ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2012Problematischer und pathologischer Internetgebrauch: Mit Kompetenz ins Netz

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Problematischer und pathologischer Internetgebrauch: Mit Kompetenz ins Netz

PP 11, Ausgabe November 2012, Seite 509

Bühring, Petra

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Die Bundesdrogenbeauftragte widmete ihre Jahrestagung diesmal dem Thema Internetabhängigkeit. Gefordert werden mehr Präventions- und Beratungsangebote. Für die Anerkennung als eigenständige Erkrankung fehlt noch mehr Forschung.

Um pathologischem Internetkonsum entgegenzuwirken, müssten mehr Präventionsmaßnahmen geschaffen sowie Beratungs- und Behandlungsangebote speziell für diese Zielgruppe ausgebaut werden. Dies forderte die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans anlässlich ihrer Jahrestagung „Wenn aus Spaß Ernst wird – Exzessive und pathologische Computerspiel- und Internetnutzung“ Anfang Oktober in Berlin. Insbesondere müssten die Mitarbeiter der Drogen- und Suchthilfe speziell geschult werden.

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„Jugendliche und Erwachsene müssen in ihrer Medienkompetenz gestärkt werden, damit sie das Internet verantwortungsbewusst nutzen. Aber auch die Anbieter von Computerspielen oder sozialen Netzwerken sind in der Pflicht, ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden, indem sie ihre Nutzer über die Risiken aufklären“, sagte Dyckmans.

Etwa 560 000 der 14- bis 64-Jährigen in Deutschland sind internetabhängig; 2,5 Millionen von ihnen nutzen das Internet auf problematische Weise. Dies besagt die erste bundesweit repräsentative Studie zur Internetabhängigkeit (PINTA I) aus dem Jahr 2011 der Universitäten Lübeck und Greifswald. Die Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen ist mit 250 000 Abhängigen und 1,4 Millionen problematischen Nutzern besonders betroffen.

„Erhöhtes Risiko“

„Bei den 25- bis 64-Jährigen zeigt die Studie ein erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Abhängigkeit bei Männern, Ledigen, Arbeitslosen und bei Menschen mit Migrationshintergrund“, sagte der Studienleiter Priv.-Doz. Dr. phil. Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck. Eine Folgestudie (PINTA II) in Form einer weiteren Auswertung der Daten aus der ersten Studie sei gerade in Arbeit und soll im April 2013 veröffentlich werden.

Kriterien für einen problematischen beziehungsweise pathologischen Internetkonsum sind nach Aussage von Rumpf folgende:

  • die fast ausschließliche Beschäftigung mit Spielen oder sozialen Netzwerken
  • Kontrollverlust
  • Entzugserscheinungen, wie Unruhe, Gereiztheit, Langeweile
  • sich der Gefahr bewusst zu sein und es trotzdem zu tun
  • unangenehme Gefühlszustände sollen vermieden werden.

Die Bundesdrogenbeauftragte forderte bei der Jahrestagung die Anerkennung der Internetsucht als eigenständige Erkrankung und verlangte von den medizinischen Fachgesellschaften, dies zu veranlassen. Nach Ansicht des Wissenschaftlers Rumpf fehlt zur Aufnahme der Internetabhängigkeit in die Diagnoseklassifikationssysteme noch mehr Forschung. Die Datenlage zur Verbreitung und Symptomatik der Internetabhängigkeit müsse verbessert werden. Viel zu wenig untersucht sei beispielsweise die Abhängigkeit von sozialen Netzwerken wie Facebook. „Meine persönliche Einschätzung ist aber, dass es eine Abhängigkeit von Facebook gibt“, sagte Rumpf. Dyckmans wies darauf hin, dass mit der Folgestudie PINTA II „die Bundesregierung dazu beitrage, „diese notwendigen Grundlagen zu schaffen“.

Ein erfolgreicher Ansatz, um gefährdete Jugendliche zu erreichen, ist die Einbeziehung der gesamten Familie. Das zeigt das Bundesmodellprojekt „ESCapade“, dessen Ergebnisse bei der Jahrestagung vorgestellt wurden. Das von der Drogenhilfe Köln koordinierte, bundesweit durchgeführte Projekt hilft Familien mit 13- bis 18-jährigen Kindern, die an der Grenze zwischen exzessiver Internetnutzung und -abhängigkeit stehen.

Tabuthema in Familien

„Wir schaffen es, die Familien wieder miteinander in Kontakt zu bringen“, sagte Anne Kreft von der Drogenhilfe. „Auffallend war auch, dass in den Familien das Thema Computer absolutes Tabu war, ähnlich wie der Alkohol in Familien mit Alkoholabhängigen.“ Außerdem habe der exzessive Internetkonsum meist „kompensatorischen Charakter“ für die Jugendlichen gehabt. Die familientherapeutischen Interventionen hätten geholfen, solche Mechanismen aufzudecken.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung richtet sich jetzt mit einem noch frühzeitiger ansetzbaren Präventionsangebot an Jugendliche und ihre Familien: www.ins-netz-gehen.de bietet interaktiv aufbereitete Informationen und praktische Hilfen.

Petra Bühring

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