ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2012Medizingeschichte: Terra sigillata – zur Geschichte antiker Heilerden

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Medizingeschichte: Terra sigillata – zur Geschichte antiker Heilerden

Dtsch Arztebl 2012; 109(41): A-2034 / B-1657 / C-1627

Lang, Ursula; Anagnostou, Sabine

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Bis in das 19. Jahrhundert hinein waren Heilerden – innerlich und äußerlich angewendet – bei einer Reihe von Indikationen weit verbreitet.

Mineralische Erden (Tonerden, Heilerden) galten jahrhundertelang als probate Arzneimittel gegen Vergiftungen aller Art, worunter man generell auch schwer therapierbare oder unheilbare Erkrankungen wie „rote Ruhr“ (unter anderem bakterielle Enteritiden), Pest, Pocken und weitere Infektionskrankheiten verstand. Oft waren diese Erden in eine Form gebracht und trugen ein charakteristisches Siegel, das Authentizität und Qualität garantieren sollte. Noch heute schreibt man Heil- und Tonerden eine heilsame Wirkung vor allem bei Durchfallerkrankungen zu.

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Die von der nordägäischen Insel Limnos (früher Lemnos) stammende „Terra lemnia“ war der Archetypus der Siegelerde, der „Terra sigillata“, die man bereits in der Antike als Heilmittel sehr schätzte. Der griechische Arzt Pedanios Dioskurides (erstes Jahrhundert unserer Zeitrechnung) beschrieb in seiner fünfbändigen Arzneimittellehre „De materia medica“ innerliche wie äußerliche Anwendungen verschiedener Heilerden. Lemnische Erde charakterisierte er als ein mit Wein einzunehmendes Antidot „von hervorragender Kraft“ gegen tödliche Gifte sowie als Mittel gegen Durchfallerkrankungen (1).

Der aus Armenien importierte Bolus, ein rötliches Ton - mineral, kam im 16. Jahrhundert als Ersatzmittel für die begehrte „Terra lemnia“ in die Apotheken.
Der aus Armenien importierte Bolus, ein rötliches Ton - mineral, kam im 16. Jahrhundert als Ersatzmittel für die begehrte „Terra lemnia“ in die Apotheken.

Die „lemnische Erde“ wurde unter Beachtung strenger Rituale am Berg Moschylos ausgegraben, mit Wasser gewaschen, in runde Stücke geformt, getrocknet und mit dem Abbild einer Ziege, eines typischen Opfertiers für die Göttin Artemis, gestempelt (2). Wegen der darin enthaltenen Eisenspuren war diese Tonerde rötlich-braun und besaß damit eine farbliche Signatur, die man im Sinne der Signaturenlehre als Hinweis verstand, dass sie „rote Erkrankungen“ wie eben die „rote Ruhr“ heilen könnte. Da Erde darüber hinaus im humoralpathologischen Verständnis der hippokratischen Medizin als kalt und trocknend galt, prädestinierten diese Eigenschaften sie ebenfalls zur Anwendung gegen Vergiftungen, insbesondere wenn sie sich durch von heftigen Schweißausbrüchen begleitetem Fieber und Durchfall äußerten. Hier sollte ein (gegen die Fieberhitze) kühlender und (gegen den Schweißfluss und Flüsse aus dem Bauch) trocknender Effekt Linderung oder gar Heilung bringen.

Gesiegelte lemnische Erde und weitere bereits in der Antike verwendete Ton-/Heilerden wurden im „Canon medicinae“ des berühmten persischen Arztes Avicenna (etwa 980–1037), einem der wichtigsten medizinischen Lehrbücher des Mittelalters und der frühen Neuzeit, als Mittel zur äußeren Anwendung bei entzündlichen Hauterkrankungen sowie als giftwidriges Mittel aufgeführt (3). Ob der vermeintlich giftwidrigen Wirkung ist es nicht verwunderlich, dass man Siegelerde als Bestandteil des im Mittelalter hochgeschätzten Theriaks findet, eines nach einer kanonisierten Rezeptur aus zahlreichen Zutaten aufwendig unter amtlicher Kontrolle hergestellten Arzneimittels. Theriak galt nicht nur als potentes Antidot, sondern als unverzichtbares Universalheilmittel im Kampf gegen Krankheiten aller Art, vor allem aber gegen bedrohliche Krankheiten wie die Pest, und wurde kurativ und in Seuchenzeiten sogar prophylaktisch angewendet (4).

