ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 4/2012Cloud Computing: Bessere Kooperation mit den Zuweisern

SUPPLEMENT: PRAXiS

Cloud Computing: Bessere Kooperation mit den Zuweisern

Dtsch Arztebl 2012; 109(45): [17]

Pentenrieder, Sebastian

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Am Campus Großhadern des Klinikums der Universität München verbessert ein klinisches Online-Netzwerk die Patientenversorgung in der Herz- und Neurochirurgie.

Fotos: Brainlab
Fotos: Brainlab

Der Campus Großhadern des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München ist beratende Instanz und Zuweisungsempfänger für eine Vielzahl an Kliniken und niedergelassenen Ärzten im Umkreis. Für die Ärzte am Expertenzentrum bedeutet das vor allem zeitkritische Diagnosen und die regelmäßige Zuweisung von Akutfällen aus dem weiteren Umland. Kardiologie und Herzchirurgie sind dabei in besonderem Maß auf einen schnellen Bilddatenzugriff angewiesen, um Behandlungen bereits vor der Überweisung gemeinsamer Patienten fundiert planen und prüfen zu können.

Anzeige

Seit Anfang des Jahres bietet die Herzchirurgische Klinik in Großhadern allen Zuweisern ein klinisches Online-Netzwerk (Quentry™, Firma Brainlab) für den Austausch von Patientendaten an. Über die Plattform können Ärzte schnell Herzkatheterfilme, CTs, Röntgenaufnahmen, MR-Daten oder andere medizinische Befunde, die von Peripheriekliniken oder niedergelassenen Praxen eingestellt werden, begutachten. Die umgehende und umfassende Einschätzung der Situation ermöglicht eine optimale Maßnahmenentscheidung, die in der Diskussion mit dem Zuweiser getroffen wird. Der Patient wird dementsprechend sofort vor Ort oder nach kurzem Transport – auch elektiv – im LMU-Klinikum behandelt.

Die Cloud-basierte Lösung fügt sich nahtlos in die Arbeitsabläufe der Station ein, ermöglicht mehr Kosteneffizienz und bietet dem Klinikum die technologische Basis, um seine medizinische Expertise als Dienstleister für andere Ärzte und Krankenhäuser anzubieten. In der Praxis heißt das: Der jeweils diensthabende Oberarzt der Herzchirurgischen Klinik trägt ein Diensthandy bei sich, das ihn über neue, per E-Mail eingehende Kollegenanfragen informiert. Er loggt sich mit seinem Passwort an einem beliebigen PC mit Internetzugang in die Online-Plattform ein und sichtet die Patientenbilder. Dann nimmt er telefonisch Kontakt mit dem Zuweiser auf, gibt seine Einschätzung über die indizierte Behandlung ab und kann – nach gemeinsamer Definition der Behandlungsstrategie – gegebenenfalls direkt die Verlegung des Patienten arrangieren.

Schematische Übersicht über die Zuweiser, die über ein Online-Netzwerk mit dem Campus Großhadern des KLinikums der LMU München verbunden sind.
Schematische Übersicht über die Zuweiser, die über ein Online-Netzwerk mit dem Campus Großhadern des KLinikums der LMU München verbunden sind.

„Die Entscheidung, ob eine Stentangoplastie vor Ort durchgeführt werden kann oder ein Koronararterien-Bypass im Klinikum angelegt werden muss, kann ein Herzchirurg nur anhand eines Herzkatheterfilms treffen. Wir können fünf bis zehn Minuten nach Eingang einer Anfrage entscheiden, welche Behandlung nötig ist. Gerade bei Akutfällen werden so gefährliche Verzögerungen, aber auch unnötige Transporte vermieden“, erläutert Dr. med. Maximilian Pichlmaier, stellvertretender Direktor der Herzchirurgischen Klinik und Poliklinik am Campus Großhadern die Vorteile.

Schnelle Entscheidungen

Im Fall einer Überweisung an das LMU-Klinikum liegen die Befunde bereits vor, so dass alle Vorbereitungen für den Eingriff vor Eintreffen des Patienten getroffen werden können. So wird Zeit gespart, die für Myokardinfarkt-Patienten lebensrettend sein kann.

Auch andere Abteilungen nutzen die Technologie, allen voran die Neurologie, die aus der Unfallklinik Murnau häufig Opfer schwerer Verkehrsunfälle zugewiesen bekommt oder Schlaganfallpatienten aus kleineren Kliniken diagnostiziert.

Oberarzt Christian Sturm ruft Daten über die Plattform ab.
Oberarzt Christian Sturm ruft Daten über die Plattform ab.

So steht das Klinikum Landsberg seit Anfang 2012 ebenfalls über die Plattform mit den Kollegen in Großhadern in Verbindung. Das Klinikum, das über keine eigene neurologische Station verfügt, behandelt im Jahr 200 bis 250 Schlaganfallpatienten. Die Anfahrt zu den großen Schlaganfallzentren in Augsburg oder München dauert im Akutfall zu lange. Um eine schnelle Lysebehandlung einzuleiten, müssen zunächst eine zweifelsfreie Diagnose getroffen und sekundäre Einblutungen ausgeschlossen werden.

