ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2012Ausländische Ärzte: Wie viel Deutsch braucht ein Arzt?

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Ausländische Ärzte: Wie viel Deutsch braucht ein Arzt?

Dtsch Arztebl 2012; 109(42): A-2077 / B-1689 / C-1657

Protschka, Johanna

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Die Landesinitiative NRW zur berufsbezogenen Deutsch-Förderung will die Kommunikationskompetenz ausländischer Ärzte verbessern. Das Interesse daran ist groß.

Die Verständigung zwischen Arzt und Patient ist im Klinikalltag enorm wichtig. Foto: mauritius images
Die Verständigung zwischen Arzt und Patient ist im Klinikalltag enorm wichtig. Foto: mauritius images

Die Zahl ausländischer Ärzte in Deutschland steigt kontinuierlich. 24 595 ausländische Ärzte waren 2011 hierzulande tätig und damit 3 039 mehr als 2010. Das entspricht einem Zuwachs von zwölf Prozent. Auf der einen Seite ist das eine positive Entwicklung, da sich der Ärztemangel wohl weiter verschärfen wird. Etwa 1 000 Arztstellen sind allein in den Krankenhäusern Nordrhein-Westfalens (NRW) unbesetzt, 3 800 sind es deutschlandweit laut Krankenhausbarometer. Auf der anderen Seite ist das im Arbeitsalltag mit Schwierigkeiten verbunden, die ihren Ursprung auch in den sprachlichen Unsicherheiten der Neuankömmlinge haben. Die Landesinitiative NRW zur berufsbezogenen Deutschförderung von ausländischen Ärztinnen und Ärzten will dieses Problem nun angehen. Die Initiative besteht aus den Ärztekammern Nordrhein und Westfalen-Lippe, der Krankenhausgesellschaft NRW, dem Landeszentrum Gesundheit NRW sowie den Ministerien für Gesundheit und Wissenschaft. Sie koordiniert spezielle Sprachförderkurse für Krankenhausmitarbeiter. Die Fördermittel stellt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über den Europäischen Sozialfonds zur Verfügung.

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Das Sprachniveau B2 reicht nicht aus

Entsprechend dem europäischen Referenzrahmen müssen Ärzte, um in ihrem Beruf tätig zu sein, das Sprachniveau B2 nachweisen. Dass das für den Klinikalltag ausreicht, bezweifeln jedoch immer mehr Mediziner. Der Marburger Bund forderte im Mai auf seiner Haupt­ver­samm­lung, dass das Sprachniveau mindestens dem Level C1 entsprechen müsse. Dazu sollte man wissen: Das Level B2 verlangt das Verständnis der Hauptinhalte von komplexen Texten und die selbstständige Sprachverwendung. Das Level C1 fordert darüber hinaus eine kompetente Sprachverwendung, so dass auch ein Verständnis zwischen den Zeilen möglich ist. Eine Fähigkeit, die beispielsweise für ein Patientengespräch enorm wichtig werden kann.

„Heilkunst braucht Sprachkunst. Das Sprachlevel B2 darf nicht das Endprodukt der Sprachqualifikation bleiben“, bemerkte deshalb Jürgen Herdt von der Stabsstelle Planung und Entwicklung der Ärztekammer Westfalen-Lippe Anfang Oktober im Kongresszentrum St.-Vincenz-Gruppe Ruhr in Herne. Im St.-Anna-Hospital der St.-Vincenz-Gruppe läuft im Moment das Pilotprojekt des Sprachqualifikationskonzepts an. Insgesamt haben 15 Prozent der 300 Ärzte und mehr als 25 Prozent der Chefärzte der St.-Vincenz-Gruppe Ruhr einen Migrationshintergrund. Prof. Dr. Georgios Godolias, Direktor des Zentrums für Orthopädie und Unfallchirurgie, ist von dem Konzept in jedem Fall überzeugt: „Wenn ein Arzt seine Approbation mit dem B2-Level erhält und wir werfen ihn am nächsten Tag einfach in den Alltag hinein, in dem er einwandfrei diktieren, kodieren und Patientengespräche führen soll, dann kann das nicht funktionieren.“ Deshalb brauche man eine derartige Förderung, sagt der Direktor. Auch innerhalb des B2-Levels gebe es große Unterschiede, das dürfe man nicht unterschätzen.

Marlies Bredehorst, Staatssekretärin im Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter NRW, hält die Sprachförderung auch für einen wichtigen Teil der Integration: „Wir haben immer noch keine ordentliche Willkommenskultur in Deutschland, auch nicht im Gesundheitswesen. Das wollen wir mit dieser Initiative verändern.“ Der größte Zustrom an ausländischen Ärzten konnte 2011 aus Rumänien verzeichnet werden, gefolgt von Ungarn, Griechenland und Österreich. Insgesamt stammen 73,5 Prozent der ausländischen Ärzte aus Europa, 17,8 Prozent kommen aus Asien, 4,8 Prozent aus Afrika und drei Prozent aus Amerika.

Johanna Protschka

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