ArchivDeutsches Ärzteblatt38/1998100. Todestag Theodor Fontanes: Depression und Heilung

VARIA: Feuilleton

100. Todestag Theodor Fontanes: Depression und Heilung

Dtsch Arztebl 1998; 95(38): A-2335 / B-1999 / C-1776

Wilkes, Johannes

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LNSLNS Im Jahr 1892 durchlitt der damals 72jährige Theodor Fontane eine schwere seelische Krise.
"Der Kopf ist mir beständig benommen und will von Anstrengung nichts mehr wissen. Die Klapprigkeit bricht herein und das Arbeiten mit Vierteldampfkraft wird Regel." (9) Mit diesen Worten beschreibt Theodor Fontane (1819 bis 20. September 1898) in einem Brief vom 6. Dezember 1891 seinen Seelenzustand dem Verleger Wilhelm Hertz. Unter Kenntnis der weiteren Entwicklung des Jahres 1892 kann hier von ersten Prodromi einer vital erlebten Depression gesprochen werden.
Gefühle der Sinnlosigkeit
Von März 1892 an verstärkten sich Fontanes Gefühle der Sinnlosigkeit und fehlenden geistigen Energie. "Körperlich geht es noch, aber das ,innen lebt die schaffende Gewalt' ist für mich leider zur Phrase geworden", beklagt Fontane in einem Brief an August von Heyden (10). Von Federkraft könne keine Rede mehr sein, der Antrieb lasse nach, jeden Abend müsse er sich aufraffen, um wenigstens den gewohnten Spaziergang machen zu können. Seine Stimmung beschreibt er als resigniert. Er zweifelt an seiner Arbeit, seinem Lebenswerk. Weiter zu schreiben erscheint ihm sinnlos. Das Manuskript von "Effi Briest" bleibt liegen.
Seine Frau und seine Tochter Mete machen sich Sorgen um ihn. Auf ärztliches Anraten fährt die Familie im Mai von Berlin ins Riesengebirge nach Zillerthal. Luftveränderung soll die trübe Stimmung heben, dazu soll die Ruhe abseits der Großstadt heilend wirken. Aber auch der Klimawechsel bringt nicht die erhoffte Erleichterung. Sein Sohn Friederich, der auch zu seinem neuen Verleger wird, versucht, ihm durch positive Rezensionen neuen Lebensmut zu verschaffen. Umsonst. "Noch vor ein paar Jahren hätte mich das alles entzückt und erhoben, jetzt kommt es zu spät", antwortet ihm sein Vater (17).
Der Dichter sucht selbst nach Erklärungen für seinen Zustand und diagnostiziert das Fehlen seiner früher so reichlich vorhandenen Kräfte. " . . . tiefe Müdigkeit ist an Stelle davon getreten. Ob ich noch einmal von dieser Müdigkeit loskomme?" (13) Immer wieder beklagt Fontane diese große Müdigkeit. Dazu und diese mitbedingend leidet er stärker noch als früher an Schlafstörungen. Oft findet er nur wenige Stunden Schlaf, unterbrochen durch Phasen unruhigen Wachseins. Seine ohnehin geschwundenen Kräfte schwinden weiter, gutgemeinte Aufforderungen, sich durch Wiederaufnahme der Schriftstellerei aus der wachsenden Lethargie zu befreien, überfordern ihn: " . . . Aber alles fordert Kraft, und die habe ich nicht mehr. Schmiedeberg bedeutet mir einen Platz zum Rückzug aus dem Leben, bis zum Erlöschen" (14), schreibt er seinem Freund Georg Friedlaender. Todessehnsüchte werden wach.
Von Suizidgedanken erfahren wir nichts, jedoch verliert der Gedanke an den Tod seinen früheren Schrecken. Der Tod erscheint plötzlich als Helfer, der die ersehnte Ruhe bringen kann. Zwischendurch flackern auch Gedanken an Besserung auf, diese weichen jedoch schnell den Dunkeltiefen der Depressionen. "Könnte ich noch eine Freude in meinem Herzen aufbringen, so wäre mir geholfen; aber leider alles grau in grau, der Trübsinn hat die Oberhand." (18)
