ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2012Die elektrische Zigarette: Ein nebulöses Produkt

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Die elektrische Zigarette: Ein nebulöses Produkt

PP 11, Ausgabe November 2012, Seite 502

Schaller, Katrin; Pötschke-Langer, Martina

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Das Deutsche Krebsforschungszentrum rät vom Konsum der elektrischen Zigarette ab: Unklar ist die Wirkung auf die Gesundheit, und auch als Hilfsmittel zur Tabakentwöhnung ist sie nicht geeignet.

Foto: dapd
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Ein neues Produkt ist dabei, sich auf dem Markt zu etablieren: die elektrische Zigarette. Sie besteht aus einer oftmals zigarettenähnlichen Hülle aus Plastik, einem elektrischen Vernebler, einer Stromquelle (Batterie, Akku) und einer auswechselbaren Flüssigkeitskartusche. Der Inhalt der Kartusche, ein Gemisch aus Propylenglykol, Aromen, zumeist Nikotin und in manchen Produkten auch Glyzerin, wird beim Ziehen am Mundstück vernebelt.

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Elektrische Zigaretten können nicht zum Gebrauch empfohlen werden, da ihre Wirkung auf die Gesundheit nach derzeitigem Forschungsstand unklar ist. Die Hersteller legen keine Spezifikation aller Inhaltsstoffe und keine chemische oder toxikologische Analyse vor; Fehldeklarationen der Inhaltsstoffe sind keine Seltenheit (1). Oftmals enthalten die Kartuschen weniger Nikotin als angegeben, oder es befinden sich in als „nikotinfrei“ deklarierten Flüssigkeiten Spuren von Nikotin (1, 2). Sehr variabel ist auch die Effektivität, mit der das Nikotin vernebelt wird: Je nach Produkt gelangen 21 bis 85 Prozent des Nikotins in das Aerosol, wobei die Nikotinmenge im Aerosol auch innerhalb eines einzigen Produkts sehr inkonsistent sein kann (2). In einzelnen Flüssigkeiten oder deren Nebel wurden krebserzeugende Substanzen wie tabakspezifische Nitrosamine oder Aldehyde nachgewiesen (1, 3). Zudem wird von technischen Problemen (Auslaufen der Kartuschen, Fehlfunktionen) berichtet. Bedenklich sind auch Nachfüllpackungen, da diese toxikologisch gefährliche Nikotinmengen enthalten können und der Konsument beliebige Substanzen mit unbekanntem gesundheitlichem Gefahrenpotenzial zumischen kann.

Einzelne akute Vergiftungen

Das in den Lösungen enthaltene Nikotin kann abhängig machen. Studien zu langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen zum Gebrauch von E-Zigaretten liegen bisher nicht vor. Einzelnen Studien zufolge verursacht der Gebrauch kurzfristig Trockenheit in Mund und Rachen (4) und beeinträchtigt die Lungenfunktion (5). Daneben wurde von einem Fall berichtet, in dem der E-Zigarettenkonsum eine exogene Lipidpneumonie auslöste (6), und in Einzelfällen kam es Presseberichten zufolge zu akuten Vergiftungen durch übermäßigen Gebrauch. Zudem ist eine gesundheitliche Gefährdung Dritter nicht ausgeschlossen, da beim Konsum die Raumluft mit ultrafeinen Partikeln und flüchtigen organischen Komponenten belastet wird (7).

Einer der häufigsten Gründe, warum Raucher elektrische Zigaretten verwenden, ist die Annahme, mit ihrer Hilfe den Zigarettenkonsum senken oder sogar beenden zu können. Einer Umfrage zufolge hoffen in Deutschland etwa sieben Prozent der Raucher, die einen Rauchstopp versuchen, die elektrische Zigarette würde ihnen helfen, mit dem Rauchen aufzuhören. In derselben Umfrage gibt aber keiner der erfolgreichen Exraucher an, elektrische Zigaretten als Hilfsmittel beim Rauchstopp verwendet zu haben (8). Bislang liegen auch keine evidenzbasierten Studien zum Nutzen der elektrischen Zigarette als effektives Hilfsmittel zu einer dauerhaften Tabakentwöhnung vor. Zwar können elektrische Zigaretten Entzugssymptome lindern (1, 9) und dazu beitragen, dass Raucher ihren Zigarettenkonsum reduzieren oder sogar beenden (4, 9), aber langfristig erhalten die Produkte – anders als pharmazeutische Nikotinersatzprodukte – offensichtlich die Nikotinabhängigkeit aufrecht, denn einige Konsumenten geben an, sie fürchteten wieder mit dem Rauchen anzufangen, wenn sie die elektrische Zigarette absetzen (10). Bevor elektrische Zigaretten als Hilfsmittel in der Tabakentwöhnung zugelassen werden können, müssen erst evidenzbasierte Studien deren Sicherheit und Effektivität nachweisen.

