ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2012Randnotiz: Ohne Herz und Hirn

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Randnotiz: Ohne Herz und Hirn

Dtsch Arztebl 2012; 109(44): A-2157 / B-1761 / C-1729

Hibbeler, Birgit

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Es war kalt letzte Nacht. Wer an Mütze und Schal gedacht hat, freut sich. Wer die Kälte unterschätzt hat, zieht die Schultern an die Ohren, als könnte das genauso wärmen. Es sind die ersten kalten Nächte, in denen die U-Bahn-Haltestellen zu beliebten Anlaufpunkten werden. Wer kein Dach überm Kopf hat, versucht wenigstens, ein Eckchen im Halbwarmen zu ergattern.

An diesem Morgen machen drei Uniformierte ihre Runde in der Haltestelle am Kölner Hauptbahnhof. Es sind keine Polizisten, sondern Angestellte der lokalen Verkehrsbetriebe. Sie stoppen an einem Haufen aus Decken, der in einer Ecke neben den Rolltreppen liegt. Darunter befindet sich offenbar ein Mensch, der sich nicht rührt. Schon bleiben erste Passanten stehen. „Ey, der ist tot“, sagt ein Jugendlicher und rammt das angewinkelte Ellenbogengelenk in die Flanke seines Kumpels.

Die Uniformierten stehen etwas ratlos da. Zu dem Mann am Boden halten sie einen gewissen Abstand. „Bist du noch ansprechbar?“, will einer von ihnen wissen. Sicherlich keine besonders sinnvolle Frage. Besser wäre wohl: „Hallo, können Sie mich hören?“ Und man fragt sich, was als Nächstes kommt. Vielleicht: „Ist dein Puls tastbar?“ Die Männer der Verkehrsbetriebe sind anscheinend nicht gut geschult für solche Situationen.

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Der Mann ist nicht tot. Die Decke fängt an, sich zu bewegen. Ein Gesicht taucht auf. Vielleicht wollte er einfach noch etwas schlafen. Vielleicht hatte er aber auch keine Lust, mit Menschen zu reden, die ihn einfach so duzen, obwohl sie ihn nicht kennen. Sie duzen ihn, weil er da unten liegt und sie etwas mehr Glück hatten im Leben. Manchmal ist die Welt herz- und hirnlos.

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