ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2012Psychoanalyse: Profunde und spannende Einblicke

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Psychoanalyse: Profunde und spannende Einblicke

PP 11, Ausgabe Oktober 2012, Seite 474

Koch, Joachim

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Mit diesem Buch gewährt der Frankfurter Psychoanalytiker Werner Bohleber profunde und spannende Einblicke in die Inhalte psychoanalytischer Forschung und Praxis. Zu drei unterschiedlichen Fragestellungen und Problemkreisen hat der Autor je drei Aufsätze verfasst. Im ersten Themenbereich geht es um Identität und Intersubjektivität. Bohleber blickt auf die vielen unterschiedlichen Theorietraditionen der Psychoanalyse und stellt fest, dass alle psychoanalytischen Schulen eine intersubjektive Wende vollzogen haben – wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß.

Durch Einflüsse der Objektbeziehungspsychologie, der Bindungstheorie und der Säuglings- und Kleinkindforschung hat sich die Psychoanalyse immer weiter auf der interpersonalen Matrix verortet. Während die Ich-Psychologie auf eine reife autonome Persönlichkeit abzielte, wird heute die lebenslange Eingebundenheit des Selbst und seiner Entwicklungen in befriedigende interpersonale Beziehungen betont. Eine Identitätstheorie muss beide Aspekte von Autonomie und Bezogenheit angemessen integrieren.

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Der Autor diskutiert die Folgen der Abkehr vom intrapsychischen Paradigma für den psychoanalytischen Therapieprozess. Die Rolle des Analytikers als klinische Autorität sowie als objektiver Beobachter des Geschehens während der Behandlung hat sich gewandelt. Der Analytiker ist nicht mehr der absolute Experte, sondern Analytiker und Analysand haben eine dialogische Beziehung, bei der kontinuierlich durch beide über Bedeutung verhandelt und Sinn konstruiert wird.

Im zweiten Teil des Buches geht es um das Thema Trauma. Das Trauma mit seinen vielen Facetten in persönlichen sowie gesellschaftlichen Zusammenhängen wurde zur Signatur des 20. Jahrhunderts. Zuerst zeichnet Bohleber die Entwicklung der Traumatheorie in der Psychoanalyse nach. Eine Ausgangsfrage stellt sich nach einem besonderen traumatischen Gedächtnis. Grundlegend zu Erinnerungen aus der Kindheit wird festgestellt, dass Kindheitserinnerungen zwar fehlbar sein können, der Kern der Erlebnisse jedoch meist sehr genau erinnert wird. Dies ist vor allem der Fall, wenn es sich um besonders belastende und traumatische Kindheitserfahrungen handelt. Der Autor diskutiert die Folgen des Holocaust in ihrer Bedeutung für die Traumatheorie, bei denen nicht das einmalige Durchbrechen der Reizschranke, sondern die extreme Dauerbelastung im Vordergrund steht.

Für die psychoanalytische Therapie allgemein und für die Traumatherapie im Besonderen kritisiert Bohleber, dass in den meisten Behandlungskonzeptionen die Rekonstruktion der Geschichte des Patienten an den Rand gerückt ist. Er gibt zu bedenken, dass eine rekonstruktive Interpretation zu erstaunlichen Besserungen im Befinden des Patienten führen kann.

Der letzte Themenschwerpunkt dreht sich um destruktive Ideologien und Gewalt. Das Phänomen jugendlicher Gewalt wird skizziert, indem Gewalt als Folge ungenügender seelischer Mentalisierung beschrieben wird. Der Autor bleibt aber nicht bei der Beschreibung der rein seelischen Dynamik von Gewaltphänomenen stehen, sondern integriert die äußeren, institutionellen Faktoren, die eine Schutzfunktion haben können oder ein Versagen bedingen. Mit der Analyse der Vorgänge und des Verhaltens der Täter des Massakers an der Columbine High School in den USA 1999 zeigt der Autor, wie eine sich zunehmend pathologisch entwickelnde Persönlichkeit in eine Umwelt eingebettet war, die dieser destruktiv-narzisstischen Entwicklung keinen Einhalt gebieten konnte. Joachim Koch

Werner Bohleber: Was Psychoanalyse heute leistet. Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 280 Seiten, gebunden, 34,95 Euro

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