fachärzten für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 1,9 Prozent.

„Dabei kann Borderline-Therapie Spaß machen, wenn man im Team arbeitet“, sagte Priv.-Doz. Dr. Christian Stiglmayr vom Borderline-Netzwerk Berlin. 30 Psychotherapeuten haben sich in dem 2002 gegründeten Netzwerk zusammengeschlossen (www.borderline-netzwerk-berlin.de). Sie kooperieren mit Krankenhäusern und komplementären Einrichtungen, wie beispielsweise mit dem Projekt für therapeutisches Wohnen Prowo e.V. Sie treffen sich regelmäßig wöchentlich. „Der Bedarf an Unterstützung für die Therapeuten ist sehr hoch“, erklärte Stiglmayr.

Voraussetzung für eine Zusammenarbeit in dem Netzwerk ist es, sich auf einen bestimmtes Therapiekonzept festzulegen. Bei den Berlinern ist das zumeist die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) nach Marsha M. Linehan, ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Vorgehen, das Methoden und Strategien anderer therapeutischer Schulen und fernöstliche Meditationstechniken integriert.

Prof. Dr. Babette Renneberg von der Freien Universität Berlin verwies darauf, dass für die DBT die meisten empirischen Belege vorlägen, wie eine Metaanalyse (Kliem et. al. 2010) zeigte. Daneben gibt es drei weitere Therapieansätze mit Evidenz: die übertragungsfokussierte Therapie nach Otto Kernberg, die mentalisierungsbasierte Therapie und die Schematherapie. „Psychotherapie ist bei Borderline-Störungen die Methode der ersten Wahl“, sagte Renneberg, „darin sind sich die Leitlinien einig.“ „Grundsätzlich gilt auch: Je schwerer der Patient betroffen ist, desto besser ist der Behandlungserfolg“, fügte die Wissenschaftlerin hinzu.

Renneberg merkte außerdem an, dass alle Studien nur bei einer langen Therapiedauer Wirksamkeit aufzeigten: je nach Ansatz zwischen 90 und 350 Stunden. Wichtig sei auch ein kombiniertes Setting aus Gruppe und Einzeltherapie sowie Supervision plus Netzwerk.

Wie schwierig es ist, diese Empfehlungen aus der Forschung in die Praxis zu übertragen, darauf wies Timo Harfst von der BPtK hin: „In der Verhaltenstherapie und der tiefenpsychologisch fundierten Therapie reichen die Behandlungskontingente für BPS nicht aus.“ Hier müssten die Bewilligungskontingente der Evidenz angepasst werden, forderte Harfst. Außerdem sei eine Kombination von Gruppen- und Einzeltherapie für die psychoanalytischen Verfahren in § 19 der Psychotherapie-Richtlinien explizit ausgeschlossen, kritisierte der BPtK-Referent. „Wir fordern eine Streichung dieses Paragrafen aufgrund der vorliegenden Evidenz.“

Hoher Bedarf an Abstimmung und Kommunikation

Um deutlich mehr Psychotherapeuten zu motivieren, Borderline-Patienten zu behandeln, fordert die Bundes­psycho­therapeuten­kammer zusätzliche Vergütungsanreize. Schließlich müssten kurzfristige Behandlungsausfälle, die bei BPS-Patienten häufiger vorkämen, kompensiert werden. Ebenso ergebe sich häufiger ein erhöhter Abstimmungsbedarf mit anderen Leistungserbringern, wenn man im Team arbeite oder mit Krankenhäusern und komplementären Einrichtungen kommuniziere. Schließlich seien auch kontinuierliche niederfrequente Behandlungsangebote für Borderline-Patienten wichtig. Zurzeit findet all das in der Regelversorgung keinen Niederschlag.

Petra Bühring

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