ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2012Telemedizin: Bausteine für eine E-Health-Strategie

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Telemedizin: Bausteine für eine E-Health-Strategie

Dtsch Arztebl 2012; 109(45): A-2236 / B-1824 / C-1788

Krüger-Brand, Heike E.

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Neben der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte gewinnen telemedizinische Verfahren zunehmend an Bedeutung. Sie sollen vor allem die bedarfsgerechte medizinische Versorgung in ländlichen Regionen sicherstellen.

Fotos: Fotolia/XtravaganT
Fotos: Fotolia/XtravaganT

Die demografische Entwicklung, die zunehmende Spezialisierung und die Änderungen der Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum sind die drei zentralen Herausforderungen, denen das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) unter anderem mit einer nationalen E-Health-Strategie begegnen will. „Wir haben hier erhebliche Fortschritte erzielt“, betonte Thomas Ilka, Staatssekretär im BMG, beim 3. Nationalen Fachkongress Telemedizin in Berlin.

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Das betrifft aus Sicht des Bundesministeriums zunächst vor allem die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) und den damit verbundenen Aufbau einer bundesweiten Tele­ma­tik­infra­struk­tur als technologische Basis: So sind die gesetzlichen Krankenkassen dazu verpflichtet, bis Ende 2012 an 70 Prozent ihrer Versicherten (etwa 50 Millionen Menschen) die neuen Karten auszugeben. Im nächsten Jahr soll der Ausgabeprozess abgeschlossen werden – die Chancen dafür stehen nach Meinung von Experten gut.

Im Frühjahr 2013 soll zudem der Zuschlag für die großflächigen Feldtests der eGK an ein Industriekonsortium erteilt werden. Die Tests, die zunächst die Online-Aktualisierung der Versichertenstammdaten und die qualifizierte elektronische Signatur umfassen, sollen im vierten Quartal 2013 in fünf Regionen (Bochum/Essen, Flensburg, Ingolstadt, Löbau/Zittau und Trier) starten, berichtete Prof. Dr. Arno Elmer, Hauptgeschäftsführer der Betreibergesellschaft Gematik. Parallel dazu werden weitere Anwendungen wie das Notfalldatenmanagement und die Arznei­mittel­therapie­sicherheit vorbereitet.

An Datenschutz und Datensicherheit würden dabei keine Abstriche gemacht, hob Ilka hervor. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik seien intensiv eingebunden.

E-Health-Initiative soll Telemedizin vorantreiben

Der zweite große Bereich der
E-Health-Strategie betrifft die Telemedizin. Ziel ist es, die flächendeckende Nutzung von telemedizinischen Anwendungen voranzubringen und den Weg in die Regelversorgung zu ebnen. Hierzu soll die Mitte 2010 gegründete E-Health-Initiative des Bundes, die von allen Spitzenorganisationen der Selbstverwaltung und den betroffenen Unternehmensverbänden getragen wird, Konzepte und Maßnahmen erarbeiten. In seinem Vortrag ging Ilka vor allem auf drei Maßnahmen ein:

  • Am 14. November 2012 geht das „Deutsche Telemedizin-Portal“ online. Die Plattform wird einen systematischen Überblick über bestehende Telemedizinprojekte ermöglichen. Beim Start sind Informationen über 150 Projekte, etwa zu Finanzierung, technischen Standards, Datenschutzkonzepten, abrufbar. Das Portal soll dazu beitragen, Umsetzungshürden abzubauen und Kooperationen zwischen Akteuren zu erleichtern (siehe Artikel „Die Erfahrungen anderer nutzen“ in diesem Heft).
  • Beim IT-Gipfel der Bundesregierung Mitte November in Essen wird zudem ein Kriterienkatalog für Telemedizin vorgelegt. Dieser soll für künftige Projekte ein Raster vorgeben, was bei Planung, Entwicklung und Evaluation zu beachten ist und welche Kriterien für die Kostenübernahme relevant sind. In den Katalog seien die Anforderungen der Ärzte und die vom Deutschen Ärztetag 2010 beschlossenen „Voraussetzungen für gute Telemedizin“ eingeflossen, erklärte Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, der Telematikbeauftragte der Bundes­ärzte­kammer.
  • Außerdem hat das BMG eine Planungsstudie zur Interoperabilität in Auftrag gegeben, um fachgebiets- und sektorenübergreifende Versorgungsprozesse stärker zu unterstützen und Insellösungen entgegenzuwirken. Hintergrund sind die vielen heterogenen Systeme und untereinander nicht kommunikationsfähigen Netze. Bis Juli 2013 sollen Verfahrens- und Strukturvorschläge erarbeitet werden, die aufzeigen, wie die Interoperabilität im Gesundheitswesen verbessert werden kann. Die Basis bildet eine Bestandsaufnahme der Ansätze auf nationaler und internationaler Ebene.

Darüber hinaus enthält das Anfang 2012 in Kraft getretene GKV-Versorgungsstrukturgesetz Ilka zufolge wichtige Voraussetzungen für den Telemedizineinsatz vor allem im ländlichen Raum (Kasten). Telemedizin soll dort wichtiger Bestandteil der medizinischen Versorgung werden. „Der Bewertungsausschuss muss bis März 2013 festlegen, in welchem Umfang ärztliche Leistungen des Einheitlichen Bewertungsmaßstabes (EBM) ambulant telemedizinisch erbracht werden können und wie in Folge der EBM anzupassen ist“, erläuterte Ilka. Der Prüfungsauftrag umfasse auch die Kostenpauschale für die Übermittlung ärztlicher Unterlagen wie den elektronischen Arztbrief als Papierersatz.

