ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2012„Liebe“: Unbehagen über ein Meisterwerk

KULTUR

„Liebe“: Unbehagen über ein Meisterwerk

Müller-Lissner, Adelheid

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Gedanken zu Michael Hanekes Film „Liebe“ – der unter Ärzten und Pflegekräften Beachtung finden sollte

Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) in einer Szene des mit der Goldenen Palme prämierten Films „Liebe“. Foto: dpa
Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) in einer Szene des mit der Goldenen Palme prämierten Films „Liebe“. Foto: dpa

Liebe“ heißt der neue Film des österreichischen Regisseurs Michael Haneke. Vor wenigen Wochen ist er in Deutschland angelaufen, in Cannes wurde er mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Ein cineastisches Meisterwerk, nicht allein wegen der Bilder und Schnitte, der großartigen Schauspieler und der ruhigen Art des Erzählens, sondern auch, weil dies alles einem gewaltigen Thema gilt: das Paar und die Krankheit zum Tode. Wie der Film dieses Thema behandelt, darüber sollten sich auch Ärzte eine Meinung bilden. Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) sind über 80, großbürgerliche Musikwissenschaftler mit einer geräumigen Altbauwohnung mitten in Paris. Ein Leben voller Kultur, voller gemeinsamer Interessen. Unterbrochen wird es, als die Frau einen Schlaganfall erleidet und im Krankenhaus landet. Ein Eingriff, der Schlimmeres verhindern soll, schlägt fehl. Anne kommt im Rollstuhl wieder nach Hause, sie nimmt ihrem Mann ein Versprechen ab: Lass mich zu Hause sterben.

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Die männliche Hauptperson des Films übernimmt die Pflege, die Rehabilitation einer halbseitig gelähmten Partnerin. Ein zweiter Schlaganfall macht sie zum „Pflegefall“. Sie liegt nun im Bett, braucht Windeln, spricht unverständlich, muss gefüttert werden, schreit immer wieder. Eine Pflegerin wird eingestellt. Materielle Sorgen scheint es nicht zu geben. Die Tochter des Paars (Isabelle Huppert) kommt zu Besuch, erregt sich, will, dass mehr für die Mutter getan wird. Eine zweite Pflegekraft wird eingestellt, doch schnell wegen Unfähigkeit und mangelnder Empathie wieder entlassen. Das freundliche Concierge-Ehepaar bringt Lebensmittel in die Wohnung, bietet weitere Hilfe an. Ansonsten ist der Mann allein mit der Schwerkranken, über Monate. Es wird für ihn immer aufreibender, seine Frau zum Essen zu bewegen. Dazu diese Schreie.

Schließlich erstickt er seine Frau im gemeinsamen Ehebett mit dem Kopfkissen. Mit der gesunden Körperhälfte kämpft sie unter der Bettdecke gegen die Gewalt an. Mord? Totschlag? Aktive Sterbehilfe? Tötung auf Verlangen? Ich fürchte, Haneke meint: „Liebe“ – und zwar ohne Fragezeichen. Ich fürchte, er will sagen: Es gab keine andere Lösung. Auch den Zuschauer hat er fast so weit, das zu glauben: Dieser Ehemann hat wirklich alles gegeben. Und damit möglicherweise zu viel. Denn am Ende blieb ihm nichts mehr übrig, nichts anderes als diese Handlung, die im Film ganz realistisch dargestellt wird. Einen Ausweg gibt es hier nicht.

Spätestens wenn man das Kino verlässt, kommt mit dem Sonnenlicht aber auch das Zeitalter der Aufklärung zurück. Dann weiß man plötzlich, was in dieser Geschichte alles ausgespart bleibt – und man fühlt das Unbehagen darüber, dass der Regisseur uns nicht alles gegeben hat. Warum sprechen Vater und Tochter nicht darüber, was die Mutter noch miterlebt, ob ihre neurologischen Ausfälle die Sprache oder auch das Denken betreffen? Warum fragt keiner den Arzt? Warum holt der Ehemann sich nicht mehr Hilfe und Entlastung? Könnte das Schreien nicht Schmerzen signalisieren, die mit Medikamenten zu bekämpfen wären? Und selbst wenn hohe Morphingaben das Leben verkürzen sollten, was ja gar nicht sicher ist: Wäre palliative Sedierung und „indirekte Sterbehilfe“ nicht tausendmal besser als das, was hier passiert?

Die Ehrfurcht vor einem Meisterwerk bestimmte bisher die Kritik in den Feuilletons. Palliativmedizinische Fragen könnten im Vergleich dazu kleinlich erscheinen. Annes gewaltsames Ende zeigt, dass sie es nicht sind. Ohne Kommentar können Ärzte und Pflegekräfte das nicht so stehen lassen: Dass es von wahrer Liebe zeugen würde, die Zweisamkeit am Ende so konsequent und ausschließlich zu leben. Bis zur Überforderung.

Adelheid Müller-Lissner

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