Der Arzt Valerius Cordus (15151544) verfasste nördlich der Alpen das erste amtliche Arzneibuch, das zunächst für Nürnberg verbindliche „Dispensatorium pharmacorum omnium, quae in usu potissimum sunt“. Die darin vorgeschriebene Theriak-Rezeptur enthält „Sigilli lemnii aut Boli armeni“ (Armenische Tonerde) und weist diese als offizinelle Arzneidrogen aus (5). Zugleich fällt auf, dass der aus Armenien importierte Bolus, ein ebenfalls rötliches Tonmineral, Anfang des 16. Jahrhunderts als Ersatzmittel für die begehrte „Terra lemnia“ offensichtlich Einzug in die Apotheken gehalten hatte. Bereits Avicenna hatte im „Canon medicinae“ die „Terra ex armena“ erwähnt, ohne sie jedoch ausdrücklich als generelles Antidot zu beschreiben. Er empfahl aber ausdrücklich die Einnahme von armenischer Erde zusammen mit Wein und Rosenwasser „in febre pestilentiae“, womit die Pest und andere tödliche Krankheiten gemeint sein dürften, so dass ein Hinweis auf eine „giftwidrige Wirkung“ unmissverständlich vorliegt (3). Da seit dem Mittelalter die Bekämpfung des „Pestgiftes“ von außerordentlicher Bedeutung war, bediente man sich nicht mehr nur der „Terra lemnia“, sondern auch anderer als gleichwertig erachteter Heilerden. Hinzu kam, dass im Jahr 1456 die Insel Limnos durch die Türken erobert worden war. Fortan wurde der Handel mit „Terra lemnia“ von Konstantinopel aus abgewickelt und neue Siegel mit Halbmond und Sternen sollten die Authentizität des weiterhin begehrten Antidots bezeugen (2).

Fälschungen trugen indes dazu bei, die hohe Reputation der „vera Terra lemnia“ zum Schwinden zu bringen, und mit wachsendem Zweifel an der Reinheit und Originalität begann die Suche nach weiteren Siegelerden. Unter Berufung auf besondere alchemistische Eigenschaften einer von ihm im schlesischen Striga (später Striegau) entdeckten Heilerde gelang es dem Arzt und Paracelsus-Anhänger Johannes Scultetus Trimontanus (Johann Schulz, etwa 1531–1604), Mitte des 16. Jahrhunderts die Neugierde gegenüber einer einheimischen Tonerde zu wecken. Er vermutete nämlich, die bräunlich-gelbe Farbe des von ihm entdeckten Tonminerals stamme von Ausschwitzungen einer stillgelegten Goldmine, in der er diese neue Erde gefunden hatte und die er deshalb als „Axungia solis“ bezeichnete.

„Bolus alba sterilisata“ war Anfang des 20. Jahrhunderts in „Gehes Codex“ noch als Mittel gegen „Magen-Darm-Erkrankungen infolge bakterieller Zersetzungsvorgänge“ gelistet. Fotos: Deutsches Apotheken-Museum Heidelberg
„Bolus alba sterilisata“ war Anfang des 20. Jahrhunderts in „Gehes Codex“ noch als Mittel gegen „Magen-Darm-Erkrankungen infolge bakterieller Zersetzungsvorgänge“ gelistet. Fotos: Deutsches Apotheken-Museum Heidelberg