Das Zeitfenster für die Behandlung schließt nach 3,5 bis vier Stunden. Die Stroke-Unit in Großhadern kann auf Basis der Erfahrungswerte aus 1 000 Fällen im Jahr wertvolle Hilfestellung bei der Therapieentscheidung leisten. „Bei nicht eindeutigen Fällen rufen wir an und holen uns die Expertenmeinung ab, sobald die DICOM-Bilder transferiert sind“, erklärt Oberarzt Christian Sturm vom Klinikum in Landsberg. „Bei einem intrazerebralen Gefäßverschluss kann eine sofortige Lysetherapie eingeleitet und gegebenenfalls auch der Transport ins Schlaganfallzentrum für eine Weiterbehandlung, etwa mit dem Katheterverfahren, veranlasst werden.“ Die nötigen Daten liegen in jedem Fall bereits vollständig vor.

Die Online-Plattform wird als flexibler und skalierbarer webbasierter Service genutzt, der die Möglichkeit bietet, sich mit beliebig vielen Kliniken ohne Infrastrukturinvestition über die Cloud zu verbinden. Alle Basisfunktionalitäten sind browserbasiert angelegt. Das Krankenhaus muss weder Hardware-Komponenten bereitstellen, noch fallen Investitionskosten für Software an. Auch die Wartungskosten sind minimal. Durch automatisierte Updates greifen Nutzer stets auf die neueste Version zu, ohne diese selbst installieren zu müssen. Mit einer Glasfaseranbindung, wie sie am Campus Großhadern zur Verfügung steht, ist der Zugriff besonders komfortabel.

Sicherheit im Fokus

Jeder Nutzer hat ein persönliches Passwort, mit dem er sich einloggt. Personenbezogene Zugänge können Stationskonten zugeordnet und wieder ausgeschlossen werden, etwa wenn ein Arzt ein Krankenhaus verlässt. Die Patientendaten werden SSL-verschlüsselt übermittelt und nach dem AES-Standard verschlüsselt gespeichert. Sie können anonymisiert oder mit personenbezogenen Informationen übertragen werden. Der Nutzer, der die Daten hochlädt, bleibt für die Daten verantwortlich; er kann die Ansichtsrechte jederzeit entziehen oder festlegen, ob der Empfänger die DICOM-Daten nur betrachten oder auch in das klinikeigene PACS herunterladen darf. Dort unterliegen sie den jeweiligen internen Datenhaltungsroutinen. Die Bilddaten werden nach einer festgelegten Zeitspanne automatisch gelöscht. Damit entspricht das System den deutschen Datenschutzbestimmungen.

Analog zu einem sozialen Netzwerk können Ärzte in dem klinischen Netzwerk ihr eigenes Kollaborations-Netzwerk aufbauen und erweitern, indem sie Kollegen als Kontakt einladen und diese die Anfrage bestätigen. „Nach dem Einloggen kann ich nach anderen Teilnehmern suchen und ihnen eine Kontaktanfrage schicken. Wird diese akzeptiert, können im nächsten Schritt die Patientendaten zugänglich gemacht werden,“ erläutert Pichlmaier.

Sein Kollege Sturm in Landsberg bestätigt: „Ein wichtiger Vorteil eines umfassenden Expertennetzwerks ist der universelle Einsatz. Aktuell arbeiten wir mit der Stroke-Unit der neurologischen Abteilung in Großhadern zusammen. Mit Quentry können wir uns aber auch bei Bedarf mit anderen Disziplinen wie der Urologie schnell und unkompliziert vernetzen.“ Auch das eigene Team kann einen Arzt über das Netzwerk konsultieren, so dass er selbst von zu Hause oder auf einem Kongress valide Aussagen auf solider Datengrundlage treffen kann. Inzwischen sind acht Kliniken aus dem Umkreis über die Plattform an das Klinikum angebunden. Das Netzwerk wächst kontinuierlich nach Kliniken und Fachdisziplinen, und im nächsten Schritt sollen mehr niedergelassene Kardiologen eingebunden werden. „Wir verzeichnen bereits eine Steigerung der Patientenzuweisungen. Unsere Zuweiser fragen durchschnittlich zweimal häufiger pro Woche an“, bestätigt Pichlmaier.

Künftig sollen die klinischen Anwender von jedem Ort und Endgerät auf medizinisches Bildmaterial und klinische Anwendungen des Systems zugreifen können – ob am Patientenbett oder im OP. Geplant sind iPhone- und iPad-Applikationen für den Zugriff auf Bilddaten, Verknüpfungen mit PACS-Systemen sollen zum einfacheren Hoch- und Herunterladen möglich sein. Darüber hinaus können auch medizintechnische Geräte wie etwa chirurgische Navigationssysteme integriert werden. Funktionen zum exakten Markieren und Vermessen von Tumoren, Auto-Segmentierung von anatomischen Bereichen und viele weitere Funktionen sollen für die Online-Bildbetrachtung ergänzt werden. Sebastian Pentenrieder

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema