ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2012Psychopathologische Erkrankungen in der Arbeitswelt: Pflichtlektüre für die psychotherapeutische Ausbildung

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Psychopathologische Erkrankungen in der Arbeitswelt: Pflichtlektüre für die psychotherapeutische Ausbildung

PP 11, Ausgabe Oktober 2012, Seite 476

Moser, Tilmann

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Ausgangspunkt für die Aufsätze von Christophe Dejours und Mitarbeitern war die kontinuierliche Erfahrung an ihrem Institut mit der Erforschung von aus der Arbeitswelt stammenden psychischen Beschädigungen. Ihr Fazit: „Dass die Experten für psychopathologische Erkrankungen der Zentralität der Arbeit so wenig Interesse entgegenbringen, hat natürlich . . . Ursachen, die sich längst vor Beginn der Massenarbeitslosigkeit bemerkbar machten. . . . Wäre ihre Analyse unter Psychiatern bekannt, würden sie vielleicht mehr Neugier für die Psychopathologie und Psychodynamik der Arbeit aufbringen, was ihre berufliche Tätigkeit stark beeinflussen könnte.“ Psychiater und Psychotherapeuten sind kaum ausgebildet, um subtile oder grobe Schädigungen durch bedrückende Arbeitsverhältnisse wahrzunehmen. Die Versuchung ist noch immer groß, seelische Erkrankungen der individuellen Vorschädigung zuzuschreiben.

An subtilen Fallbeispielen demonstrieren die Autoren das oft schwer erkennbare Ineinandergreifen von individueller Disposition und soziologisch relevanter Schädigung durch Betriebsklima, Stress und Intensivierung der Anforderungen. Sie unterscheiden zwischen einer Arbeits- und einer privaten Identität, die in einen unauflösbaren Widerspruch geraten können, an dem spätere Patienten zerbrechen können. Sie sprechen fast bitter von der „strategischen Geselligkeit“, mit der das Management versucht, das Betriebsklima oberflächlich durch Feste und Reisen zu retten.

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Als in einigen französischen Konzernen die Zahl der Suizide im Zusammenhang mit Arbeitskonflikten zunahm, geriet das Thema sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Forschung und Gesetzgebung erst an den verdienten Platz. Mobbing wird von den Autoren nicht nur horizontal (durch Arbeitskollegen), sondern auch vertikal und gezielt eingesetzt vom Management verstanden. „Der Eindruck drängt sich auf, dass Manipulation durch Drohung und Erpressung ebenso wie Mobbing zu Management erhoben worden sind, die gezielt zu Fehlern führen und eine Kündigung wegen Fehlverhalten ermöglichen.“

Der Band sollte Pflichtlektüre in psychotherapeutischen Ausbildungsgängen werden, weil es dem Management immer besser gelingt, die „Radikalisierung der Herrschaftsmethoden“ voranzutreiben, was dazu führt, dass auch die Abwehrmethoden der Beschäftigten subtiler und schwerer erkennbar werden. Tilmann Moser

Christophe Dejours (Hrsg.): Psychopathologien der Arbeit. Klinische Fallstudien. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2012, 156 Seiten, kartoniert, 17,90 Euro

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