ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2012Nach dem Bremer „Hygiene-Skandal“: Von Normalität weit entfernt

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Nach dem Bremer „Hygiene-Skandal“: Von Normalität weit entfernt

Dtsch Arztebl 2012; 109(41): A-2007 / B-1635 / C-1607

Hibbeler, Birgit

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Prof. Dr. med. Hans-Iko Huppertz ist zurück. Der im Zuge des „Hygiene-Skandals“ entlassene Chefarzt hat seine Arbeit am Klinikum Bremen-Mitte Anfang Oktober wieder aufgenommen. Knapp ein Jahr ist es her, da hatte der Pädiater eine fristlose Kündigung erhalten. Damals war bekanntgeworden, dass in seiner neonatologischen Abteilung drei mit multiresistenten Klebsiellen (ESBL) infizierte Frühchen gestorben waren. Viele Kollegen und Beobachter sahen in dem Rauswurf einen Schnellschuss. Huppertz sei ein Bauernopfer. Dieser klagte erfolgreich gegen die Kündigung vor dem zuständigen Arbeitsgericht. Unterdessen ist die Frage, wer für die Vorkommnisse in der Bremer Neonatologie die Verantwortung trägt, nach wie vor ungeklärt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung, Anklage wurde bisher jedoch nicht erhoben. Außerdem gibt es einen Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft.

Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler, Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

Von Normalität ist das Klinikum Bremen-Mitte auch Monate nach dem Bekanntwerden der „Hygiene-Zwischenfälle“ weit entfernt. Für Wirbel hat nun ein Gutachten des Essener Hygieneexperten Prof. Dr. med. Walter Popp gesorgt. Popp zufolge tragen die Mitarbeiter der Klinik die „geringste Verantwortung“. Fehler sieht er in erster Linie bei der zuständigen Senatsbehörde und der Geschäftsführung des Klinikverbundes. Er kommt zu dem Schluss: Es gab zu wenig Personal. Die Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention seien nicht befolgt worden. Diese hätten eine bessere personelle Ausstattung auf der Frühchenstation vorgesehen. Außerdem sei die Reinigung „desolat“ gewesen. Es sei mit Desinfektionslösungen gearbeitet worden, deren Konzentration ungenügend war. Beim Putzen seien Keime von einer Oberfläche zur nächsten und auch auf Hände übertragen worden. Obwohl die Probleme bekannt gewesen seien, habe man nicht reagiert.

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In Bremen sind an vielen Stellen Fehler gemacht worden. Welche Schlüsse die Staatsanwaltschaft und der Untersuchungsausschuss daraus ziehen, ist noch offen. Unabhängig davon könnte der Fall allerdings über Bremen hinaus eine dringend notwendige Debatte auslösen. Der ökonomische Druck auf die Krankenhäuser steigt. Immer mehr Menschen stellen sich die Frage: Geht es eigentlich um gute Medizin oder nur noch ums Geld? Für die Rolle des Arztes im Gesundheitswesen ist das problematisch. Damit sind vor allem diejenigen konfrontiert, die eine Führungsposition bekleiden. Die Geschäftsführung trifft Entscheidungen – etwa über Einsparungen beim Personal. Die medizinische Verantwortung aber liegt im Endeffekt beim Arzt.

Krankenhausmanager wissen: Mit der Neonatologie lässt sich viel Geld verdienen. Doch sie dürfen nicht vergessen: Eine hochwertige Frühchenversorgung lässt sich nur mit genügend und gut ausgebildetem Personal leisten. Sollte in Bremen wirklich zu sehr am Personal gespart worden sein, ist diese Rechnung definitiv nicht aufgegangen. Die Neonatologie im Klinikum Bremen-Mitte ist nach wie vor geschlossen. Nachdem sie umfangreich desinfiziert, umgebaut und dann wiedereröffnet worden war, tauchte der gleiche ESBL-Keim im Februar 2012 erneut auf. Ein Alptraum. Neben der Frühchenstation ist auch die Geburtshilfe des Klinikums geschlossen. Die finanziellen Einbußen sind immens. Das verlorene Vertrauen in der Bevölkerung wieder aufzubauen, wird Jahre dauern.

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik

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Rie-Rie
am Freitag, 12. Oktober 2012, 17:02

Mangelnde Händehygiene leider keine Seltenheit

Es ist noch nicht lange her, dass ein junger Mann wegen eines banalen Infektes in die Sprechstunde der Hausärztin kam. Irgendwie kam das Gespräch auf den Beruf des jungen Mannes und er berichtete, dass er eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger begonnen hatte. Auf die Frage, wie ihm denn der Beruf zusagte, antwortete er begeistert, dass er große Freude an dieser Tätigkeit habe. Nur eine Sache mache ihm richtig zu schaffen : die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. In der Schule wird die korrekte Händedesinfektion gelehrt und eingeübt und im Stationsbetrieb wird er angeraunzt, dass er schneller machen solle, sonst wäre das Arbeitspensum nicht zu schaffen. Der junge Mann ist sicher nicht der Einzige, der in einem solchen Gewissenskonflikt steckt und hier ist eindeutig die Politik gefordert die Rahmenbedingungen zu ändern!
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