ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2012Grippeschutz: Rabatte mit Nebenwirkungen

SEITE EINS

Grippeschutz: Rabatte mit Nebenwirkungen

Dtsch Arztebl 2012; 109(43): A-2103 / B-1715 / C-1683

Gerst, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Bei der Verordnungsberatung der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) laufen die Telefone heiß. Ärzte fragen nach, was sie tun können, um an Grippeschutzimpfstoffe zu kommen. Viele gesetzlich krankenversicherte Patienten nicht nur in Bayern, sondern auch in Hamburg und Schleswig-Holstein, die zur Grippeschutzimpfung in die Praxen kommen, müssen wieder nach Hause geschickt werden, weil ein zulässiger Impfstoff nicht verfügbar ist. Dabei empfiehlt die Ständige Impfkommission für Risikogruppen die Impfung in den Monaten Oktober oder November, um rechtzeitig zum Beginn der Influenzawelle geschützt zu sein. In Baden-Württemberg sind dem Landesgesundheitsamt inzwischen die ersten Grippefälle gemeldet worden – Vorboten einer Grippewelle, bei der in diesem Winter nach den Erfahrungen in Australien mit einem schweren Verlauf zu rechnen ist. Man sollte jetzt kein Horrorszenario heraufbeschwören, aber offensichtlich läuft hier gerade etwas gründlich schief. Über mögliche Folgen – sprich vermeidbare Krankheits- oder gar Todesfälle wegen unterbliebener Grippeschutzimpfung – kann vorerst nur spekuliert werden.

Thomas Gerst, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Thomas Gerst, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Dabei haben die Krankenkassen nichts anderes getan, als eine Kann-Bestimmung des 2011 in Kraft getretenen Arznei­mittel­markt­neuordnungs­gesetzes umzusetzen. Nach § 132 e SGB V können sie zur Versorgung ihrer Versicherten mit Impfstoffen Rabattverträge mit einzelnen pharmazeutischen Unternehmen schließen. „Soweit nicht anders vereinbart, erfolgt die Versorgung der Versicherten ausschließlich mit dem vereinbarten Impfstoff“, heißt es dort. Die Krankenkassenverbände in Bayern und Norddeutschland haben auf dieser Grundlage mit Novartis Vaccines Rabattverträge über die Lieferung eines Grippeimpfstoffs für die Impfsaison 2012/13 geschlossen. Über die Höhe des Preisnachlasses für den Vertragsimpfstoff Begripal kann man wie auch bei den Arzneimittelrabattverträgen lediglich spekulieren.

Anzeige

Die Mitbewerber waren für diese Impfsaison von der Versorgung der GKV-Versicherten mit Grippeimpfstoff ausgeschlossen. Logische Folge: Anbieter, die nicht zum Zuge kamen, drosselten die recht aufwendige Produktion von nur kurzfristig verwertbaren Grippeimpfstoffen. Anfang Oktober teilte Novartis Vaccines mit, was in den Impfpraxen in Bayern und Norddeutschland schon seit längerem absehbar war: Entgegen bisheriger Ankündigungen werde sich die Lieferung des Vertragsimpfstoffes „nach derzeitigem Erkenntnis- und Produktionsstand“ bis Ende November, Anfang Dezember verzögern.

Für einen wirksamen Grippeschutz ist dies zu spät. Dass nun die Krankenkassen andere Impfstoffe zur Verwendung freigeben, ist nur bedingt hilfreich. Diese seien, berichtet die KVB, bislang nicht in ausreichender Menge und flächendeckend in ganz Bayern verfügbar. Der Bayerische Ärztetag forderte vor diesem Hintergrund, die gesetzlichen Bestimmungen, die solche Anbietermonopole bei Impfstoffen ermöglichen, zu streichen. Gerade bei dem saisonalen Spitzenbedarf von Grippeimpfstoff sei es unverantwortlich, sich ausschließlich von einem Pharmahersteller abhängig zu machen. Angesichts der aktuellen Entwicklung wird der Gesetzgeber sich damit auseinandersetzen müssen, ob er Rabatte um jeden Preis will. Das sollte er möglichst rasch tun, bevor Menschenleben zu beklagen sind.

Thomas Gerst
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema