ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2012Forschungsprojekt SmartSenior: Gemischte Bilanz

THEMEN DER ZEIT

Forschungsprojekt SmartSenior: Gemischte Bilanz

Dtsch Arztebl 2012; 109(41): A-2032 / B-1652 / C-1622

Krüger-Brand, Heike E.

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Eines der ersten Projekte im Rahmen der Förderung von altersgerechten Assistenzsystemen ist nach dreieinhalb Jahren beendet. Ein Überblick über die Ergebnisse

Alternativ zur gewohnten Fernbedienung konnten die Senioren auch ein Webpad benutzen, um Dienste auf dem Serviceportal abzurufen. Foto: Siemens AG
Alternativ zur gewohnten Fernbedienung konnten die Senioren auch ein Webpad benutzen, um Dienste auf dem Serviceportal abzurufen. Foto: Siemens AG

Aller Anfang ist schwer – das gilt in vielerlei Hinsicht auch für das Forschungsprojekt SmartSenior: Es zählt zu den ersten Projekten, die in Deutschland zum Forschungsfeld altersgerechte Assistenzsysteme (Ambient Assisted Living, AAL) vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurden. Das von April 2009 bis September 2012 laufende Projekt zielte darauf ab, Technologien zu entwickeln, die Senioren ein längeres selbstbestimmtes Leben zu Hause ermöglichen sollen (www.smart-senior.de). 28 Partner aus Industrie, Wissenschaft und Forschung haben sich in vielen Unterprojekten daran beteiligt. Das Projektvolumen umfasste 41 Millionen Euro, 25 Millionen Euro davon kamen aus dem BMBF-Fördertopf.

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Drei Themen standen im Fokus: das selbstbestimmte Leben im häuslichen Umfeld, sichere Mobilität sowie das Wiedererlangen und Erhalten von Gesundheit. In die Abschlussphase fiel zudem ein dreimonatiger Feldtest von unterschiedlichen Anwendungen, an dem sich circa 200 Senioren beteiligt haben. Der Test sollte primär die Akzeptanz und Gebrauchstauglichkeit der AAL-Technologien im häuslichen Umfeld untersuchen, zusätzlich aber auch soziale, motorische und kognitive Einflussfaktoren auf die Akzeptanz bestimmen und die Sicherheit der Systeme prüfen.

TV-gestütztes Serviceportal im Zentrum

In der Studie „SmartSenior@home“ beispielsweise, an der sich 35 Seniorenhaushalte in Potsdam (Durchschnittsalter 69 Jahre) beteiligten, stand ein TV-gestütztes Serviceportal im Zentrum, ergänzt durch Elemente wie Touchpad, Smartphone, Raumsensoren, Kamera, medizinische Messgeräte und eine intelligente Armbanduhr. Über das Portal konnten die Senioren verschiedene Infoangebote sowie haushaltsnahe und gesundheitsbezogene Dienstleistungen auswählen. Unter anderem konnten sie Vitaldaten wie Blutdruck, Gewicht und EKG über eine sichere Datenverbindung zur Auswertung an das Telemedizinzentrum der Charité – Universitätsmedizin Berlin übertragen und sich die Daten auf ihrem Fernsehgerät anzeigen lassen. Eine Audio-Video-Kommunikation in hoher Qualität ermöglichte die Vernetzung mit anderen Senioren oder Familienmitgliedern sowie zu einem rund um die Uhr besetzten Assistenzcenter, das als Ansprechpartner bei Fragen zur Verfügung stand.

Weitere Studien betrafen die Fahrleistungserfassung im Alter und spezifische medizinische Angebote, wie etwa ein Assistenzsystem zur Bewegungsmotivation für die Sturzprophylaxe und für die Rehabilitation nach einem Schlaganfall (Kasten).

„Unsere SmartSenior-Lösungen mit ihren modularen Assistenzfunktionen haben den Praxistest erfolgreich bestanden, das Feedback der Senioren war positiv“, lautete die Bilanz des Projektkoodinator Michael Balasch von den Telekom Innovation Laboratories Berlin bei der Abschlussveranstaltung Mitte September in Berlin. „Wir haben viele detaillierte Rückmeldungen erhalten, die bei künftigen Weiterentwicklungen berücksichtigt werden können.“

Überwiegend positiv mit einigen Einschränkungen fiel auch das Fazit des Studienleiters aus: „Die angebotenen Dienste wurden mehrfach täglich von den Senioren über alle Altersgruppen hinweg genutzt, ihre Bedienbarkeit überwiegend positiv bewertet. Fast alle Testpersonen würden die Prototypen gerne künftig nutzen können“, berichtete Dr. med. Mehmet Gövercin, von der Forschungsgruppe Geriatrie an der Charité.

Dennoch muten die präsentierten Forschungsergebnisse des Großprojekts insgesamt eher bescheiden an: Die strukturierten Interviews ergaben unter anderem, dass jüngere Anwender eine höhere Nutzungskompetenz aufweisen. Die Lebensqualität hat sich durch die Technologie nicht verändert. Am häufigsten wählten die Studienteilnehmer im TV-Portal den Menüpunkt „Gesundheit“ aus. Bei der Mobilität der Senioren konnte im Laufe der Studie eine leichte Verbesserung im Vergleich zu einer Kontrollgruppe erreicht werden, Kognition und Feinmotorik blieben unverändert.

