ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2012Intersexualität: Gegen Vorurteile, Halbwissen und Inhaltsleere

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Intersexualität: Gegen Vorurteile, Halbwissen und Inhaltsleere

Dtsch Arztebl 2012; 109(44): A-2199

Behrens, Stefan

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Wenn man sich mit dem Thema Intersexualität auf psychologischer, psychotherapeutischer oder psychiatrischer Ebene beschäftigt, stößt man in der nur spärlich gesäten Forschungslandschaft immer wieder auf einen Namen: Hertha Richter-Appelt. Standardliteratur gibt es bislang keine eindeutige, und auch der Forschungszweig wirkt insgesamt sehr jung. Vielleicht kommt es daher, dass das Buch für ein umso mehr gewecktes Interesse sorgte. Da es allgemein an Konsistenz und Konsens zu diesem Thema zu fehlen scheint und es immer wieder gilt, Vorurteilen, Halbwissen und Inhaltsleere entgegenzuarbeiten, bietet genau diese umfassende Sammlung an Grundlagen einen guten Einstieg in die Materie.

Die medizinischen Einordnungen und Klassifikationen von Geschlecht und psychosexueller Entwicklung gehören zum Schwerpunkt des einführenden Kapitels. Mit zusätzlichem Blick auf die rechtlichen Hintergründe bildet dies einen guten und soliden Einblick in die medizinische Einordnung und Behandlungsindikation „zwischengeschlechtlicher“ Menschen. Das anschließende Kapitel „Individuelle und kollektive Erfahrungen“ vermittelt diskursive Grundlagen zu den gegenwärtig an zunehmender Bedeutung gewinnenden psychologischen und sozialwissenschaftlichen Aspekten. Dazu zählen sexuelle Lebensqualität, elterliche Festlegung des Geschlechts oder Körper- und Geschlechtserleben. Das Kapitel „Perspektiven und Positionen“ beschäftigt sich mit einer eher anwendungsorientierten psychotherapeutischen Sicht auf die (psychoanalytische) Entwicklungstheorie der Geschlechtsidentität und den damit verbundenen typischen Schwierigkeiten in der Ausbildung eines Genders bei Intersexuellen.

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In den Erläuterungen zur psychotherapeutischen Unterstützung der individuellen Entwicklung hin zu einem „reiferen Ich“ werden vor allem die Vorstellungen (und narzisstischen Kränkungen) der Eltern hinsichtlich der zur Ausbildung der eigenen Geschlechtsidentität erforderlichen Autonomie betont. Dies stellt die weit verbreitete Akzeptanz einer frühen und durch die Eltern bestimmten chirurgischen „Korrektur“ hin zu einem „eindeutigen“ Geschlecht massiv infrage und bildet somit eine entscheidende These im Umgang mit Intersexualität, die Richter-Appelt bereits seit langem auch gegen große Widerstände vehement vertritt und hier nochmals kompetent zur Diskussion stellt. Im abschließenden Kapitel werden auf dem bis dahin präsentierten Wissensstand beinahe sämtliche Ergebnisse und Positionen noch einmal kontrovers diskutiert. Hier zeichnen sich im Verständnis um Intersexualität nochmals die Schwächen wie auch Stärken der verschiedenen Positionen ab.

Zusammenfassend eignet sich das Buch nicht nur als Einstieg in die Auseinandersetzung mit diesem Thema, sondern es bildet darüber hinaus einen soliden Überblick über die damit verbundenen medizinischen wie auch psychologischen Auffälligkeiten und Schwierigkeiten. Die Behandlungsansätze und theoretischen Blickwinkel sind stets auf einem hohen evidenzbasierten Niveau und geben neben der zielorientierten Diskussion vielerorts einen Ausblick auf noch weitere Studien und Fragestellungen. Stefan Behrens

Katinka Schweizer, Hertha Richter-Appelt (Hrsg.): Intersexualität kontrovers. Grundlagen, Erfahrungen, Positionen. Psychosozial-Verlag, Gießen 2012, 460 Seiten, kartoniert, 39,90 Euro

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