Ein typischer circadianer Verlauf mit ausgeprägter Morgentiefe läßt sich aus Fontanes Lebenszeugnissen nicht ablesen. Schwer seien vor allem die Stunden vom zweiten Frühstück bis zum Nachmittagskaffee gewesen, schreibt er an einer Stelle (19), also eher die Tagesmitte. Legt man einen aktuellen Diagnoseschlüssel zugrunde, etwa die klinisch-diagnostischen Leitlinien der ICD-10, so sind die Kriterien zur Stellung der Diagnose "mittelgradige depressive Episode" erfüllt: gedrückte Stimmung, Interessenverlust, Freudlosigkeit und die Verminderung des Antriebs (1).
Versuche zur Behandlung
Fontane verfügte als gelernter Apotheker über eine profunde Kenntnis der damals verfügbaren Medikamente und ihrer Wirkungen. Ihre Möglichkeiten waren ihm vertraut, aber auch ihre Grenzen. Zur Behandlung der Schlafstörungen und der quälenden inneren Unruhe nahm er das damals geläufige Brom ein, dessen Wirkung er wie folgt beschreibt: " . . . Brom nämlich drückt herab und stellt eine süße Dösigkeit her." (11) Allerdings verstärkte sich hierdurch auch die Antriebslosigkeit, und die lähmende Müdigkeit nahm zu. Ein Versuch mit Morphium zur Stimmungsaufhellung hätte beinahe letale Konsequenzen nach sich gezogen: "Gerade vor 14 Tagen vergiftete ich mich mit Morphium - der Apotheker hatte statt 0,05, die verordnet waren, 0,5 genommen, also das Zehnfache - und dieser Zwischenfall brachte mich sehr herunter, . . ."(11)
Auch Fontanes Verhältnis zu Ärzten war durchaus ambivalent und durch seine Erfahrungen als Apotheker mitbeeinflußt. Er konsultierte einige Ärzte, nahm jedoch die gegebenen Ratschläge oft nicht oder nur widerstrebend an. Vom Kuraufenthalt im schlesischen Zillerthal aus suchte er den bekannten Professor Hirt in Breslau auf. Dieser stellte Blutleere im Gehirn fest und verordnete eine elektrische Kur. Nach anfänglich bekundeter Bereitschaft hierzu zögerte Fontane dann aber, zu einer Behandlung erneut nach Breslau zu fahren, und nannte finanzielle Engpässe als Grund dafür.
Der Behandlungsversuch durch Luftveränderung schlug fehl. Mitte September 1892 reiste Fontane mit seiner Frau wieder nach Berlin. Sein Zustand war unverändert schlecht. Somatische Symptome mit Kopfschmerzen und Schwindel stellten sich ein. Fontane entschloß sich doch zur Durchführung einer galvanischen Kur.
Neben diesem technischen Therapeutikum wurde Fontane eine bestimmte Diät verschrieben, deren wirksame Hauptkomponente wohl aus der verordneten Flasche Rotwein bestand, die er täglich zu trinken hatte. Fontane, der beständige Skeptiker und meisterhafte Beherrscher der leisen Ironie, stand auch den ärztlichen Ratschägen, bei allem Respekt vor der Medizin, leicht skeptisch gegenüber. Die Skepsis verstärkte sich dadurch, daß ihm die verschiedenen Ärzte unterschiedliche und teilweise widersprechende Ratschläge gaben. In tagebuchähnlichen Aufzeichnungen berichtet Fontane dem Freund Georg Friedlaender davon. Ein Doktor Max Nordau aus Paris hätte ihn sofort in Behandlung genommen, dabei so ziemlich alles in starken Ausdrücken verwerfend, was der bisherige Arzt angeordnet hatte. " . . . das, was er mir sagte, schien mir auch Unsinn. Heiße Bäder mit Kopfkühlung, immer Kalbfleisch und Hühnerbrust und Hühnerbrühe statt Wein. Bisher hieß es, ich müsse jeden Tag eine Flasche Rothwein trinken. Kurzum eine jammervolle Geschichte. Die galvanische Kur wird auch angezweifelt, was der eine gut findet, findet der andre dumm. Ich habe mich nun drin ergeben, es ist alles das reine Lotto." (20)