Schon bald wurde auch außerhalb Schlesiens über die giftwidrige, mit den Symbolen von Striga gesiegelte „Terra sigillata strigoniensis“ berichtet. Wilhelm IV., Landgraf von Hessen-Kassel (15321592), ein Förderer der Naturwissenschaften, ordnete an, die Wirksamkeit der neuen Heilerde an acht Hunden zu erproben. 1580 wurden in Gegenwart von Wilhelm IV. und zwei Ärzten die Versuchstiere mit jeweils einer Giftdosis und einer adäquaten Menge Siegelerde behandelt. Als Gifte dienten Quecksilbersublimat (HgCl2), Eisenhut, Oleander und eine Apocynum-Art (Hundsgiftgewächs). Zum Vergleich fütterte man Hunde mit der gleichen Menge desselben Gifts, verabreichte jedoch keine Siegelerde. Die Tiere, denen man gleichzeitig – beziehungsweise in einem Fall zeitversetzt – „Terra sigillata strigoniensis“ appliziert hatte, sollen zwar unter deutlichen Intoxikationsanzeichen wie Krämpfen oder Erbrechen gelitten, sich aber wieder erholt und überlebt haben. Die Hunde, denen man Gift, jedoch keine Siegelerde gegeben hatte, starben (6).

Das Versuchsergebnis überzeugte offenbar, denn kurz darauf gewann einheimische schlesische Siegelerde „Terra silesiaca“ als Ersatzmittel für „Terra lemnia“ immer mehr an Bedeutung. Im Laufe des 17. Jahrhunderts kamen weitere Siegelerden hinzu, so dass in den inzwischen gültigen Länder-pharmakopöen wie der „Pharmacopoea wirtenbergica“ von 1741 außer „Terra lemnia“ verschiedene schlesische, türkische und maltesische Siegelerden als Mittel mit „bezoardischen“, das heißt giftwidrigen Eigenschaften aufgeführt wurden. Mit der in der Aufklärungszeit beginnenden Rationalisierung und Entmythisierung der Medizin ging die arzneiliche Verwendung von Siegelerden zu Ende. Ärzte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wie Julius Stumpf (18561932) verwendeten „Bolus alba“ oder Kaolin noch äußerlich als Exsiccans („trocknendes Mittel“) bei erysipelatösen Entzündungen und innerlich als Adsorbens gegen Durchfall (7). Anfang des 20. Jahrhunderts war „Bolus alba sterilisata“ in „Gehes Codex“ als Mittel gegen „Magen-Darm-Erkrankungen infolge bakterieller Zersetzungsvorgänge“ gelistet (8).

Heute weiß man, dass die medizinische Wirkung von Ton-/Heilerden auf physikalisch-chemischen Effekten basiert. Mineralerden sind feinkörnige Verwitterungsprodukte von Silikatmineralen wie Feldspat oder vulkanischen Gesteinen. Viele Tonminerale, wie die Aluminiumsilikate Smektit oder Kaolinit, gehören zur Mineralklasse der Schichtsilikate, haben eine enorm große innere Oberfläche, hohe Kationenaustauschkapazität sowie ein sehr gutes Adsorptionsvermögen für Wasser und verschiedene toxische Substanzen (unter anderem Bakterientoxine). Adsorbenzien, die bestimmte Giftstoffe binden können, reduzieren deren Resorption – jedoch nur, wenn sie gleichzeitig oder möglichst zeitnah eingenommen werden. Die Wirkungsweise der Ton-/Heilerden als „Antidota“ entspricht somit in etwa derjenigen von Aktivkohle (9), so dass ihr Gebrauch in vergangenen Jahrhunderten, in denen weder wissenschaftliche Kenntnisse über Mikroorganismen, Antibiotika oder Wirkmechanismen spezifischer Antidota bei Vergiftungen gab, zumindest unter adjuvantem Aspekt mitunter durchaus berechtigt gewesen sein dürfte.

