ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2012Hauttumoren nach Nierentransplantation: Sirolimus ist eine Option bei Patienten mit Hauttumoren

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Hauttumoren nach Nierentransplantation: Sirolimus ist eine Option bei Patienten mit Hauttumoren

Dtsch Arztebl 2012; 109(43): A-2136 / B-1742 / C-1710

Siegmund-Schultze, Nicola

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Mehr als die Hälfte der Organempfänger entwickeln im Langzeitverlauf Hauttumoren, vor allem nicht-melanozytäre wie Basalzell- und Plattenepithelkarzinome (SCC). Das Risiko ist bis zu 65-mal höher als in der Normalbevölkerung. Plattenepithelkarzinome wachsen bei Organempfängern aggressiver mit früherer Invasivität und höherem Metastasierungspotenzial: Bei 60 bis 80 % der Patienten mit SCC findet man innerhalb von 3 Jahren nach Diagnosestellung weitere Hauttumoren. Als Auslöser gelten die geschwächte, immunologische Tumorkontrolle und eine direkte Wirkung bestimmter Arzneimittel wie Calcineurininhibitoren (CNI), die unabhängig vom Immunsystem die maligne Entartung von Zellen fördern. Eine Gruppe europäischer Zentren hat untersucht, ob sich bei Nierenempfängern, die unter einer Erhaltungstherapie mit CNI an einem Plattenepithelkarzinom erkrankt waren, durch Umstellung auf Sirolimus der Entwicklung weiterer Hauttumoren vorbeugen lässt. Von mTOR-Inhibitoren werden Antitumoreffekte postuliert, indem sie Proliferation, Überleben und Mobilität von Zellen regulieren und die Gefäßneubildung hemmen.

Aufgenommen in die Phase-III-Studie wurden Patienten mit stabiler Transplantatfunktion, bei denen mindestens eine durch ein nichtinvasives SCC verursachte Hautläsion diagnostiziert worden war. 120 Patienten wurden 1 : 1 randomisiert in eine Gruppe, die weiterhin CNI-Inhibitoren (Ciclosporin oder Tacrolimus) erhielt, und eine zweite, die von CNI auf Sirolimus umgestellt wurde (Zielwerte: 6 bis 12 ng/ml). Der Switch erfolgte entweder binnen 7 Tagen (rasche Umstellung) oder über längere Zeit (langsame Umstellung).

Neue SCC traten bei 22 % in der Sirolimus-Gruppe auf und bei 39 % im CNI-Arm, ein statistisch signifikanter Unterschied (p = 0,02; relatives Risiko für Sirolimus: 0,56; mediane Zeit nach Randomisierung bis zum Auftreten des Tumors 15 vs. 7 Monate). Unter Sirolimus traten 60 schwere unerwünschte Effekte auf wie Pneumonitis, Bronchitis, Harnwegsinfekte und ungeklärte Fieberschübe, vor allem bei Patienten mit rascher Umstellung. Im CNI-Arm gab es 14 schwere unerwünschte Effekte. Das Verhältnis von Nutzen und Risiko unter Sirolimus wurde günstiger durch niedrigere Dosierung und eine langsame, unmittelbar auf die Malignomdiagnose folgende Umstellung.

Wahrscheinlichkeit für Überleben ohne zweites Plattenepithelkarzinom unter verschiedenen Immunsuppressiva-Regimen
Wahrscheinlichkeit für Überleben ohne zweites Plattenepithelkarzinom unter verschiedenen Immunsuppressiva-Regimen
Grafik
Wahrscheinlichkeit für Überleben ohne zweites Plattenepithelkarzinom unter verschiedenen Immunsuppressiva-Regimen

Fazit: „Die jetzige Studie hat in einem kontrollierten Ansatz mit einem Tumorrezidiv als primären Endpunkt gezeigt, dass sich ein Umstellungsversuch auf Sirolimus als Sekundärprophylaxe bei einem SCC lohnt“, kommentiert Dr. Wolfgang Arns, Leiter des Transplantationsprogramms der Universitätsklinik Köln. Nach der Umstellung auf Sirolimus wurden keine Abstoßungsreaktionen beobachtet, wie dies in vielen anderen Untersuchungen berichtet wurde. Allerdings traten einige Nebenwirkungen auf, die ein differenziertes Nachsorgemanagement erforderlich machen. Der Anstieg der Proteinurie bei Wechsel von einem mTOR-I auf einen CNI sei bis zu einem gewissen Grade pharmakologisch erklärbar, kommentiert Arns. In der Hand eines in der Transplantation erfahrenen Nephrologen sei die Umsetzung auf Sirolimus ein sicheres Therapieverfahren, von dem der Patient mit einem Hauttumor profitieren könne: „Diese Therapiealternative sollte einem betroffenen Patienten nicht vorenthalten werden.“

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Euvrard S, Morelon E, Rostaing L, et al.: Sirolimus and secondary skin-cancer prevention in kidney transplantation. NEJM 376; 2012: 329–39. MEDLINE

Wahrscheinlichkeit für Überleben ohne zweites Plattenepithelkarzinom unter verschiedenen Immunsuppressiva-Regimen
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