ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2012Psychotherapeutische Versorgung und Vergütung: Extrabudget mit wenig Inhalt

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Psychotherapeutische Versorgung und Vergütung: Extrabudget mit wenig Inhalt

PP 11, Ausgabe November 2012, Seite 481

Bühring, Petra

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Genehmigungspflichtige psychotherapeutische Leistungen und auch probatorische Sitzungen werden künftig außerhalb der morbiditätsorientierten Gesamtvergütung von den Krankenkassen bezahlt. Diese Forderung von Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) und psychotherapeutischen Berufsverbänden hat der Erweiterte Bewertungsausschuss auf seiner Sitzung am 22. Oktober beschlossen. Die KBV hatte diesen Punkt zuletzt zur Bedingung für weitere Honorarverhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband gemacht. Spannungen zwischen Fachärzten und Psychotherapeuten wegen des Abzugs des festen Mindesthonorars für Psychotherapie aus dem gemeinsamen Facharzttopf sind damit aus der Welt. Das Morbiditätsrisiko für vermutlich weiter zunehmende psychische Erkrankungen tragen die Krankenkassen und nicht die Ärzte. Und mit dem Einbezug der probatorischen Sitzungen in das Extrabudget wird künftig auch die notwendige sorgfältige Diagnostik zum Preis der Gebührenordnung honoriert – einige KVen hatten diese Leistungen bisher nur zu einem verminderten Honorar bezahlt. So weit, so gut.

Im Gegenzug für dieses Zugeständnis haben sich KBV und Krankenkassen darauf geeinigt, den Zuwachs an psychotherapeutischen Praxissitzen auf 1 150 zu begrenzen. Die Verteilung festlegen muss der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) in der anstehenden Reform der Bedarfsplanung (siehe auch Seite 490). Die Finanzierung notwendiger Neuzulassungen für unterversorgte ländliche Gebiete wird von den Berufsverbänden und der Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) zunächst begrüßt. Die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung (DPtV) und der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (BVVP) bezweifeln aber, dass dieser Zuwachs ausreichen wird, um die Wartezeiten auf eine Psychotherapie flächendeckend auf ein akzeptables Niveau zu bringen.

Die BPtK befürchtet noch viel Schlimmeres: Etwa 5 700 Psychotherapeutensitze könnten nach Berechnungen der Kammer in Groß- und Kreisstädten abgebaut werden, weil die gesetzlichen Vorgaben im Versorgungsstrukturgesetz eine Einziehung von Zulassungen erlauben. Diese Möglichkeit ist sicherlich rein rechtlich denkbar. Ob die Ärzte- und Kassenvertreter in den regionalen Zulassungsausschüssen angesichts der beständigen Mahnungen hinsichtlich viel zu langer Wartezeiten auf Therapieplätze von dieser Möglichkeit tatsächlich Gebrauch machen, ist fraglich. Wichtig ist auch, dass der G-BA bei der Reform der Bedarfsplanung zu neuen Verhältniszahlen findet, die der Versorgungsrealität angemessen sind.

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An der Einkommenssituation von Psychotherapeuten ändern die Honorarbeschlüsse indes wenig. Die ausgehandelte Anhebung des Orientierungswertes um 0,9 Prozent oder 285,3 Millionen Euro bewirkt nach Berechnungen von DPtV und BVVP 50 Euro mehr im Monat. Dies sei die erste und einzige Anhebung seit vier Jahren und bedeute angesichts der jährlichen Inflation einen „massiven realen Einkommensverlust“.

Psychotherapeuten verdienen nach Berechnungen des Zentralinstituts der KBV nur durchschnittlich die Hälfte dessen, was somatisch tätige Ärzte erwirtschaften können. Eine gesetzliche Regelung, nach der Psychotherapeuten bei gleichem Arbeitseinsatz ein Einkommen erzielen können wie ein Facharzt, ist daher überfällig.

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