Studien mangels Teilnehmer wenig aussagekräftig

Bei näherer Betrachtung kranken sämtliche im Projekt durchgeführten Studien an der geringen Anzahl der Teilnehmer, die Rekrutierung geeigneter Probanden erwies sich als schwierig, einige geplante Studien kamen erst gar nicht zustande. Hauptgründe waren unter anderem mangelndes Interesse, fehlende DSL-Abdeckung, kein Platz für die Technikinstallation. „Ich hätte mir gewünscht, dass wir ein großes Stück weiter sind“, meinte Prof. Dr. med. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Charité, bei der abschließenden Podiumsdiskussion.

Eine Hürde stellte darüber hinaus die hohe technische Komplexität im Projekt dar, denn mehr als 300 Einzelkomponenten mussten für den Feldtest und die klinischen Studien integriert werden. „Es gab viele technische Fehler“, sagte Gövercin. Die Stabilität der Lösungen und Prototypen wurde von den Teilnehmern denn auch nur mit „zufriedenstellend“ bewertet.

Hinzu kommt: „Die Technik speziell im Bereich der Sensorik und der mobilen Funktechnologien und Plattformen hat sich so schnell entwickelt, dass viele Voraussetzungen ganz andere sind als vor vier Jahren“, erklärte Prof. Dr. Wolfgang Wahlster, Vorsitzender der Geschäftsführung und technisch-wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken, einer der beteiligten Forschungseinrichtungen. Sensorik und Kommunikationstechnik seien heute viel besser, ebenso habe ein Preisverfall eingesetzt. Augenfälligstes Beispiel für die rasanten Entwicklungen ist das Webpad, das neben der Fernbedienung erst nachträglich mit entsprechendem Aufwand in das Projekt integriert wurde, da es bei der ursprünglichen Projektkonzeption noch überhaupt keine Rolle spielte.

Sozialer Innovationsaspekt rückt nach vorne

Dennoch sieht Wahlster in den im Projekt entwickelten Algorithmen und Datenstrukturen ein hohes Potenzial für Industrieanwendungen und die Konzeption „nichtintrusiver adaptiver Umgebungen“ (Motto: „The computer must disappear“), deren Bedeutung nicht nur für alte Menschen, sondern allgemein zunehmen werde. Der soziale Gedanke sei aber ein Aspekt, der künftig noch stärker berücksichtigt werden müsse, sagte Wahlster.

„Das Thema hat sich weiterentwickelt“, befand auch Christine Weiss vom Verband VDI/VDE Innovation und Technik, dem Projektträger. „SmartSenior war eine der ersten Bekanntmachungen zu Technik und Alter aus dem damaligen Referat Mikrosystemtechnik“, erläuterte die Expertin. Dies sei inzwischen in das Referat „Demografischer Wandel; Mensch-Technik-Interaktion“ umgewandelt worden. Dies weise darauf hin, dass der Aspekt der sozialen Innovation neben dem Thema der adaptiven Schnittstellen deutlich an Bedeutung gewonnen habe. Viele Fragen, wie etwa nach der Haftung, nach dem „Inverkehrbringer“ oder nach Geschäftsmodellen für die Assistenzsysteme seien noch unbeantwortet, die Nachfrage nach AAL müsse generell noch steigen.

Fazit: Bis zur Umsetzung der Projektergebnisse in marktreife Produkte und Dienstleistungen scheint der Weg noch weit.

Heike E. Krüger-Brand

SmartSenior-Studien

Neben der „SmartSenior@home“-Studie gab es mehrere klinische Studien zu medizinischen Anwendungen:

  • Eine noch nicht abschließend ausgewertete Studie betraf ein interaktives Trainingsprogramm zur Sturzprävention und Schlaganfallrehabilitation im häuslichen Umfeld. Das telemedizinische Programm soll die Balancefähigkeit und die Kraft der Probanden verbessern und durch ein therapeutisch begleitetes Training zu Hause Stürzen wirksam vorbeugen. Eingesetzt wurden dabei eine spezielle Sensorik zur Bewegungserfassung und eine mit Sensoren ausgestattete Orthese. Aufgrund von Rekrutierungsproblemen nahmen an der Studie nur elf Probanden teil.
    Auftretende technische Probleme und Bedienungsfehler konnten aus Zeitmangel nicht mehr geklärt werden, so dass eine Bewertung der Gebrauchstauglichkeit problematisch ist.
  • In einer Studie am Klinikum Südstadt Rostock und am Schmerzzentrum Berlin wurde die telemedizinische Unterstützung von chronischen Schmerzpatienten erprobt. Fünf Teilnehmer führten ein Schmerztagebuch auf dem Smartphone und sollten zudem regelmäßig ihre Sauerstoffsättigung und Herzfrequenz erfassen und die Daten an die behandelnden Ärzte übertragen. Grundsätzlich erscheint das System zur Therapiekontrolle geeignet. Die mangelnde Stabilität der Technik bereitete erhebliche Probleme und erforderte „enthusiastische Senioren und Studienmitarbeiter“, wie Dr. med. Klaus Wagner, Klinikum Südstadt Rostock, erläuterte.
  • Eine Machbarkeitsstudie betraf die telemedizinisch assistierte Peritonealdialyse. Ein Dialysepatient des Vivantes-Klinikums Friedrichshain in Berlin testete eine Smartphone-App, die Nierenpatienten bei der Durchführung einer häuslichen Peritonealdialyse unterstützen soll. Der Patient konnte täglich mehr als 30 Vital- und Behandlungsdaten an das Dialysezentrum übertragen, wo die Daten automatisiert in eine spezielle Krankenakte eingepflegt wurden, berichtete Prof. Dr. med. Martin Kuhlmann, Vivantes. „Das Potenzial des Systems für eine Verbesserung der Behandlung ist groß“, meinte Kuhlmann. Komplikationen ließen sich rasch erkennen, die Sicherheit für den Patienten steige.

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