Im Hinblick auf eine mögliche Vergütung telemedizinischer Verfahren kommen nach Meinungen von Experten beispielsweise Leistungen der Teleradiologie und Telepathologie, ebenso das Telemonitoring, etwa von Patienten mit Herzinsuffizienz, COPD oder Diabetes, infrage.

Fachspezifischer Ansatz bei Fortbildung zu Telemedizin

Schließlich spielt die Telemedizin auch in der ärztlichen Fortbildung zunehmend eine Rolle. „Über Fortbildungsmaßnahmen können Ärzte für die Anwendung telemedizinischer Methoden qualifiziert werden“, sagte Bartmann. Vom ursprünglichen Plan, ein allgemeines „Zertifikat Telemedizin“ für die Fortbildung zu entwickeln, sei man allerdings abgerückt. Aufgrund der vielen Spielarten, in denen Telemedizin zum Einsatz kommen könne, sei ein fachspezifischer Ansatz notwendig, der auf das jeweilige Fachgebiet und die jeweilige Methode fokussiere. Hinzu kommen fachgebietsübergreifend juristische Aspekte (Haftung, Datenschutz, Berufsrecht) sowie spezifische kommunikative Aspekte und informationstechnisches Grundwissen. Auch in der für 2014 geplanten grundsätzlichen Novellierung der Weiterbildung solle Telemedizin als Sonderbereich aufgenommen werden, kündigte Bartmann an.

Hierfür wie auch für die Implementierung von Telemedizin in die Versorgung spielen die wissenschaftlichen Fachgesellschaften eine wesentliche Rolle. Der Verbreitungsgrad telemedizinischer Methoden in den einzelnen Fachgebieten ist zwar sehr unterschiedlich und das Anwendungsspektrum heterogen, das Interesse gleichwohl groß.

„Die Diabetesversorgung könnte eine Kerndomäne telemedizinischer Anwendungen werden“, erklärte etwa Prof. Dr. med. Diethelm Tschöpe, Vorsitzender der Deutschen Diabetes-Gesellschaft. Die technischen Voraussetzungen seien inzwischen weit fortgeschritten: So gebe es die Möglichkeit, die Blutzuckerwerte „in realtime“ zu erfassen, zu bewerten und patientenrelevante Maßnahmen zu ergreifen. Ob jedoch der Gewinn an Stoffwechselbetreuungsqualität sich in einen Endpunktegewinn übersetzen lasse, sei wegen der Komplexität der Erkrankung noch unklar. Es gelte, für die einzelne Anwendung Evidenz zu entwickeln. „Vor der Regelversorgung steht die projektbezogene Evaluation“, betonte Tschöpe. „Hierfür sind eine kritische Masse und der Einsatz vor allem in selektierten Patientengruppen notwendig.“

Auch in der Inneren Medizin befasst man sich intensiv mit telemedizinischen Verfahren. „Beim Internistenkongress im Frühjahr 2013 haben wir Telemedizin als Hauptthema gewählt“, sagte Prof. Dr. med. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Fölsch berichtete von der Entwicklung einer Leitlinien-App für die Innere Medizin. Diese ist als Container konzipiert, in den künftig weitere Leitlinien-Apps integriert werden sollen. Fertiggestellt ist die App zur tiefen Venenthrombose. Sie ermöglicht die Score-Berechnung der klinischen Wahrscheinlichkeit für eine Venenthrombose auf Basis hinterlegter Algorithmen. Die Therapieschritte sind als Pfad aufbereitet. Kontextsensitive Infos und die Volltexte der Leitlinien sind zusätzlich verfügbar. Die Verknüpfung solcher interaktiven Leitlinien mit telemedizinischen Anwendungen, etwa dem Abfragen biometrischer Parameter des Patienten, eröffne künftig neue Wege, um Therapiekonzepte zu erarbeiten, meinte Fölsch.

Heike E. Krüger-Brand

GKV-Versorgungsstrukturgesetz

§ 87 Absatz 2 a Sozialgesetzbuch V

(. . .) „Bei der Überprüfung nach Absatz 2 Satz 2 prüft der Bewertungsausschuss bis spätestens zum 31. Oktober 2012, in welchem Umfang ambulante telemedizinische Leistungen erbracht werden können; auf dieser Grundlage beschließt er bis spätestens zum 31. März 2013, inwieweit der Einheitliche Bewertungsmaßstab für ärztliche Leistungen anzupassen ist.“

Begründung:

Telemedizin soll vor allem für den ländlichen Raum ein wichtiger Bestandteil der vertragsärztlichen Versorgung werden und besonders gefördert werden. (. . .) Dieser Auftrag bezieht sich auch auf die Überprüfung des Anpassungsbedarfs der bundesmantelvertraglich vereinbarten Kostenpauschalen (Kapitel 40 des EBM) hinsichtlich der elektronischen Übermittlung ärztlicher Unterlagen.

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