Dr. rer. nat. Ursula Lang,
L.Ursula@t-online.de
PD Dr. rer. nat. Sabine Anagnostou

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4112

1.
Dioscurides P: Des Pedanios Dioskurides aus Anazarbos. Arzneimittellehre in fünf Büchern. Übersetzt und mit Erklärungen versehen v. Julius Berendes. Stuttgart 1902 (Nachdruck Wiesbaden 1970); 526.
2.
Freller T: Terra Lemnia zwischen Orient und Okzident. In: Pharmazeutische Zeitung 1998; 143: 44–7.
3.
Avicenna: Liber canonis. Basel 1556; 254–6.
4.
Anagnostou S: Theriak – ein weltweites Antidot. In: Christoph Friedrich/Wolf-Dieter Müller-Jahncke (Hrsg.): Gifte und Gegengifte in Vergangenheit und Gegenwart. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2012 (Veröffentlichungen zur Pharmaziegeschichte; 10); 45–70.
5.
Cordus V: Dispensatorium pharmacorum omnium, quae in usu potissimum sunt. Nürnberg 1598; 55.
6.
Dannenfeldt KH: The introduction of a new sixteenth-century drug: Terra Silesiaca. In: Medical History 1984; 28: 174–88; undGraepel PH: Pharmakologische Prüfung von Siegelerde. In: Deutsche Apothekerzeitung 1999; 139: 3932.
7.
Stumpf J: Über ein zuverlässiges Heilverfahren bei der asiatischen Cholera sowie bei schweren infektiösen Brechdurchfällen und über die Bedeutung des Bolus (Kaolins) bei der Behandlung gewisser Bakterienkrankheiten. Würzburg 1906. Herausgegeben von Carsten Pohl. Norderstedt 2008.
8.
Gehes Codex der Bezeichnungen von Arzneimitteln, kosmetischen Präparaten und wichtigen technischen Produkten mit kurzen Bemerkungen über Zusammensetzung, Anwendung und Dosierung. Nachtrag 2 (1918); 14. www.digibib.tu-bs.de/?docid=00034075 ( letzter Zugriff 24.05.2012).
9.
Leuwer M, et al.: Checkliste Intensivmedizin. 3. Auflage. Stuttgart 2012; 589.
1. Dioscurides P: Des Pedanios Dioskurides aus Anazarbos. Arzneimittellehre in fünf Büchern. Übersetzt und mit Erklärungen versehen v. Julius Berendes. Stuttgart 1902 (Nachdruck Wiesbaden 1970); 526.
2.Freller T: Terra Lemnia zwischen Orient und Okzident. In: Pharmazeutische Zeitung 1998; 143: 44–7.
3. Avicenna: Liber canonis. Basel 1556; 254–6.
4. Anagnostou S: Theriak – ein weltweites Antidot. In: Christoph Friedrich/Wolf-Dieter Müller-Jahncke (Hrsg.): Gifte und Gegengifte in Vergangenheit und Gegenwart. Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft 2012 (Veröffentlichungen zur Pharmaziegeschichte; 10); 45–70.
5. Cordus V: Dispensatorium pharmacorum omnium, quae in usu potissimum sunt. Nürnberg 1598; 55.
6. Dannenfeldt KH: The introduction of a new sixteenth-century drug: Terra Silesiaca. In: Medical History 1984; 28: 174–88; undGraepel PH: Pharmakologische Prüfung von Siegelerde. In: Deutsche Apothekerzeitung 1999; 139: 3932.
7. Stumpf J: Über ein zuverlässiges Heilverfahren bei der asiatischen Cholera sowie bei schweren infektiösen Brechdurchfällen und über die Bedeutung des Bolus (Kaolins) bei der Behandlung gewisser Bakterienkrankheiten. Würzburg 1906. Herausgegeben von Carsten Pohl. Norderstedt 2008.
8. Gehes Codex der Bezeichnungen von Arzneimitteln, kosmetischen Präparaten und wichtigen technischen Produkten mit kurzen Bemerkungen über Zusammensetzung, Anwendung und Dosierung. Nachtrag 2 (1918); 14. www.digibib.tu-bs.de/?docid=00034075 ( letzter Zugriff 24.05.2012).
9. Leuwer M, et al.: Checkliste Intensivmedizin. 3. Auflage. Stuttgart 2012; 589.

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