Ursachen und Auslöser
Ein unmittelbar auslösendes Ereignis für diese immerhin sich über einen Zeitraum von fast acht Monaten hinziehende depressive Episode läßt sich nicht nachweisen. Weder in den Briefen noch in den Tagebuchaufzeichnungen finden sich Hinweise dafür. Vieles spricht für eine Symptomatik im Sinne des Konzeptes einer endogenen Depression. Ein von Fontane wenig thematisiertes, aber um so tiefer empfundenes Todeserlebnis lag schon lange Zeit zurück. Im September 1887, also fünf Jahre zuvor, war sein ältester Sohn Georg, erst 36jährig, an einer Blinddarmentzündung verstorben.
Erwähnenswert ist, daß es auch schon im Herbst 1879 zu einer tiefen seelischen Erschöpfung gekommen war, mit "tiefster Depression" (3), ein weiterer Hinweis auf das Vorliegen einer rezidivierenden depressiven Störung im Sinne einer endogenen Depression.
Interessant sind die Erklärungen des Dichters selber, welcher nach Gründen für das anhaltende Stimmungstief sucht. Fontane, der es in meisterlicher Weise verstand, seine Romanfiguren psychologisch zu zeichnen und ihre Handlungsmotivation zu begründen, nennt das Gefühl wachsender Vereinsamung als einen möglichen Auslöser. Neben der Vereinsamung scheint für Fontane ein weiterer Faktor bedeutend. Es ist das Sterbealter seines Vaters. Louis Henri Fontane, hugenottischer Abstammung, war Apotheker gewesen. Zu ihm hatte sein Sohn Theodor stets ein besonderes Verhältnis gehabt. Louis Henri Fontane starb im Oktober 1867 im Alter von 72 Jahren. Theodor Fontane glaubte seit langem fest daran, nicht älter als sein Vater werden zu können und im gleichen Alter, also mit 72 Jahren, sterben zu müssen. Nun war gerade dieses Lebensjahr angebrochen, als sich bei ihm die Depressionen einstellten. Die Symptome dieser Erkrankung interpretierte der Dichter wiederum als erste Anzeichen eines nahen Todes, wodurch sich seine These, im gleichen Alter sterben zu müssen wie sein Vater, zu einer fixen Idee steigerte: (5)
Immer enger, leise, leise
Ziehen sich die Lebenskreise,
Schwindet hin,
was prahlt und prunkt,
Schwindet Hoffen,
Hassen, Lieben,
Und ist nichts
in Sicht geblieben
Als der letzte dunkle Punkt.
Die Heilung
Acht Monate schon litt Theodor Fontane an seiner Krankheit, alle bisherigen Heilungsversuche hatten keine Besserung gebracht. Im Gegenteil, noch Anfang Oktober notierte er in seinem Tagebuch: "Heute, nach einer schlaflosen Nacht, geht es mir ganz schlecht. Das Elektrisieren regt mich mehr auf, als es mich beruhigt. Der Kraft-Reservefonds wird immer kleiner. Mein Leben ist sehr qualvoll." (22) Doch bereits am Ende des gleichen Monats, vier Wochen später, besserte sich die Stimmung, und Fontane bekam wieder Vertrauen in seine Wiederherstellung. Es scheint ihm, so schrieb er Julius Rodenberg am 30. Oktober, als sei ihm noch eine Frist gegönnt. Und als sicherstes Zeichen seiner beginnenden Genesung begann er wieder zu schreiben.
