POLITIK

Humanistische Psychotherapie: „Nicht sicher, wohin die Reise geht“

PP 11, Ausgabe November 2012, Seite 503

Bühring, Petra

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Die Humanistische Psychotherapie mit ihren historisch heterogenen Ansätzen strebt eine einheitliche Zulassung als GKV-finanziertes weiteres Richtlinienverfahren an.

Die elf Verbände der Humanistischen Psychotherapie (HP) haben erstmalig gemeinsam einen Kongress veranstaltet. Unter dem Motto „Einheit und Vielfalt“ trafen sich Vertreter der Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, von Psychodrama, Körperpsychotherapie, Existenzanalyse, Logotherapie und Transaktionsanalyse (Kasten) am 12. und 13. Oktober in Berlin. „Wir haben unsere gemeinsamen Wurzeln in der humanistischen Philosophie“, sagte der Vorsitzende der erst vor zwei Jahren gegründeten Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie (AGHPT), Karl-Heinz Schuldt. „Jetzt soll ein neues Haus entstehen, eine neue Identität.“

Schuldt ist zuversichtlich, dass die neue Einheit der Vielfalt nicht entgegensteht. Denn das gemeinsame Ziel kommt den historisch heterogenen Verfahren zugute: Die Humanistische Psychotherapie strebt die Zulassung als GKV-finanziertes Verfahren an, neben den bereits bestehenden Verfahren – Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Verhaltenstherapie –, die in den Psychotherapie-Richtlinien des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) aufgenommen sind. Um dies zu erreichen, hat die AGHPT – zeitgleich zum Kongress – einen Antrag auf Anerkennung beim Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie (WBP) eingereicht. 270 Seiten umfasst der Antrag, eingeschlossen sind 264 Studien, die der WBP nun nach seinen Kriterien überprüfen soll. „Wir finden, dass unsere Argumente überzeugend sind“, sagt Manfred Thielen, Körperpsychotherapeut und stellvertretender Vorsitzender der AGHPT (siehe „3 Fragen an“).

Ausgearbeitet hat den Antrag Jürgen Kriz, emeritierter Professor für Psychotherapie und Klinische Psychologie an der Universität Osnabrück. „Wir haben ein Konvolut an Studien der international weit verbreiteten und anerkannten Humanistischen Psychotherapie“, erklärt Kriz. Die vom Beirat geforderten randomisiert-kontrollierten Studien seien jedoch für die Humanistische Psychotherapie „nicht adäquat“.

Der Antrag, die Humanistische Psychotherapie als einheitliches Verfahren anzuerkennen, ist jetzt auf dem Weg, „unter Nutzung der bisherigen Entscheidungen des WBP“. Dieser Zusatz soll eine Brücke zur Gesprächspsychotherapie (GT) bauen, denn der Wissenschaftliche Beirat hatte die GT bereits 2002 anerkannt, zur vertieften Ausbildung empfohlen und damit grundsätzlich eine sozialrechtliche Anerkennung durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA) frei gemacht. Der G-BA lehnte die Anerkennung des Verfahrens 2008 jedoch endgültig ab mit der Begründung, dass sich nur für Patienten mit Depressionen Belege dafür fänden, dass die GT ebenso nützlich sei wie die Richtlinienverfahren. Eine ausreichend breite Versorgungsrelevanz sei jedoch ein wesentliches Kriterium für die Aufnahme in den GKV-Leistungskatalog. Die Gesprächspsychotherapeuten starten also jetzt einen zweiten Versuch.

Doppelte Hürden

„Es ist keineswegs sicher, wohin die Reise gehen wird“, sagt Kriz, der selbst von 2004 bis 2008 Mitglied des WBP war. Er hofft jedoch, „dass eine gewisse Rationalität die Wissenschaftler im Beirat erreicht“. Grundsätzlich sieht er die Entscheidungsprozesse in den Gremien des Beirats und im G-BA sehr kritisch: „Es wird mit Wissenschaft argumentiert, aber es ist der Wille, ein Verfahren zuzulassen oder eben nicht.“ Er kritisiert die „Monokultur der Richtlinienpsychotherapie“ und glaubt einen grundsätzlichen Fehler der Gesetzgebung zu erkennen: „Ein ausgefeiltes Regelwerk als Doppelhürde aus WBP und G-BA verhinderte die (Wieder)zulassung der Gesprächspsychotherapie.“ Und auch die Systemische Psychotherapie warte jetzt schon vier Jahre im G-BA auf Überprüfung.