Insgesamt sind elektrische Zigaretten – egal ob mit oder ohne Nikotin – aufgrund der beschriebenen Produktmängel in der Deklaration, Qualitätssicherung und Sicherheit sowie wegen der unklaren Gesundheitsgefährdung nicht als Konsumprodukt geeignet.

Katrin Schaller, Martina Pötschke-Langer, Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit4312

1.
Etter JF, Bullen C, Flouris AD, Laugesen M, Eissenberg T: Electronic nicotine delivery systems: a research agenda. Tob Control 2011; 20(3): 243–8. MEDLINE
2.
Goniewicz ML, Kuma T, Gawron M, Knysak J, Kosmider L: Nicotine levels in electronic cigarettes. Nicotine Tob Res 2012; EPub ahead of print, doi:10.1093/ntr/nts103. MEDLINE
3.
Uchiyama S, Inaba Y, Kunugita N: Determination of acrolein and other carbonyls in cigarette smoke using coupled silica cartridges impregnated with hydroquinone and 2,4-dinitrophenylhydrazine. J Chromatogr A 2010; 1217(26): 4383–8. MEDLINE
4.
Polosa R, Caponnetto P, Morjaria JB, et al.: Effect of an electronic nicotine delivery device (e-Cigarette) on smoking reduction and cessation: a prospective 6-month pilot study. BMC Public Health 2011; 11: 786. MEDLINE
5.
Vardavas CI, Anagnostopoulos N, Kougias M, et al.: Short-term pulmonary effects of using an electronic cigarette: impact on respiratory flow resistance, impedance, and exhaled nitric oxide. Chest 2012; 141(6): 1400–6. MEDLINE
6.
McCauley L, Markin C, Hosmer D: An unexpected consequence of electronic cigarette use. Chest 2012; 141(4): 1110–3. MEDLINE
7.
Schripp T, Markewitz D, Uhde E, Salthammer T: Does e-cigarette consumption cause passive vaping? Indoor Air 2012; accepted article. MEDLINE
8.
TNS Opinion & Social: Special Eurobarometer 385 / Wave EB77.1. Attitudes of Europeans towards Tobacco 2012.
9.
Caponnetto P, Campagna D, Papale G, Russo C, Polosa R: The emerging phenomenon of electronic cigarettes. Expert Rev Respir Med 2012; 6(1): 63–74. MEDLINE
10.
Etter JF, Bullen C: Electronic cigarette: users profile, utilization, satisfaction and perceived efficacy. Addiction 2011; 106(11): 2017–28. MEDLINE
1.Etter JF, Bullen C, Flouris AD, Laugesen M, Eissenberg T: Electronic nicotine delivery systems: a research agenda. Tob Control 2011; 20(3): 243–8. MEDLINE
2.Goniewicz ML, Kuma T, Gawron M, Knysak J, Kosmider L: Nicotine levels in electronic cigarettes. Nicotine Tob Res 2012; EPub ahead of print, doi:10.1093/ntr/nts103. MEDLINE
3.Uchiyama S, Inaba Y, Kunugita N: Determination of acrolein and other carbonyls in cigarette smoke using coupled silica cartridges impregnated with hydroquinone and 2,4-dinitrophenylhydrazine. J Chromatogr A 2010; 1217(26): 4383–8. MEDLINE
4.Polosa R, Caponnetto P, Morjaria JB, et al.: Effect of an electronic nicotine delivery device (e-Cigarette) on smoking reduction and cessation: a prospective 6-month pilot study. BMC Public Health 2011; 11: 786. MEDLINE
5.Vardavas CI, Anagnostopoulos N, Kougias M, et al.: Short-term pulmonary effects of using an electronic cigarette: impact on respiratory flow resistance, impedance, and exhaled nitric oxide. Chest 2012; 141(6): 1400–6. MEDLINE
6.McCauley L, Markin C, Hosmer D: An unexpected consequence of electronic cigarette use. Chest 2012; 141(4): 1110–3. MEDLINE
7.Schripp T, Markewitz D, Uhde E, Salthammer T: Does e-cigarette consumption cause passive vaping? Indoor Air 2012; accepted article. MEDLINE
8.TNS Opinion & Social: Special Eurobarometer 385 / Wave EB77.1. Attitudes of Europeans towards Tobacco 2012.
9.Caponnetto P, Campagna D, Papale G, Russo C, Polosa R: The emerging phenomenon of electronic cigarettes. Expert Rev Respir Med 2012; 6(1): 63–74. MEDLINE
10.Etter JF, Bullen C: Electronic cigarette: users profile, utilization, satisfaction and perceived efficacy. Addiction 2011; 106(11): 2017–28. MEDLINE

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