ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2012Randnotiz: Auf dünnem Eis
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. . . Es ist anzuerkennen, dass die Autorin darüber Bescheid weiß, dass im Lateinischen einmal ein siebter Fall existierte (das wissen nicht alle, die Latein gelernt haben), doch ansonsten bewegt sie sich mit ihren historischen, erkenntnistheoretischen und linguistischen Kenntnissen offenkundig auf dünnem Eis. Glaubt Frau Protschka wirklich, dass die Sprache der Vorlesungen im Mittelalter das hochelaborierte Latein Ciceros war (zu dessen Zeit es den Lokativ übrigens bereits auch nicht mehr gab)? Es war vielmehr ein stark vereinfachtes, zu einem formelhaften Idiom erstarrtes Latein, mittels dessen das vorhandene Wissen kompiliert und immer wieder neu aufbereitet werden konnte, das aber für kreative Denkprozesse völlig ungeeignet war. Das ist der Grund, warum die empirischen Wissenschaften erst zu dem Zeitpunkt ihren Siegeszug antraten, als die lateinische lingua franca zugunsten der Vernakularsprachen aufgegeben wurde.

Wenn also Frau Protschka „die Entwicklung des wissenschaftlichen Fortschritts“ am Herzen liegt, sollte sie bedenken, dass gerade die Einengung auf ein Einheitsidiom den Fortschritt behindert. Denn Sprache ist ein wichtiges kognitives Werkzeug für den Erkenntnisprozess im internen Wissenschaftsbetrieb. Was hingegen Sprache als kommunikatives Werkzeug betrifft, ist auf internationaler Ebene ein gemeinsames Verständigungsmedium ohne jeden Zweifel zwingend erforderlich, und niemand – auch nicht der Arbeitskreis Deutsche Sprache in der Medizin oder der Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache – wird sich hier dem Englischen verschließen . . . Zum Glück haben viele Institutionen den Wert der Einzelsprachen für den Erkenntnisfortschritt inzwischen erkannt. Beispielsweise wendet sich die HRK in einem Empfehlungspapier von 2011 gegen den Ausschließlichkeitsanspruch des Englischen an deutschen Hochschulen, und auch der DAAD bekennt sich in seinem Memorandum von 2010 zur Förderung der deutschen Wissenschaftssprache. Das DÄ zeigt sich mit seinem Kommentar nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

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Prof. Dr. med. Ralph Mocikat, Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache e. V. (ADAWIS), 82131 Gauting

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