ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2012Jahresthema Tabu: Fetische – Genagelt und verspiegelt

KUNST + PSYCHE

Jahresthema Tabu: Fetische – Genagelt und verspiegelt

PP 11, Ausgabe November 2012, Seite 482

Kraft, Hartmut

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Aus dem Kongobecken in Zentralafrika kennen wir Nagelfetische, diese hölzerne Figuren, deren magische Macht durch das Einschlagen von Nägeln aktiviert und gesteigert werden soll. Andere Figuren dieser Region, die Spiegelfetische, haben eine mit einer Spiegelscherbe verschlossene Aushöhlung, welche eine magische Substanz beherbergt. Diesen Fetischen wird eine schützende, Fremden und Feinden gelegentlich aber auch Unheil bringende Funktion zugesprochen.

Peter Gilles, Birgit Kahle: ohne Titel (2011/2012), 2 Holzkästen, Weckmänner, Nägel, Spiegelscherben, Farbe et cetera, jeweils 30 × 15 × 6 cm, rückseitig signiert und datiert. Foto: Eberhard Hahne
Peter Gilles, Birgit Kahle: ohne Titel (2011/2012), 2 Holzkästen, Weckmänner, Nägel, Spiegelscherben, Farbe et cetera, jeweils 30 × 15 × 6 cm, rückseitig signiert und datiert. Foto: Eberhard Hahne

Ihre Herkunftsgeschichte ist umstritten. Auffällig ist jedoch, dass bereits im 16. Jahrhundert eine Christianisierung des Entstehungsgebietes dieser Fetische erfolgte. Der ans Kreuz genagelte Christus sowie auch Figuren des von Pfeilen durchbohrten Heiligen Sebastian dürften ebenso bekannt gewesen sein wie Reliquiarfiguren mit ihren Glas- oder Spiegelscheiben, hinter denen sich Reliquien verbargen. Ein Zusammenhang ist nicht zweifelsfrei zu beweisen, darf als Hypothese jedoch einige Wahrscheinlichkeit beanspruchen. Aber findet man darüber hinaus nicht deutliche fetischistische Züge gerade in christlichen Kirchen, wenn vor Heiligenbildnissen Kerzen aufgestellt werden oder gar das als wundertätig geltende „Santo Bambino“ in der Kirche Santa Maria in Aracoeli in Rom mit Schmuck behängt, ja geradezu überladen wird? Diese strukturellen Ähnlichkeiten aufzuzeigen gilt nicht wenigen Gläubigen als verfehlt, peinlich – oder gar als ein Tabu.

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Auf eine sehr direkte Weise haben die beiden Kölner Künstler Birgit Kahle und Peter Gilles die hier diskutierten Zusammenhänge auf den bildnerischen Punkt gebracht. Die zu Sankt Nikolaus im Dezember oder – im Rheinland – auch schon im November zu Sankt Martin gern gebackenen „Gebildbrote“ werden von den Künstlern mit Spiegeln und Nägeln in der Art afrikanischer Fetische aufgeladen und somit Christentum und Fetischreligion künstlerisch kurzgeschlossen. Die Möglichkeiten einer Interpretation sind damit nur angerissen. Welche Bedeutung hat zum Beispiel die schwarze Farbe, welche die bunten Fäden oder die Verwendung der Holzkästen? Dr. med. Hartmut Kraft

Biografien

Birgit Kahle wurde 1957 in Köln geboren, Foto- und Objektkünstlerin. Lebt in Köln und Stresa (www.birgitkahle.eu).

Peter Gilles wurde 1953 in Köln geboren. Zeichner und Performancekünstler, seit 1978 entstehen Arbeiten mit eigenem Blut. Lebt in Köln und Stresa (www.petergilles.de). Zusammen mit Birgit Kahle und Giampiero Zanzi Gründung des internationalen Ausstellungsprojekts „Lo Spirito del Lago“ in Stresa am Lago Maggiore/Italien.

1.
Kraft H (Hrsg.): Lo Spirito del Lago 1997–2006. Köln: Salon Verlag 2007.
2.
Palme H: Spiegelfetische im Kongoraum und ihre Beziehung zu christlichen Reliquiaren. Wiener Ethnologische Blätter, Beiheft 5, Wien 1977.
1. Kraft H (Hrsg.): Lo Spirito del Lago 1997–2006. Köln: Salon Verlag 2007.
2. Palme H: Spiegelfetische im Kongoraum und ihre Beziehung zu christlichen Reliquiaren. Wiener Ethnologische Blätter, Beiheft 5, Wien 1977.

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