Wie ging das vor sich? Was hatte sich ereignet? Friederich Fontane gibt Auskunft. Der Hausarzt Doktor Delhaes hatte sich eingeschaltet und mit dem Kranken ein langes Gespräch geführt. Dessen Inhalt gibt uns Friederich Fontane wie folgt wieder: "Sie sind ja gar nicht krank! Ihnen fehlt nur die gewohnte Arbeit! Und wenn Sie sagen: Ich habe ein Brett vorm Kopf, die Puste ist mir ausgegangen, mit der Romanschreiberei ist es vorbei!, nun, dann sage ich Ihnen: wenn Sie wieder gesund werden wollen, dann schreiben Sie eben was anderes, zum Beispiel Ihre Lebenserinnerungen. Fangen Sie gleich morgen mit der Kinderzeit an! . . ." (6)
Und in der Tat, Fontane griff wieder zur Feder, und in nur etwa 14 Tagen entstanden die ersten vier Kapitel seiner Memoiren: " . . . Ich wählte ,meine Kinderjahre' und darf sagen, mich an diesem Buch wieder gesund geschrieben zu haben." (7)
Dem Freund Georg Friedlaender beschreibt er in einem Brief vom 7. November anschaulich die eingetretene Besserung: "Was mich angeht, so besteht die ganze Differenz darin, daß ich im Sommer viele viele Male nicht eine Stunde geschlafen habe und daß ich jetzt in der angenehmen Lage bin, wieder acht Stunden oder in besonders glücklichen Nächten auch noch eine mehr schlafen zu können. So habe ich denn auch wieder die Kraft heiter zu sein und mich der Heiterkeit andrer freuen zu können." (23)
Bilder aus der Kindheit
Nun kann mit der gleichen Skepsis, die Fontane selber so oft an den Tag legte, behauptet werden, nach achtmonatiger Dauer sei ein spontanes Abklingen einer phasischen Depression durchaus wahrscheinlich, und die wiedereintretende Schaffenskraft sei lediglich Symptom der Heilung, nicht jedoch deren Ursache. Dieses Argument kann nicht ohne weiteres widerlegt werden, jedoch spricht nicht nur Fontanes subjektives Empfinden, sich an den "Kinderjahren" wieder gesund geschrieben zu haben, dagegen. Liest man die "Kinderjahre", insbesondere die frühen Kapitel, so wird deutlich, wie die zuletzt so dunklen Gedanken an den verstorbenen Vater, dessen Todesdatum ihm so große Angst eingejagt hatte, den positiven Vaterbildern der frühen Kindheit weichen. Fontane befreit sich von der düsteren Zwangsvorstellung, sein eigenes Leben sei durch das Todesalter seines Vaters determiniert. Das lebendige Erinnern läßt die frühkindlichen Bilder wieder aufstrahlen und heilsam werden. In vielen psychotherapeutischen Prozessen spielt ein aktives Erinnern an die frühe Kindheit eine wesentliche Rolle. In tiefenpsychologisch fundierten Verfahren ist es der zentrale Aspekt überhaupt. Vielleicht ist - ähnlich wie bei Fontane - ein Teil der Heilungserfolge schon in der Aktivation vertrauter Bilder aus der Kindheit begründet. Insbesondere bei älteren Patienten - aber nicht nur bei diesen - kann eine Ermunterung zum Aufschreiben von Memoiren aus der Kinderzeit eine zusätzliche Hilfe in seelischen Krisen bedeuten.
Von weiteren depressiven Episoden blieb Theodor Fontane bis zu seinem Lebensende 1898 verschont. Der Dichter fand zur alten Schaffenskraft zurück, vollendete "Effi Briest" und schrieb seine Spätwerke, die "Poggenpuhls" und den "Stechlin".


Literaturverzeichnis beim Verfasser


Anschrift des Verfassers
Dr. med. Johannes Wilkes
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Universität Erlangen
Schwabachanlage 10
91054 Erlangen

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