ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2012Knochenbrüche bei Kindern: Gefährliche Trendsportarten

MEDIZINREPORT

Knochenbrüche bei Kindern: Gefährliche Trendsportarten

Dtsch Arztebl 2012; 109(43): A-2133 / B-1739 / C-1707

Blaeser-Kiel, Gabriele

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Die Frakturbehandlung bei Kindern birgt Fehlerquellen, nicht selten kommt es im Anschluss zu Klagen. Präzise Kenntnisse der Epidemiologie, Röntgenanatomie und der Wachstumseigenschaften gesunder und verletzter Knochen sind erforderlich.

Im Rausch der Geschwindigkeit: Bei Mädchen ereignen sich drei Viertel der Frakturen vor dem neunten Lebensjahr, bei Jungen bis zum Alter von zwölf Jahren. Foto: picture alliance
Im Rausch der Geschwindigkeit: Bei Mädchen ereignen sich drei Viertel der Frakturen vor dem neunten Lebensjahr, bei Jungen bis zum Alter von zwölf Jahren. Foto: picture alliance

Alles was mit hoher Geschwindigkeit einhergeht, ist bei Kindern und Jugendlichen bekanntlich „hipp“, aber auch sehr unfallträchtig. Das gelte umso mehr, wenn es mit Mountain-Bikes, Inline-Skates, Heelys, Skate- oder Snowboards „downhill“ gehe, sagte Prof. Dr. med. Lucas Wessel vom Universitätsklinikum Mannheim auf der 50. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie in Hamburg.

Laut einer populationsbasierten Studie in Finnland hat die Fraktur-inzidenz bei den unter 15-Jährigen in den vergangenen Jahren zwar signifikant abgenommen, gleichzeitig ist jedoch die Zahl der Unter- und Oberarmbrüche um etwa 30 respektive 40 Prozent angestiegen, was nach Dafürhalten von Wessel wahrscheinlich auf das Konto der Trendsportarten geht (1).

Wo und bei welcher Gelegenheit die Unfälle auftreten, hängt stark vom Geschlecht und Alter der Kinder ab. Erwartungsgemäß haben Jungen häufiger Frakturen als Mädchen (Verhältnis 2 : 1). In der warmen Jahreszeit am häufigsten betroffen sind mit 50 bis 75 Prozent die oberen Extremitäten – vor allem in Ellbogennähe und an den Unterarmen in Handgelenksnähe. Im Winter steigt die Häufigkeit von Kopfverletzungen sowie von Unterschenkel- und Sprunggelenksfrakturen durch Snowboard-Unfälle.

Als sehr gefährlich schätzt Wessel Trampoline ein, vor allem solche ohne Fangnetz oder sonstige Schutzvorrichtung. Ein hohes Unfallrisiko bestehe besonders dann, wenn Kinder unterschiedlichen Alters und Körpergewichts gleichzeitig sprängen. Durch die Sprungkraft der Großen würden die Kleinen geradezu herauskatapultiert und könnten sich an allen Extremitäten schwerste Verletzungen zuziehen. Gefürchtet seien in solchen Situationen auch Schädelfrakturen, die unter Umständen mit Substanzverletzungen und Hirnhautblutungen einhergingen.

Frakturen sind bei Kindern häufiger als bei Erwachsenen, weil bei ihnen die Kortikalis noch wesentlich dünner ist und ihr Skelett damit weniger stabil ist. Da die Knochen aber elastischer sind, heilen die Brüche jedoch schneller als bei älteren Menschen. Leider würden 60 bis 70 Prozent der Frakturen im Wachstumsalter nicht von Kinderchirurgen versorgt, kritisierte Wessel. Versorge man jedoch Kinder wie Erwachsene, sei die Gefahr einer Übertherapie sehr groß (2).

Während bei Erwachsenen fast alle Brüche operiert werden, genügen bei Kindern meist ein Gips und regelmäßige Frakturkontrollen. Denn nahe der Wachstumsfugen korrigiert der Knochen etwaige Fehlstellungen selbst, indem er weiter wächst. Die Situation jeweils richtig einzuschätzen, erfordere präzise Kenntnisse der Epidemiologie, Röntgenanatomie und der Wachstumseigenschaften gesunder und verletzter Knochen, betonte Wessel und verwies auf die Zahlen der Schlichtungsstellen der Deutschen Ärztekammern (3).

Klagen in Zusammenhang mit der Frakturbehandlung im Wachstumsalter waren zwischen 2002 und 2007 mit jährlich etwa 24 Fällen nicht nur zahlenmäßig am häufigsten, sondern die Anerkennungsquote war mit 62 Prozent auch etwa doppelt so hoch wie im Durchschnitt aller Schlichtungsverfahren.

Bestätigte Fehler betrafen ungenaue klinische Befunderhebung, Fehldeutung des Röntgenbildes, dem Frakturmuster nicht angemessene konservative oder operative Behandlung und unterlassene oder unzureichende Frakturkontrolle. Am höchsten war die Fehlerquote mit 77 Prozent bei der Behandlung von Frakturen in der Nähe des Ellenbogengelenks.

Gabriele Blaeser-Kiel

1.
Mäyränpää MK, et al.: Decreasing incidence and changing pattern of childhood fractures: A population—based study. J Bone Miner 2010; 25: 2752–9. MEDLINE
2.
Kraus R, Wessel L: Frakturbehandlung an der oberen Extremität bei Kindern und Jugendlichen. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(51–52): 903–10. VOLLTEXT
3.
Vinz H, Neu J: Arzthaftpflichtverfahren nach Frakturbehandlung bei Kindern: Erfahrungen der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(30): 491–8. VOLLTEXT
1. Mäyränpää MK, et al.: Decreasing incidence and changing pattern of childhood fractures: A population—based study. J Bone Miner 2010; 25: 2752–9. MEDLINE
2.Kraus R, Wessel L: Frakturbehandlung an der oberen Extremität bei Kindern und Jugendlichen. Dtsch Arztebl Int 2010; 107(51–52): 903–10. VOLLTEXT
3.Vinz H, Neu J: Arzthaftpflichtverfahren nach Frakturbehandlung bei Kindern: Erfahrungen der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(30): 491–8. VOLLTEXT

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