ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2012Gastroenteritis-Ausbruch: Noroviren in Tiefkühlkost

MEDIZINREPORT

Gastroenteritis-Ausbruch: Noroviren in Tiefkühlkost

Dtsch Arztebl 2012; 109(41): A-2036 / B-1659 / C-1629

Siegmund-Schultze, Nicola

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Der große lebensmittelbedingte Gastroenteritis-Ausbruch ist offenbar überwunden. Als wahrscheinlichste Ursache gilt eine Charge Tiefkühlerdbeeren.

Es ist der mit Abstand größte, lebensmittelbedingte Ausbruch von akuter Gastroenteritis, der in Deutschland bekanntgeworden ist. In kürzester Zeit sind mehr als zehntausend Fälle von Gastroenteritis am Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin gemeldet worden. Bis Redaktionsschluss (8. Oktober) waren es 11 202. Der rasche Anstieg begann am 24. September. In fünf Bundesländern, Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, waren vor allem Kinder und Jugendliche in knapp 500 Betreuungseinrichtungen und Schulen betroffen. Sie erhielten über regionale Küchen Essen von einem gemeinsamen Unternehmen. Inzwischen gibt es fast keine Fallmeldungen mehr.

Lebensmittelkontaminationen früh im Fokus von Studien

Die typische Symptomatik: plötzliche Übelkeit und heftiges Erbrechen, häufig auch Durchfälle, abdominale Krämpfe und Fieber. Die Symptomatik hält in der Regel zwölf bis 60 Stunden an. Bislang wurden mindestens 37 Patienten hospitalisiert. Da die betroffenen Einrichtungen bis auf wenige Ausnahmen von einem bundesweit tätigen Unternehmen beliefert wurden, bestand schon früh der Verdacht auf Lebensmittelkontamination. Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) richtete eine Task Force aus Vertretern des Bundesamtes für Risikobewertung, des RKI und der Landesbehörden der betroffenen Bundesländer ein, das RKI koordinierte Fall­kontroll­studien in Sachsen, Thüringen und Berlin und E-Mail-Befragungen an Schulen und Kindertagesstätten.

„Eine Charge Tiefkühlerdbeeren ist sehr wahrscheinlich die Ursache des Ausbruchs“, teilten RKI und BVL mit. Die Fall­kontroll­studien hatten statistisch signifikante Zusammenhänge mit der Teilnahme an Gemeinschaftsessen und dem Verzehr von Erdbeerkompott ergeben (Odds Ratio [OR] 8,2 bis 26,0 und eine OR von 11,5 für den Verzehr von Erdbeerkompott, das kalt geliefert und nicht nochmals erhitzt wurde). Im Verlauf des Ausbruchs wurden immer mehr Fälle von Sekundärinfektionen bekannt, wie sie für Noroviren typisch sind. „Nach derzeitigem Kenntnisstand spricht sehr viel für Noroviren“, sagte Prof. Dr. med. Klaus Stark, Leiter des Fachgebiets Gastroenterologische Infektionen, Zoonosen und tropische Infektionen am RKI, zum Deutschen Ärzteblatt. „Das Virus wurde in einem beträchtlichen Teil der Patientenproben nachgewiesen.“ Allerdings stehe der Nachweis im Lebensmittel noch aus. Dieser sei komplex und gelinge nicht immer. Es seien noch nicht alle Rückstellproben mit PCR untersucht.

Noroviren sind die häufigsten Auslöser von nichtbakterieller Gastroenteritis. Seit 2001 besteht eine gesetzliche Meldepflicht für den direkten Nachweis von Noroviren, bei einer Häufung von Fällen auch für den Verdacht auf die Infektion, etwa bei Personen mit Tätigkeit in Küchen von Gaststätten oder Gemeinschaftsverpflegungen. Starke Kontagiosität mit niedriger Infektionsdosis, hohe Viruskonzentration in Stuhl und Erbrochenem, Fehlen einer längerfristigen Immunität und ausgeprägte Umweltresistenz des Virus gelten als Ursache, warum es vor allem in Gemeinschaftseinrichtungen immer wieder Ausbrüche mit hohen Sekundärinfektionsraten gibt. Saisonale Erkrankungsgipfel liegen zwischen November und April.

„Aus der Klinik wissen wir, dass schon ein kurzer Kontakt mit Infizierten zur Ansteckung führen kann“, betonte Prof. Dr. med. Winfried Kern, Leiter des Zentrums Infektiologie an der Universitätsklinik Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. „Wenn wir einen Patienten mit akuter Gastroenteritis unklarer Ursache oder im Zusammenhang mit einem Norovirus-Ausbruch stationär aufnehmen, wird er im Allgemeinen isoliert, bei Indikation behandelt, und dann prüfen wir zeitnah, ob eine Weiterversorgung außerhalb der Klinik möglich ist“, sagte Kern. Es gelte, auch das Personal vor Infektionen mit den hochansteckenden Viren zu schützen.

Anfang Oktober hat das Institut für Lebensmitteltechnologie der Hochschule Ostwestfalen-Lippe, Lemgo, bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie in Hamburg Daten vorgestellt, die die Stabilität von Noroviren bei tiefen Temperaturen bestätigen: So konnte das Einfrieren von kontaminierten Lebensmitteln bei −18 Grad Celsius für 14 Tage die Viruszahl nicht wesentlich reduzieren. Dies gelang durch Erhitzen (200 °C für zwölf Minuten) oder Kochen (100 °C für 30 Minuten).

Immer wieder neue antigene Driftvarianten von Noroviren

Schließlich entstehen unter den drei humanpathogenen Genogruppen (GG I, II, IV) immer wieder neue antigene Driftvarianten, die ungewöhnlich hohe Erkrankungsraten hervorrufen. So wird ein Ausbruch im Herbst 2002 mit vielen Tausend Fällen auch auf die damals neue Variante GG II.4 zurückgeführt. Die Ergebnisse der Subtypisierungen am RKI lagen bis Redaktionsschluss noch nicht vor.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

@Informationen für Ärzte zu Diagnostik, Falldefinitionen und Therapie unter www.rki.de

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