Heimat vieler Therapeuten

Kriz spricht von Wiederzulassung, weil Gesprächspsychotherapie, Psychodrama, Körpertherapie und Co. vor dem 1999 in Kraft getretenen Psychotherapeutengesetz durchaus von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wurden. „Die Humanistische Psychotherapie in all ihren Facetten ist für viele der älteren Psychotherapeuten die Heimat gewesen, aus der sie Menschenbild, Krankheitsverständnis und die Reflexion des therapeutischen Vorgehens gewonnen haben“, sagt Uschi Gersch vom Verband Psychologischer Psychotherapeuten – sie selbst eingeschlossen. Sie bemerkt, dass die HP bei jüngeren Kollegen wieder attraktiv wird, „weil diese sich mit ihren Ausbildungsverfahren im therapeutischen Alltag nicht ausreichend ausgerüstet erleben“. Der Kongress mit 400 Teilnehmern scheint diese Aussage zu bestätigen: Auffallend viele junge Psychotherapeuten waren dort erschienen.

Petra Bühring

die Mitglieder der AGHPT

  • DVG – Deutsche Vereinigung für Gestalttherapie e.V.: www.dvg-gestalt.de
  • DGK – Deutsche Gesellschaft für Körperpsychotherapie e.V.: www.koerperpsychotherapie-dgk.de
  • DGTA – Deutsche Gesellschaft für Transaktionsanalyse: www.dgta.de
  • DPGG – Deutsche Psychologische Gesellschaft für Gesprächspsychotherapie: www.dpgg.de,
  • DDGAP – Deutscher Dachverband Gestalttherapie für approbierte Psychotherapeuten e.V.: www.ddgap.de
  • DGLE – Deutsche Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse e.V.: www.logotherapie-gesellschaft.de
  • GLE-D – Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse in Deutschland e.V.: www.gle-d.de
  • GwG – Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie: www.gwg-ev.org
  • VPP – Verband Psychologischer PsychotherapeutInnen im BDP: www.vpp.org
  • DFP – Deutscher Fachverband für Psychodrama e.V.: www.psychodrama-deutschland.de
  • DGIK – Deutsche Gesellschaft für integrative Therapie, Gestalttherapie und Kreativitätsförderung

3 Fragen an . . .
Manfred Thielen, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie

Die Verfahren der Humanistischen Psychotherapie (HP) sind sehr heterogen. Warum schließen Sie sich gerade jetzt zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen?

Thielen: Die Gemeinsamkeiten liegen im Menschenbild, aber auch in der psychotherapeutischen Vorgehensweise, es wird zum Beispiel besonders mit Emotionsfokussierung und Erlebniszentrierung gearbeitet. Wir haben jetzt erst die verschiedenen Traditionslinien zusammengeführt, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Das kurzfristige Ziel ist, dass der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) die Wissenschaftlichkeit der HP nachvollzieht, und das längerfristige, dass dies auch der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) tut und die HP von den Krankenkassen bezahlt wird.

Glauben Sie, es ist leichter als einheitliches Verfahren die Anerkennung des WBP und des G-BA zu bekommen?

Thielen: Ja. Die Versuche, einzelne Verfahren vom WBP anerkennen zu lassen haben, haben nicht gefruchtet. Allein die Gesprächspsychotherapie hat die Anerkennung durch den WBP, aber eben nicht die sozialrechtliche. Sie hat sich als wichtiger Teil unserem gemeinsamen Antrag angeschlossen. Vor circa zwei Jahren haben auch die Gestalttherapeuten einen Antrag an den WBP gestellt, der aber jetzt ruht, weil sie sich unserem Antrag anschließen.

Der WBP hat einen breit angelegten Verfahrensbegriff. Wir haben in unserem Antrag konkret begründet, warum die HP auch nach diesen Kriterien ein einheitliches Verfahren ist. Wir unterscheiden uns dabei nicht von der Verhaltenstherapie oder psychodynamischen Verfahren. Im Gegenteil: Die Verhaltenstherapie umfasst noch eine viel größere Ansammlung von Methoden und Techniken.

Wie schätzten Sie die Chancen ein?

Thielen: Die Gesprächspsychotherapie und auch die Systemische Therapie sind international anerkannte und klinisch sehr verbreitete Richtungen, nur in Deutschland kommen sie nicht über die Hürden der Gremien. Warum das so ist, erschließt sich uns nicht. Sind es wirklich wissenschaftliche Kriterien oder auch Ängste und Lobbyismus? Die Vertreter der Psychotherapeuten im WBP und im G-BA sind bis auf wenige Ausnahmen Vertreter der Richtlinienverfahren. Wenn neue Verfahren ins System kommen, dann bewegt sich auch der Ausbildungssektor, bisher haben die Richtlinienverfahren hier ein Monopol. Es geht um viel Geld. Es ist der Eindruck entstanden, dass man die Tür zuhalten will gegenüber neuen Verfahren, obwohl sie die psychotherapeutische Versorgung für die Patienten verbessern würden. Deshalb arbeiten wir seit längerer Zeit daran, dass diese Tür geöffnet wird.

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