ArchivDeutsches Ärzteblatt42/2012Körperbilder: Kiki Smith (*1954) – Fruchtbar und nährend

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Kiki Smith (*1954) – Fruchtbar und nährend

Dtsch Arztebl 2012; 109(42): [76]

Schuchart, Sabine

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Seit jeher verbinden Mensch und Tier enge religions- und kulturgeschichtliche Bande. Hirschkühe waren in der keltischen Mythologie heilige Tiere und symbolisierten Fruchtbarkeit und Wachsamkeit. In der Antike stand ein Hirsch der Jagdgöttin Artemis zur Seite, sie selbst soll einst eine Hirschgestalt gehabt haben. Im Christentum kam die Tradition des Alten Testaments zum Tragen, das im Durst des Hirschen ein Zeichen für die menschliche Sehnsucht nach Gott sah. Das Geweih des Hirschen als Baum des Lebens und Sinnbild der Erneuerung, ein uraltes Motiv der Naturvölker, wurde wieder aufgegriffen.

Kiki Smith: „Born“, 2002, Bronze, 100 × 256,5 × 61 cm, Edition 3/3: Eine junge Frau gleitet aus dem Leib einer Hirschkuh, als ob sie gerade geboren würde. Nur noch ihr rechter Fuß steckt im Inneren des Tiers, ihr Rumpf liegt bereits auf dem Boden. Sie hat ihren Kopf angehoben und scheint bald in der Lage zu sein, selbstständig aufzustehen. Seit Mitte der 1990er Jahre inszeniert die US-Künstlerin Kiki Smith den menschlichen Körper im Kontext mythologischer und religiöser Erfahrungen. © Speyer Family Collection, New York; Foto: Kerry Ran McFate, courtesy The Pace Gallery
Kiki Smith: „Born“, 2002, Bronze, 100 × 256,5 × 61 cm, Edition 3/3: Eine junge Frau gleitet aus dem Leib einer Hirschkuh, als ob sie gerade geboren würde. Nur noch ihr rechter Fuß steckt im Inneren des Tiers, ihr Rumpf liegt bereits auf dem Boden. Sie hat ihren Kopf angehoben und scheint bald in der Lage zu sein, selbstständig aufzustehen. Seit Mitte der 1990er Jahre inszeniert die US-Künstlerin Kiki Smith den menschlichen Körper im Kontext mythologischer und religiöser Erfahrungen. © Speyer Family Collection, New York; Foto: Kerry Ran McFate, courtesy The Pace Gallery

Auch die in New York lebende Künstlerin Kiki Smith bedient sich in ihrer Skulptur „Born“ der alten Mythen und Allegorien. Die im Verhältnis zum lebensgroßen nackten Körper der Frau kleine Hirschkuh zeigt sie als gebärende Mutter. Ohne Zeichen von Anstrengung oder Erschöpfung bringt diese ein ausgewachsenes weibliches Wesen zur Welt. Als menschliche Protagonistin hat Smith den Archetyp einer Frau gewählt, die verfemt wurde und diese Prüfung mit Mut und Stärke bestand: die heilige Geneviève, asketische, kämpferische Schutzpatronin von Paris. Die Kunsthistorikerin Christina Anna Lehnert, kuratorische Assistentin an der Kunsthalle Bielefeld, wo „Born“ derzeit ausgestellt ist, sieht zudem einen Bezug zur volkstümlichen Legende der heiligen Geneviève von Brabant: Als verurteilte Ehebrecherin floh sie in den Wald und wurde mit ihrem Kind von der Gottesmutter Maria mittels einer Hirschkuh genährt. Das Motiv des Nährens und Schützens findet bei Kiki Smith ebenso Ausdruck wie die biblische Vorstellung vom Paradies, in dem Mensch und Tier in vollkommener Harmonie leben.

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Im Gegensatz zu ihren frühen, oftmals schockierenden Darstellungen des menschlichen Körpers, seiner Organe und Flüssigkeiten konfrontiert sie in ihrer traditionellen Bronzeplastik den Betrachter mit historisch aufgeladenen Metaphern und einem ungewöhnlichen, fantastischen Motiv: der Transformation vom Sein im Mutterleib zur selbstständigen Existenz in der Welt. Der fließende Übergang zwischen Mensch und Tier, zwischen Säugling und fertigem Körper provoziert viele Assoziationen. Es ist ein mystisches Universum, ein Kosmos der Märchen und Träume, in den sie uns versetzt und auffordert, unsere Wurzeln und unseren Platz in der Welt zu reflektieren. Sabine Schuchart

Ausstellung

„Kiki Smith/Seton Smith/Tony Smith“

Kunsthalle Bielefeld, Artur-Ladebeck-Straße 5, 33602 Bielefeld
www.kunsthalle-bielefeld.de
Di.–So. 11–18, Mi. 11–21, Sa. 10–18 Uhr
bis 25. November

Friedrich Meschede (Hrsg.): „Kiki Smith, Seton Smith, Tony Smith“,
Katalog, gebundene Ausgabe, Kerber Verlag 2012, 248 Seiten, 45 Euro.

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